«Die Menschen sollen nicht asketisch leben müssen»

Der Bundesrat will bis 2030 die CO2-Emission im Inland um 30 Prozent senken. Doris Leuthard erklärt, wie die Schweiz dieses Ziel erreichen will und warum die 2000-Watt-Gesellschaft noch nicht vor der Tür steht.

Doris Leuthard an der Medienkonferenz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bundesrätin Doris Leuthard hat die Klimaziele des Bundesrats konkretisiert. Keystone

SRF News: Die heute angekündigte Reduktion der Treibhausgase von 30 Prozent im Inland reicht den Umweltverbänden nicht. Sie sagen, dass im Inland ungefähr doppelt so viel reduziert werden müsste.

Doris Leuthard: Ich habe Verständnis für diese Forderung. Drei Punkte müssen aber berücksichtigt werden. Erstens trägt die Schweiz mit 0,1 Prozent eine sehr kleine Verantwortung am weltweiten CO2-Ausstoss. Zweitens ist die Prozentzahl ein wenig irreführend, denn unser Prokopfausstoss liegt bei 6,4 Tonnen pro Person. Die EU hat beispielsweise zwei Tonnen mehr pro Person. Die Prozente sind also das eine, der Ausstoss pro Kopf das andere. Das erklärt, warum sich die EU minus 40 Prozent vorgenommen hat und wir uns minus 30 Prozent. Drittens muss man beachten, dass jede Tonne CO2-Reduktion Geld kostet. Wer zahlt das? Schliesslich muss auch festgelegt werden, wo die Schweiz den CO2-Ausstoss noch reduzieren kann. Ein bisschen beim Verkehr, ein wenig bei den alten Gebäuden. Weitere Reduktionen sind mit sehr hohen Kosten verbunden.

Doris Leuthard zum Klimaziel

4:20 min, aus Rendez-vous vom 27.02.2015

Für die Jahre 2013 bis 2020 soll die Reduktion minus 20 Prozent gegenüber 1990 betragen. Bis 2030 sollen es 30 Prozent im Inland sein. Mit welchen Massnahmen soll das funktionieren?

Wir haben die Massnahmen noch nicht genau definiert. Im Verkehr werden wir die technologischen Entwicklungen bei den Neuwagen fortsetzen. Innerhalb von zehn Jahren haben wir die 11- oder 10-Liter-Autos auf 6-Liter-Autos geführt. Bis 2020 werden wir 4-Liter-Autos fahren und die Entwicklung wird so weitergehen. Die neuen Motorentechnologien werden uns im Bereich der Mobilität beträchtlich helfen, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Auch bei den Gebäuden ist das Potenzial nicht ausgeschöpft, ohne dass wir spektakuläre Eingriffe in die Volkswirtschaft planen müssen.

Jeder Einwohner stösst etwa 6 Tonnen CO2 in der Schweiz im Jahr aus. Bis 2050 sollen das eine bis zwei Tonnen sein, also bis zu 85 Prozent weniger. Wie werden sich die Einwohner in der Schweiz künftig einschränken müssen?

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist noch weit weg. Sie stellt ein sehr ambitiöses Ziel dar. Es würde dem entsprechen, was der Planet verträgt. Unser Ressourcenverbrauch geht nämlich weit darüber hinaus, was an Ressourcen vorhanden ist. Die 2000-Watt-Gesellschaft wird aktuell werden, wenn jeder Mensch auf dem Planeten denselben Verbrauch für sich beansprucht. Entwicklungen im Wärmebereich und bei der Mobilität werden uns helfen, dieses Ziel zu erreichen. Wir wollen nicht die Lebensqualität einschränken und mit unseren Zielvorgaben bewirken, dass die Menschen asketisch leben müssen. Es gibt aber immer wieder Möglichkeiten. Jeder kann einen Beitrag leisten. Das fängt beim Bewusstsein an, wo man Energie sparen kann.

Das Gespräch führte Gaudenz Wacker.

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