Ein Jahr im Amt Die grossen Prüfsteine für FDP-Präsidentin Petra Gössi

Daumen hoch, Daumen runter: Das erste Jahr an der Parteispitze der Freisinnigen war für Petra Gössi durchzogen.

Ihr Lachen ist charakteristisch für FDP-Präsidentin Petra Gössi. Ein knappes Jahr ist sie nun im Amt. Sie lacht befreit – wenn auch etwas seltener. Die letzten Wochen waren für die Schwyzerin durchzogen. Doch bei einem der wichtigsten Geschäfte hatte sie Grund zur Freude: Bei der Umsetzung der Masseneinwanderunginitiative.

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Bildlegende: Sie führt die Partei anders als ihr Vorgänger. Daran haben sich noch nicht alle gewöhnt. Keystone

Die FDP setzte dem Geschäft den Stempel auf und setzte sich durch – mit der SP. «Für mich ist die Analyse relevant: Welche Position will die FDP einnehmen, welches Ziel verfolgen wir, und dann schauen wir, wer unsere Mitkämpfer sind.»

Zwei Niederlagen in einem Jahr

Bei zwei anderen schicksalhaften Geschäften hat die FDP hingegen verloren: bei der Unternehmenssteuer- und bei der Rentenreform. Auf der Verliererseite stand sie gemeinsam mit der SVP. Dabei hatte es vor einem Jahr geheissen, jetzt werde rechts «rocken». Denn neben der FDP stellten auch die CVP mit Gerhard Pfister und die SVP mit Albert Rösti neue Parteipräsidenten mit ähnlichen Ansichten.

«  Was ich nicht ausstehen kann, ist, wenn man ein Messer in den Rücken gesteckt bekommt. »

Doch manchmal sind die inhaltlichen Differenzen zu gross, manchmal die Herangehensweisen zu verschieden. Gössi versucht es mit Transparenz, die beiden anderen Präsidenten auch mit Ränke und Gezanke. Gössi sei zu ehrlich für ein Parteipräsidium, urteilt ein Mitkämpfer. Sie selbst sagt, sie kämpfe mit offenem Visier: «Was ich nicht ausstehen kann, ist, wenn man ein Messer in den Rücken gesteckt bekommt. Das würde ich nie tun. Diese Fairness erwarte ich auch von anderen.»

Feinabschmeckung überlässt sie anderen

Als «Rockstar» der FDP tritt Gössi nicht auf. Politik ist für die 41-Jährige zu ernst. Sie wirble nie wild auf der Tanzfläche, verriet sie Radio Rumantsch einmal. Sie bleibe lieber locker am Rand der Tanzfläche stehen und tue dies: «Cool mit dem Kopf nicken.» Auch mit der FDP-Krone steht sie lieber am Rand und überlässt das Tanzen anderen. Bei der Zuwanderungsinitiative hat diese Arbeitsteilung funktioniert.

Wer ist Petra Gössi?

1:31 min, aus Tagesschau vom 16.4.2016

Wie früher in ihrer eigenen Küche läuft es offenbar auch in der Küche der FDP. Gössis Part hiess und heisst: «Rüsten und abwaschen. Die Feinabschmeckung überlasse ich anderen.» Sie ergänzt: «Rüsten tue ich fürs Leben gerne, Abwaschen ist auch okay. Aber Feinabschmecken können andere besser.» Sie vergebe so Chancen, die Partei zu profilieren, sagen Kritiker. Die Partei sei führungslos.

Sie aber interpretiert Führung anders: Sie agiert nicht als dominante Chefin, sondern als moderne Unternehmerin. Gössi setzt gezielt auf die Starken in der Partei und deren Stärken. Im Hintergrund präge sie schon, schildern auch politische Gegner – gerade bei der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative sei das der Fall gewesen.

Im Nationalrat herrscht Parteidisziplin

Gössi selber sieht eine ihrer aktivsten Rollen bei der Rentenreform: Da trete die FDP mit einer Stimme auf – auch dank ihr. «Wenn eine Partei nicht geschlossen hinstehen und eine Meinung vertreten kann, dann ist eine Partei überflüssig.» Nur ist es mit der Einigkeit bei der FDP so eine Sache: Die unterschiedlichen Flügel und Interessengruppen zu einen ist schwierig. Im Nationalrat ist das weniger zu spüren. Dort funktioniert die Parteidisziplin, und die FDP gehört dort oft zu den Siegerinnen.

«  Wenn eine Partei nicht geschlossen hinstehen und eine Meinung vertreten kann, dann ist sie überflüssig. »

Auch konnten die Freisinnigen in den Kantonen deutlich zulegen – dank guter Aufbauarbeit von Gössis Vorgänger Philipp Müller. Wie er setzt auch sie weiter auf Knochenarbeit an der Basis – bei den Jungen wie auch den Romands.

Raus aus der rechtsfreisinnigen Schublade

Sie versucht, aus der Schublade der Rechtsfreisinnigen herauszukriechen. Sie versucht, den gesellschaftsliberalen Flügel anzusprechen. Mit einem kleinen Erfolg: Homosexuelle dürfen Stiefkinder adoptieren. «Die Fraktion hat da in ziemlicher Geschlossenheit bewiesen, wie gesellschaftsliberal sie ist: Wir haben zugestimmt.»

In welcher Schublade sie gelandet sei, interessiere sie nicht. «Schliesslich wird man an den Taten gemessen.» Die nächste echte Zerreissprobe steht für die FDP schon an: Die Abstimmung zur Energiestrategie 2050. In der Frage ist die Partei alles andere als geeint. Es gibt also nicht immer Grund zu Lachen für Gössi.

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