Betreuungsmodell Demenzdorf Ein Leben wie früher für Menschen ohne Heute

Die wachsende Zahl Demenzkranker überfordert die Pflegeeinrichtungen zusehends. Neue Betreuungskonzepte sind gefragt.

Lachende Seniorin wäscht am Spültrog eine Espressomaschine aus Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Demente Menschen fühlen sich in der Sicherheit vertrauter Umgebungen und Tätigkeiten wohler. imago

  • In einem Demenz- oder Alzheimerdorf leben die Demenzkranken gruppenweise zusammen. Pflege und Betrieb gehen nahtlos ineinander über: Wer will, kann bei alltäglichen Verrichtungen mithelfen.
  • Umgebung und Einrichtung sind vertrauten Lebenssituationen nachempfunden
  • Innerhalb der natürlichen Grenzen des Areals können die Bewohner ihren Bewegungsdrang jederzeit ausleben – ohne Begleitung und ohne Gefahr, sich zu verirren.
  • Das erste Schweizer Demenzdorf ist seit 2011 in Planung. Baubeginn voraussichtlich 2018.

Die ältere Dame sitzt in der Küche vor einem kleinen Haufen Kartoffeln und schält bedächtig eine Knolle nach der anderen. Dass sie dafür ungleich länger hat als die Köchin, der sie zur Hand geht, stört niemanden.

Vor einem anderen Haus erhebt sich ein rüstiger Mann von der Sitzbank und spaziert zielstrebig los. Ohne Ziel, einfach dem Bedürfnis folgend, losgehen zu müssen. Niemand hält ihn auf, denn verloren gehen kann er nicht.

Was im holländischen Demenzdorf «De Hogeweyk» Alltag ist, hat mit der Realität normaler Pflegeheime wenig gemein: Unruhige Geister werden nicht mit Medikamenten betäubt, der Tagesablauf orientiert sich am Rhythmus der dementen Menschen und nicht an den Erfordernissen eines möglichst effizienten Betriebs. Wer erst gegen Mittag aufstehen will, wird nicht schon kurz nach Sonnenaufgang zum Frühstück genötigt.

Und wer herumlaufen will, wird daran nicht mit geschlossenen Türen gehindert. Wenigstens nicht offensichtlich. Denn das gut zwei Fussballfelder grosse Areal bietet zwar viele verschachtelte Wege, ist aber durch die Häuser der Anlage hermetisch umschlossen.

Nach draussen führt nur ein einziger Durchgang. Der steht Besuchern in beiden Richtungen offen, während Bewohner hier rund um die Uhr freundlich aufgehalten und wieder zurück ins Dorf begleitet werden.

Unter Gleichgesinnten

In De Hogeweyk leben um die 150 Menschen mit schwerer Demenz. Die 23 Häuser werden von Gruppen à sechs bis acht Personen bewohnt, von Gleichgesinnten mit ähnlichem sozialem Hintergrund. Sieben unterschiedliche Lebensstile – definiert durch die Art des Essens, den Stil der Einrichtung, typische Tagesabläufe und Tätigkeiten – stehen zur Auswahl, um den Bewohnern eine ihnen möglichst vertraute Umgebung zu bieten.

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Immer mehr Demente

Aktuell sind in der Schweiz 119'000 Menschen an Demenz erkrankt. Geschätzte acht Prozent der 65-Jährigen und mehr als 30 Prozent der über 90-Jährigen sind betroffen. Ohne markante Fortschritte in Prävention und Therapie ist 2030 von 200'000 Dementen auszugehen – im Jahr 2050 bereits von rund 300'000, oder jeder achten Person über 65.

Das Credo der Betreiber: «Wir alle verbringen unsere Zeit am liebsten mit Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil führen. Das ist bei Demenzkranken nicht anders.»

Mit dem Heute können Demente schlecht umgehen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, wo die Gegenwart aus Erinnerungen besteht. Konfrontiert man sie mit der «wahren Realität», macht sie das unsicher, traurig, oft aggressiv.

Im Demenzdorf wird die vom Vergessen geprägte Lebenswelt nicht hinterfragt, sondern respektiert. Deshalb wohnen hier ausschliesslich Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzerkrankung im fortgeschrittenen Stadium. Das Pflegepersonal trägt zwar Namensschilder, aber Alltagskleidung und verrichtet seine Betreuungsdienste so unauffällig wie möglich.

Theater, Supermarkt und Restaurant, Begegnungszentrum, Coiffeur und Grünanlagen runden das Bild eines ganz normalen holländischen Dorfs ab. Kultur- und Vereinsleben inklusive.

Grosse Begeisterung, heftige Kritik

Pflegeexperten aus ganz Europa sind vom holländischen Pilotprojekt begeistert. Die wenigen Kritiker verdammen es umso heftiger: Da ist die Rede von einer zweifelhaften Scheinwelt. Einem Ghetto, in das sich die unbequemen Dementen bequem abschieben und wegsperren lassen. Einem verwerflichen «Demenz-Disneyland», in dem die pflegerische Beziehung auf einer Lüge basiert.

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Betreuung auf dem Bauernhof

Demenzkranke werden in aller Regel so lange wie möglich von ihren Angehörigen betreut. Tagesstätten bieten dabei eine gewisse Entlastung. In den Niederlanden nehmen über 200 Bauernhöfe tageweise Demente auf und kombinieren Betreuung mit landwirtschaftlicher Tätigkeit. «Puls» hat über das erste Care-Farming-Angebot in der Schweiz berichtet.

Dem steht die offensichtliche Zufriedenheit von Betreuten wie Betreuern gegenüber.

Die angstfreie Atmosphäre hat auch den damaligen Direktor des sanierungsbedürftigen Oberaargauischen Pflegeheims Wiedlisbach derart beeindruckt, dass 2011 nach einem Bericht von «10 vor 10» die Idee des ersten Schweizer Demenzdorfes geboren war.

Aus der spontanen Idee ist schnell ein handfestes Vorhaben geworden. Den hiesigen Verhältnissen angepasst, aber der Philosophie des holländischen Vorbilds folgend. Aktuelle Prognose für den mehrfach verschobenen Baubeginn: irgendwann 2018.

Nicht nur für Demente vorteilhaft

Seit Sommer 2015 hat das Projekt bereits konkreten Einfluss auf den Pflegealltag in Wiedlisbach: Im sechsten Stock wurden zwei Pilotwohngruppen nach holländischem Vorbild eingerichtet, um Erfahrungen mit der Wohnform zu sammeln. Auch wenn das Eingeschlossensein im Hochhaus die Bewegungsfreiheit der Bewohner einschränkt – und damit ein wesentlicher Aspekt des geplanten Demenzdorfs nur ansatzweise gelebt werden kann –, habe man viele wertvolle Erkenntnisse gewinnen können.

Darunter jene, dass die Wohnform auch Potenzial für nicht demente Heimbewohner hat: Der Alltag sei deutlich freundlicher und konfliktärmer.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Erhöhtes Demenz-Risiko bei ehemaligen Verdingkindern

    Aus Echo der Zeit vom 10.2.2017

    Der Schicksal der Verdingkinder gehört zu einem dunklen Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte.

    Nun zeigt eine neue Studie der Universität Zürich, dass die ehemaligen Verdingkinder auch im hohen Alter noch unter den Folgen leiden: Sie haben Albträume, leiden an Depressionen und erkranken früher an Demenz.

    Christoph Brunner

  • Demenzkranke – Betreuung auf dem Bauernhof

    Aus Puls vom 6.2.2017

    Immer mehr demente, pflegebedürftige Menschen – immer mehr Bauernhöfe am Rande der wirtschaftlichen Rentabilität: zwei Krisenherde, die man zusammenbringen und damit beiden helfen kann. In den Niederlanden hat sich diese Idee bereits durchgesetzt. Auf über 200 Bauernhöfen jäten dort Demente Gemüsebeete, füttern Kühe, pflegen Hühner. Die Bauern verdienen sich damit einen Zustupf, die Demenzkranken finden eine sinnvolle Tätigkeit. In der Schweiz jedoch gibt es erst einen solchen Hof. «Puls» sucht nach Gründen und beobachtet, wie das Zusammenarbeiten auf dem Bauernhof funktioniert.