«Die wenigsten tragen einen Organspender-Ausweis auf sich»

Eine Mehrheit der Schweizer würde ihre Organe spenden – allerdings haben die wenigsten einen Spenderausweis. Dabei warten rund 1500 Personen auf ein neues Organ. Erschwerend kommt hinzu, dass Anfang Jahr das Spenderaufkommen sehr gering war. Franz Immer, CEO von Swisstransplant, zu den Gründen.

Person mit einer Kühlbox in eine Spitalflur unterwegs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Swisstransplant organisiert auf nationaler Ebene alle mit der Organzuteilung zusammenhängenden Tätigkeiten. swisstransplant.org

SRF News: Das erste Quartal 2016 ergab ein deutlich tieferes Spenderaufkommen als bisher. Wie ist dieser Einbruch zu erklären?

Franz Immer: Spendezahlen sind immer starken Schwankungen unterworfen. Aufgrund der Schneeverhältnisse Anfang 2016 wurden, verglichen mit dem Vorjahr, deutlich weniger Lawinenopfer als mögliche Spender gemeldet. Dies kann mit ein Grund für den Einbruch der Zahlen sein. Ausserdem bleibt die Möglichkeit einer Organspende ein seltenes Ereignis auf Intensivstationen.

Warum sind in der Schweiz immer noch zu wenige Menschen bereit, ihre Organe zu spenden?

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PD Dr. med. Franz Immer

Porträt von Franz Immer

swisstransplant.org

Franz Immer ist CEO von Swisstransplant und ehemaliger Herzchirurg.

85 Prozent der Schweizer Bevölkerung wären zwar bereit, ihre Organe zu spenden. Leider kommunizieren nur sehr wenige ihren Entscheid an ihre nächsten Angehörigen. Diese lehnen dann oft ab.

Eine weit verbreitete Angst ist, dass die Ärzte einen mit einem Spenderausweis zu früh sterben lassen. Ist diese Angst gerechtfertigt?

Ziel einer jeglicher ärztlichen Behandlung ist es, den Patienten zu retten. Die Organspende ist gar kein Thema in diesen Situationen. Diese Angst ist auch aus meiner klinischen Erfahrung in einem grossen Universitätsspital völlig unbegründet, da ja letztendlich auch die medizinischen Bedingungen, die eine Organspende überhaupt erst möglich machen, erfüllt sein müssen.

Wie entscheiden die Ärztinnen und Ärzte, wenn jemand in einem Organspendeausweis festgehalten hat, Organe zu spenden, die Angehörigen aber dagegen sind?

Das ist eine äusserst schwierige Situation. Von Gesetzes wegen ist der Wunsch des Verstorbenen, der auf der Organspendekarte festgehalten ist, bindend. In seltenen Fällen kann die Situation entstehen, dass die Angehörigen diesen Wunsch nicht kannten und sich eine Organspende in diesem Moment auf gar keinen Fall vorstellen können. In ganz schwierigen Situationen nimmt man hier auf die nächsten Angehörigen Rücksicht und verzichtet auf die Organentnahme.

Wie entschieden die Ärzte, wenn kein Organspendeausweis vorliegt?

Das ist leider die Regel in den Spitälern. Weniger als 5 Prozent unserer Spender tragen einen Spenderausweis auf sich oder haben die Medical Id-App, die man bei Swisstransplant gratis herunterladen kann, auf dem Smartphone. Hier liegt es an den nächsten Angehörigen stellvertretend im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden.

«  Viel wichtiger ist es jedoch seinen Entscheid bis ins hohe Alter – Organspende kennt keine Altersgrenze – seinen nächsten Angehörigen mitzuteilen. »

Dr. med. Franz Immer
CEO Swisstransplant

Was kann es für die Angehörigen aus psychologischer Sicht bedeuten, wenn sie die Organe ihrer Liebsten, die gestorben sind, freigeben?

Es ist für viele Angehörige, insbesondere bei jugendlichen Spendern, wichtig zu wissen, dass das Geschenk einer Organspende den Empfängern neue Lebensqualität zurückgibt. Das Wissen, im Tod anderen Menschen geholfen zu haben, ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die gesetzlich vorgeschriebene Anonymität kann für die Angehörigen sehr wichtig sein, da sie mit dem Abschied des Liebsten und dem Geschenk der Organe und Gewebe an Menschen helfen konnten, nicht aber den Kontakt zu den Empfängern wünschen. Wiederum andere Angehörige sind sehr froh und dankbar, wenn sie einen anonymen Dankesbrief des Empfängers bekommen.

Transplantierte Organe Anzahl transplantierter Organe pro Periode (von postmortalen Spendern in der Schweiz und Organe aus Import).

Werden die Angehörigen speziell betreut?

In kaum einem anderen Bereich in der Medizin ist die Betreuung der Angehörigen so wichtig und zentral wie in der Organspende. Spendekoordinatoren gehen mit dem Verstorbenen mit, informieren die Familie und sind erreichbar. Sie sind es auch, die die Familie nach erfolgter Organentnahme informieren und die Familie zum Verstorbenen begleiten, um noch einmal Abschied zu nehmen. Es geht um Offenheit und Transparenz, vor allem aber auch um die Wertschätzung gegenüber dem Verstorbenen und dessen Angehörigen.

Besteht die Möglichkeit eines Kontaktes zwischen der Geberfamilie und der Familie, die ein Organ erhalten hat?

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Organspende: Sind wir herzlos?

Organspende: Sind wir herzlos?

Mehr dazu im Club um 22:20 Uhr auf SRF 1.

Es besteht die Möglichkeit, über das involvierte Spital bzw. über Swisstransplant mit einem anonymen Schreiben an die Spenderfamilie als Empfänger heranzutreten. Die Spenderfamilie wird im Vorfeld angefragt, ob sie ein Schreiben des Empfängers in anonymer Form erhalten möchten. Die grosse Mehrzahl der Spenderfamilien akzeptieren diese Schreiben und schätzen diese Zeilen sehr – gelegentlich schreiben sie auch zurück. Leider wird dies noch viel zu selten gemacht, da viele Empfänger das Gefühl haben, mit Worten der Dankbarkeit über dieses Geschenk nicht genügend Ausdruck geben zu können.

Soll man auch einen Organspenderausweis ausfüllen, wenn man seine Organe nicht spenden möchte?

Der Organspendeausweis wie auch das App Medical ID bietet die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen zur Organ- und Gewebespende, sowie einzelne Organe oder Gewebe auszuwählen, die man spenden möchte. Viel wichtiger ist es jedoch, seinen Entscheid bis ins hohe Alter – Organspende kennt keine Altersgrenze – seinen nächsten Angehörigen mitzuteilen.

Postmortale Spender in der Schweiz

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