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Schweiz «Die Stasi betrachtete die Schweiz als Feind»

Sie hörte Telefone ab und las plombierte Diplomatenpost: Die Stasi spitzelte jahrelang die Schweizer Botschaft in Ost-Berlin aus. Fazit eines Historikers: «Die DDR respektierte die Neutralität der Schweiz nicht.»

Legende: Video Schweizer Botschaft in Ost-Berlin überwacht abspielen. Laufzeit 2:07 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 13.08.2014.

Die Stasi hat die Schweizer Botschaft in der ehemaligen DDR während 17 Jahren durch fünf Spitzel überwachen lassen. Sie hörte Telefonate ab, zeichnete interne Gespräche auf und öffnete regelmässig die verschweisste und plombierte Schweizer Diplomatenpost. Damit hat sich die Stasi auch Zugang zu den Briefen des Botschafters an den Bundesrat verschafft.

Dies geht aus der Stasi-Akte über die «Schweizerische Botschaft» hervor, welche die «Tagesschau» bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin einsehen konnte. Die Akte wird von zwei Berliner Historikern in einem Buchprojekt aufgearbeitet. Diese umfasst mehrere Tausend Seiten und beinhaltet unzählige Fotos mit Aussenaufnahmen des Gebäudes und detaillierten Plänen vom Innern der Botschaft.

Der Chauffeur als Spion

Als Hauptspitzel agierte zwischen 1972 und 1989 der Chauffeur des Botschafters, Siegfrid Kringel. Sein Deckname war «Nicolai». «Da Kringel Zugang zur Botschaft hatte, war es für die Stasi einfach, detaillierte Pläne der Botschaft anzufertigen», erklärt Enrico Seewald von der Freien Universität Berlin der «Tagesschau».

Zusammen mit Historiker Jochen Staadt erforscht Seewald die umfassende Akte. Anhand von anderen Stasi-Akten konnten die beiden die restlichen vier Spitzel ausfindig machen.

Die SED-Spitzen interessierten sich vor allem für die Wirtschaftsberichte des Botschafters, die er regelmässig nach Bern verschickte. Die DDR nutzte den Schweizer Finanzplatz als Kreditgeber und hatte in der Schweiz Briefkastenfirmen, über welche sie internationale Rüstungsgeschäfte abwickelte.

Versiegelter Brief? Kein Problem

Die Briefe des Schweizer Botschafters wurden aus Sicherheitsgründen in ein Lederetui verpackt, verschweisst und plombiert zum Flughafen gebracht. Dennoch gelang es der Stasi diese Briefe wohl auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld unbemerkt zu kopieren. «Die Stasi hatte Fälscherspezialisten, welche auch verschweisste und versiegelte Briefe öffnen und wieder verschliessen konnten», erklärt der Historiker Jochen Staadt.

Schweizer Botschaft in Berlin Typ Plattenbau Pankow III
Legende: Das Objekt der Spionage: Die damalige Schweizer Botschaft in Ost-Berlin an der Esplanade 21 (1973). Bundesarchiv Berlin / Peter Koard

1981 notierte die Staatssicherheit eine «erhöhte Kontaktaktivität» der Botschaft mit 49 Auslandschweizern. Aus 143 Briefwechseln interpretierte sie potentielle Spione und Fluchthelfer und schrieb in einem Bericht, «dass die Schweizerische Botschaft über günstige Voraussetzungen zur Auswahl geeigneter Kandidaten für eine Feindtätigkeit verfügt.»

Noch haben die Historiker die umfangreiche Akte über die Schweizer Botschaft nicht ganz ausgewertet, dennoch zieht Jochen Staadt erste Schlüsse. «Die DDR respektierte die Neutralität der Schweiz nicht. Sie betrachtete die Schweiz als Feind, wie jedes andere westliche Land, das mit einer Botschaft in Ost-Berlin vertreten war.»

Die Schweizer Botschaft an der Esplanade 21 in Pankow wurde am 3. Oktober 1990 infolge der Wiedervereinigung geschlossen. 25 Jahre nach dem Mauerfall zeugt nichts mehr von den Stasipraktiken. Die Schweizerische Botschaft von einst ist heute ein unscheinbares Wohnhaus.

Die Stasi

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS oder Stasi), auch Staatssicherheitsdienst (SSD), war der DDR-Geheimdienst im In- und Ausland. Er war auch Ermittlungsbehörde für politische Straftaten und diente der SED als Machtinstrument gegen vermeintliche Oppositionelle und Regimekritiker.

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42 Kommentare

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  • Kommentar von Jean Nerac, Genève
    Natürlich wusste die Stasi alles, was ein Ausländer während seines Besuches in der DDR tat. Das war bekannt. Heute weiss man auch, dass die USA der DDR in dieser Beziehung in nichts nachstehen. Die NSA hört Telefone ab und liest im Internet mit, das auch von Menschen, die nicht einmal die USA besuchen. Oder erinnern Sie sich an die Fichen von BR Furgler ? Wir wurden auch überwacht, und dies nur wegen ein paar osteuropäischen Visa für Geschäftsreisen und Exporte von Schweizerprodukten......
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Die DDR respektierte die Neutralität der Schweiz nicht - hat vielleicht irgendjemand von einem solchen Unrechtstaat etwas anderes erwartet? Was in diesem Artikel nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass es viele Jahre lang Querverbindungen zwischen der DDR-Gestapo und Schweizer Linksextremen gab, was 1979 in Zürich u.a. auch zur Ermordung des Fluchthelfers Lenzlinger führte. Leider lebt Ernst Cincera, der nach 1989 vieles für sich behielt und nicht auspacken wollte, nicht mehr.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Aber bitte, Sie haben vergessen zu erwähnen, dass es auch unschöne Verbindungen zwischen Schweizer Rechtsextremen mit denjenigen in West- Deutschland mit Unterstützung der Amerikaner gegeben hatte. Ziel den Kommunismus auszurotten. Es gibt eben nicht nur eine böse & eine gute Seite. Da gibt es immer & überall ungute Querverbindungen.
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    2. Antwort von Juha Stump, Zürich
      Auf welcher Seite stehen Sie wirklich? Natürlich gab es auch auf der anderen Seite unschöne Verbindungen, wie Sie diese nennen, aber Sie dürfen auch nicht vergessen, dass West-Berlin im Jahr 1948 kurz davor stand, von den Sowjets geschluckt zu werden, Stichwort Berliner Blockade. Wer West-Berlin gerettet hat, waren eben die "bösen" Amis, zusammen mit den brit. und franz. Verbündeten. Die zum Teil sicher übertriebene Kommunismus-Hysterie - auch in der CH - hatte auch seine Gründe.
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    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @J. Stump: Hysterie ist immer ein schlechter Ratgeber & wird meistens künstlich herbei geführt. Bedeutet: Man steigert sich in etwas hinein & bauscht es eben bis zur Hysterie auf. Bewiesen ist aber, dass die Rechtsextremisten betreffend Gräueltaten gegenüber Kommunisten inkl. Randgruppen nicht zimperlicher waren, als die Kommunisten. Und Schweizer-Rechtsextreme denunzierten Schweizer, welche nicht mit ihnen sympathisierten als Kommunisten. So wurden viele Existenzen zerstört.
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    ......genauso wenig, wie die heutige EU (mit Wurzeln in Westeuropa), die wieder in die alten sozio-ideologischen, diktatorischen Zeiten zurückzufallen droht.
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Zu einfach und simpel. Früher ging es um Wirtschafs-& Lebensraum und Ideologien, womit Kriege begründet und geführt wurden. Heute zeigt sich am Beispiel der Ukraine, dass um "sog. westliche Werte" gehen soll. In Tat und Wahrheit geht es aber viel mehr um Wirtschafts-Räume über welche man nach belieben verfügen möchte. "Dafür rollen wieder mal die Räder", also die Propaganda-Räder und eigentlich auch nur für den wirtschaftlichen Endsieg ! (smile)
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    2. Antwort von Sascha Stalder, Oberdiessbach
      Dieser Vergleich musste ja kommen.......unglaublich.....unverständlich..
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