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Bergsturz in Bondo «Die Fachleute haben nicht mit einem Murgang gerechnet»

Man habe zwar die Abbruchmengen ziemlich genau vorhergesehen, sagt Regierungsrat Cavigelli. Das Wasser aber nicht.

Bagger in Schlamm stehend
Legende: Die Aufräumarbeiten in Bondo laufen auf Hochtouren. Keystone

Die Menschen im bündnerischen Bondo können weiterhin nicht in ihre Häuser zurück. Die Schäden im Dorf nach dem gewaltigen Murgang sind zu gross.

Zwar hatten die Bündner Behörden nach eigenen Angaben mit Abbrüchen am Berg gerechnet – nicht aber damit, dass sich das Material zusammen mit Wasser zu einer Schlammlawine entwickelt. Die Behörden hätten die Situation im Vorfeld falsch eingeschätzt. Dies gab der zuständige Regierungsrat Mario Cavigelli am Rande einer Informationsveranstaltung für die betroffene Bevölkerung erstmals zu.

Die politische Verantwortung ist in einem solchen Ereignis geteilt – typisch schweizerisch.
Autor: Mario CavigelliRegierungsrat

SRF News: Hatten Sie in Ihrer Gefahrenanalyse damit gerechnet, dass ein Murgang gleichzeitig mit dem Bergsturz stattfinden kann?

Mario Cavigelli: Die Fachleute des Amtes für Wald und Naturgefahren haben nicht mit einer Entwicklung eines Murganges gerechnet. Wir haben seit sechs, sieben Jahren unter strengster Beobachtung gerechnet, was wo wie abbrechen könnte als Bergsturz. Aber dass es gleichzeitig viel Wasser gibt, das diese trockene Abbruchmasse bewegen und so einen Murgang weiterentwickeln könnte – damit haben wir nicht gerechnet.

Legende: Video Aufräum-Wettlauf in Bondo abspielen. Laufzeit 02:23 Minuten.
Aus Tagesschau vom 28.08.2017.

Wieso kam es zu dieser Fehleinschätzung?

Wir wissen noch nicht, weshalb dieser Murgang nicht vorausgesehen werden konnte. Man muss aber wissen: Wir befassen uns seit 2011 intensiv mit diesem Piz Cengalo. Man hat die Abbruchmengen bei diesem Bergsturz ziemlich genau vorhergesehen und konnten die Gemeinde ziemlich exakt beraten. So hat man beispielsweise ein Geschiebeauffangbecken gebaut – teilweise gegen den Willen der Bevölkerung. Wir haben hier auf viel Support und Verständnis der Gemeindebehörden zählen können. Nach unserer Auffassung hat die Gemeindebehörde ihre Arbeit richtig gemacht.

Mario Cavigelli (links) und Christian Rathgeb
Legende: Die Regierungsräte Mario Cavigelli (l.) und Christian Rathgeb an einer Info-veranstaltung für die Einwohner Bondos. Keystone

Acht Menschen sind wahrscheinlich tot. Trifft Sie als Regierungsrat auch politische Verantwortung, weil diese Gefährdungsanalyse nun in diesem Fall nicht genau zutraf?

Die politische Verantwortung ist in einem solchen Ereignis geteilt – typisch schweizerisch. Die Zuständigkeit liegt primär bei der Gemeinde; der Kanton berät die Gemeinden in diesen Fragen. Es gibt einfach immer Risiken, wenn man sich im Gebirge bewegt – vor allem im Hochgebirge. Auf diese Risiken hat man seitens der Gemeinde aufmerksam gemacht. Weder die Gemeinde noch den Kanton trifft hier eine politische und schon gar nicht eine rechtliche Verantwortung. Diese Fragen müssen nun die Strafbehörden beantworten, die diesen Fall zwingend untersuchen.

Das Gespräch führte Stefanie Hablützel.

Woher das Wasser kommt

Die Bündner Behörden haben hierzu gewisse Überlegungen gemacht, denn durch den Abbruch hat sich die Sicht auf den Fels verbessert. Sie
gehen davon aus, dass gewisse Felsspalten als Gefäss für Wasserreservoire dienten. Auch die Schmelzwasserentwicklung dürfte zum Wasseraufkommen beigetragen haben. Möglicherweise gibt es noch weitere Gründe, um die Bewegung dieser riesigen Erdmassen zu erklären.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Neu (Urs Neu)
    Es geht nicht darum, Vorwürfe zu machen. Wichtig ist, dass man aus diesem Ereignis lernt, und das wird sicher geschehen. Es handelt sich hier um eine Verkettung von Ereignissen, d.h. einen Prozess, der dann weitere Ereignisse auslöst (Bergsturz, dann Murgang). Solche Abfolgen sind oft einzigartig und haben keine historischen Parallelen. Eine genaue Analyse kann nun helfen, um abzuschätzen, ob so etwas auch an anderen Orten möglich ist. Dann könnte dort die Planung entsprechend angepasst werden.
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  • Kommentar von Katharina Studer (gino)
    Danach kommen die Stimmen und Zweifel... Es gab leider 8 Tote. Mein aufrichtiges Beileid für die Angehörigen! Nun wird untersucht ob man hätte und müssen mehr tun sollen zur Warnung im Gefahrengebiet selber. Verbote strenger mit Absperrungen... doch ich vermute das wäre auch ignoriert worden. Ich denke das wird immer eine Gefahr sein in den Bergen... es bröckelt immer wieder.
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    1. Antwort von Lars Graf (Lars)
      Richtig, wer in den Bergen unterwegs ist muss Risiken Beurteilen können oder Bleibt besser Zuhause. Was ist wenn es plötzlich kalt wird. Muss dann der Kanton eine Jacke senden?
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Eine furchtbare Tragödie. Einmal mehr, zeigt die Natur, dasss sie sich nicht um Hypothesen von "Fachleuten" kümmert. Daher kann es auch keinerlei Anschuldigungen gegen irgendwelche Personen geben...In den Bergen, geht es um Eigenverantwortung und Selbsteinschätzung - Sicherheit, gibt es im "Leben" nicht...- eine furchtbare Tragödi-...
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