Als junge Frau in einem Männer-Job

Als angehende Zimmerin ist Sarah Schweizer eine Ausnahme. Doch die 17-Jährige lässt sich nicht abschrecken: «Ich will keine Extrawurst», sagt sie und packt genau gleich wie ihre Arbeitskollegen auf der Baustelle an. Ein Besuch vor Ort.

Montagmorgen, sieben Uhr: Es geht geschäftig zu und her bei Beer Holzbau in Ostermundigen Sarah Schweizer trägt eine lange Holzplatte durch die Werkhalle. Wie schwer ist das Brett? Keine Ahnung, sagt sie. «Man gewöhnt sich an das Gewicht. Wenn man zu zweit auf der Baustelle ist, muss man einfach anpacken. Die gehen nicht zimperlich mit einem um und man hat sich ja bewusst für diesen Beruf entschieden.» Sie legt die drei Meter lange Platte auf die halbfertige Holzkonstruktion.

Erstaunte Schulkollegen

Bis 9 Uhr hat sie mit einem Kollegen die Seitenwand für ein Einfamilienhaus fertig zusammen gebaut. Dann folgt die Znüni-Pause und es bleibt einige Zeit für ein paar persönliche Fragen. Wie haben ihre Schulkollegin auf ihre Berufswahl reagiert?

«Sie waren etwas verblüfft, dass ich so genau wusste, was ich möchte. Viele sagten ‚oh das ist cool und die getraut sich etwas!‘. Vor allem weil es eher ein Männerberuf ist und ich diesen gewählt habe», sagt die 17-Jährige. Auch in der grauen, schlabberigen Arbeitshose und dem blauen Kapuzen-Pulli wirkt sie zierlich.

Auf einem Bauernhof im Emmental ist Sarah Schweizer aufgewachsen. Bewegung ist ihr wichtig. Mit dem Elektro-Velo fährt sie zur Arbeit. In der Freizeit steigt sie in den Schwingkeller oder hilft daheim beim Heuen zum Beispiel. Sarah Schweizer will anpacken.

«An einem Tag ein Haus aus dem Boden stampfen»

Grossbaustelle in Ostermundigen. Sie und fünf Zimmermänner montieren eine Seitenwand, im vierten Stock. Der Kran lässt das Holzelement langsam herunter. Es passt nicht – zuerst.

Einer steht oben auf der Kante, hämmert, ein anderer sägt unten ein Stück weg. Improvisieren ist angesagt, das gefalle ihr. Sarah Schweizer ist gern auf der Baustelle.

«Im Sommer reicht es, ein Einfamilienhaus in einem Tag aufzurichten. Am Morgen wenn man auf die Baustelle kommt hat es vielleicht nur eine Betonplatte und abends, wenn man die Baustelle verlässt, ist ein komplettes Haus aufgerichtet. Es ist schon eindrücklich, wenn man ein Haus an einem Tag aus dem Boden stampft.»

«Ich will keine Extrawurst»

Eine Zimmerin auf der Baustelle kein alltägliches Bild. Verunsichern lässt sich Sarah Schweizer nicht. Auch nicht, wenn es auf der Baustelle keine Frauen-Toilette gibt.

«Man gewöhnt sich daran und härtet sich ab. Entweder verklemmt mans wenn es gerade gar nicht geht oder dann macht mans anders. Ich will auch keine Extrawurst, sonst hätte ich nicht diesen Beruf wählen müssen.»

Die Wand ist montiert. Der Kran bringt schon das nächste Holzelement. Sarah Schweizer schaut hinüber zum Mehrfamilienhaus, das schon bewohnt ist.

«Wenn man weiss, dass Menschen nun hier wohnen können und man selbst einen Beitrag dazu geleistet hat, macht einem das schon ein wenig stolz», erklärt die 17-jährige Lehrtochter.