«Der Tod eines Menschen kann fünf andere retten»

Die Schweiz weist eine der tiefsten Organspendenquoten Europas auf. Der Zürcher Nierenspezialist Thomas Fehr glaubt: Mehr Öffentlichkeitsarbeit könnte das ändern. Denn heute seien viele Angehörige oftmals erst am Sterbebett mit der Frage einer Spende konfrontiert.

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Bildlegende: Das Universitätsspital Zürich hat bereits Massnahmen ergriffen, um die Anzahl Organspender zu steigern. Keystone/archiv

SRF News Online: Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Argument für oder gegen eine Spende?

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Zur Person

Prof. Dr. med. Thomas Fehr

Professor Fehr ist Nierenspezialist und leitender Arzt. Universitätsspital

Prof. Dr. med. Thomas Fehr ist leitender Arzt an der Klinik für Nephrologie und Koordinator des Transplantationszentrums des Universitätsspitals Zürich.

Prof. Dr. med. Thomas Fehr: Eine Organspende ist eine Solidaritätsbekundung – gegenüber kranken Mitmenschen und gegenüber der Gesellschaft. Der Tod eines Menschen kann das Leben von fünf anderen retten. Das ist ein sehr starkes Argument für eine Organspende. Bei einem gesunden Menschen, der einen Autounfall hatte, können wir zwei Nieren, eine Leber, eine Lunge und das Herz transplantieren, allenfalls noch die Bauchspeicheldrüse.

Warum lehnen viele Mitmenschen Ihrer Meinung nach eine Spende ab?

Unsere Erfahrung ist es, dass sich sehr viele Leute nie mit dem Thema befasst haben, bevor sie damit konfrontiert werden. Nach einem Todesfall stehen die Angehörigen vor zwei sehr belastenden Fragen: Einerseits muss der überraschende Tod eines Angehörigen verarbeitet werden. Andererseits müssen sie sich in einer sehr kurzen Zeitspanne mit einem Thema wie Organspende befassen. Diese Situation kann zu einer emotionalen Überforderung führen.

Regional ist die Spendenbereitschaft in der Schweiz sehr unterschiedlich. Wie lässt sich dies erklären?

Die Spendenbereitschaft hängt stark mit den Strukturen und Prozessen innerhalb der Spendernetzwerke zusammen. Das Organspende-Netzwerk der Westschweiz war  uns strukturell zwei bis drei Jahre voraus. Das Universitätsspital Zürich und die anderen Spitäler in der Deutschschweiz haben aber mit Effort nachgezogen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das Universitätsspital Zürich hat im letzten Jahr ein spezielles Team von Transplant-Koordinatoren aufgebaut. Diese betreuen nicht nur die Intensivstationen des Universitätsspitals, sondern auch die in unserem Organspende-Netzwerk angeschlossen Stellen. Sie bieten telefonisch Unterstützung an oder führen vor Ort Gespräche mit betroffenen Familien – Das Ganze im 24-Stunden-Betrieb.

In den meisten europäischen Ländern gilt Schweigen als Zustimmung für eine Spende. In der Schweiz gilt jedoch der Grundsatz: ohne Zustimmung keine Organentnahme. Erschwert das Gesetz von 2007 die Arbeit?

Möglicherweise erschwert es die Arbeit ein wenig. Andererseits wird die Familie in der Praxis immer miteinbezogen, wenn ein Patient auf der Intensivstation liegt und verstirbt. Sie ist immer dabei, wenn entschieden wird, ob die lebenserhaltenden Massnahmen abgebrochen werden oder nicht. Damit entspricht die gesetzlich verlangte Zustimmungslösung ohnehin der Normalsituation.

Wie könnte man die Spendenbereitschaft erhöhen?

Zum einem müssen wir mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Damit wir immer weniger die Situation haben, dass Familien erst bei einem Todesfall von Organspenden hören. Zum anderen muss man die strukturellen Voraussetzungen in den Spitälern schaffen. In kleineren Spitälern ist eine Organspende ein relativ seltenes Ereignis. Das heisst, die Leute, die dort arbeiten, haben wenig Erfahrung damit. Sie brauchen professionellen Support – 24 Stunden sieben Tage die Woche. Die Spitäler und schlussendlich auch die Gesundheitsdirektionen der Kantone müssen investieren, damit solche Stellen geschaffen werden. Ein anderer Engpass sind fehlende Betten auf den Intensivstationen. Auch dort muss man die strukturellen Voraussetzungen schaffen.

Denken Sie, dass ein Spendenskandal, wie derzeit in Deutschland, das Spendenverhalten in der Schweiz beeinflusst?

In der Schweiz ist es praktisch unmöglich, das System der Organzuteilung zu manipulieren. Mir ist in Zürich auch kein Fall bekannt, in welchem sich eine Familie wegen des Skandals in Deutschland gegen eine Spende entschieden hat. Im Gegenteil: Mit den Massnahmen, die wir getroffen haben, haben die Spenden deutlich zugenommen.