Ein neuer Versuch für Olympia in der Schweiz

Einmal mehr wird in der Schweiz über die Durchführung von Olympischen Winterspielen diskutiert. Fünf mögliche Bewerbungen stehen im Raum. Doch: Kann die Schweiz ein solches Megaprojekt überhaupt noch stemmen?

Skifahrerin zwischen Slalomstangen in St.Moritz, im Hintergrund ein Berg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Olympische Spiele in der Schweiz wären wohl machbar. Doch auch gewollt? Keystone Archiv

Für Jörg Schild haben Olympische Winterspiele in der Schweiz durchaus Platz. Im Vergleich mit Olympischen Sommerspielen seien Winterspiele «fast wie ein Bezirksturnfest», so der Präsident von Swiss Olympic.

Etwas anders sieht das Hansruedi Müller. Er ist Tourismus-Professor und war Präsident des Schweizer Leichtathletik-Verbandes. Zwar seien Winterspiele viel kleiner, «aber für die Schweiz trotzdem die ganz, ganz grosse Kiste», sagt er.

Fehlende Transportkapazitäten

Bis diese «grosse Kiste» in die Schweiz kommt, muss sie einige Hindernisse überwinden. Da ist zum einen die Infrastruktur. Viele Wintersportstätten sind bereits vorhanden, andere müssten noch erstellt werden. Schlechter steht es um die Verkehrsinfrastruktur: Städte und Berggebiete seien nicht ideal verbunden, stellt Müller fest.

Es seien lange Wege mit dem Zug zu bewältigen. Dabei müsse zuweilen von Schmal- auf Normalspur gewechselt werden. «Das sind grosse logistische Herausforderungen», so Müller. Schliesslich müssen Teilnehmerinnen, Helfer, Medienschaffende und Zuschauer – Tausende Menschen – täglich verschoben werden.

Woher kommt das Geld?

Die zweite Hürde sind die Finanzen. Das letzte Olympiaprojekt, Graubünden 2022, hätte rund 4,5 Milliarden Franken gekostet. Davon wären rund 2 Milliarden von der öffentlichen Hand gekommen.

Gian Gilli war damals Direktor des Projektes. Er kommt zum Schluss, dass Winterspiele ohne öffentliche Unterstützung nicht durchführbar seien: «Es ist eine Partnerschaft zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden, Gesellschaft und Wirtschaft nötig.»

Ansteckbuttons mit dem Aufdruck OlympJA! für die Abstimmung vom 3. März 2013. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus dem «OlympJA!» für die Bündner Kandidatur für 2022 wurde an der Urne ein «OlympiNein!» Keystone

Grösster Unsicherheitsfaktor sind dabei die Sicherheitskosten. Noch bei der Fussball-EM 2008 waren diese relativ tief, wie Benedikt Weibel erklärt. Er organisierte damals die EM. Doch Winterspiele sind viel weitläufiger. «Es ist unglaublich, welcher Aufwand dafür heute betrieben werden muss», sagt Weibel und spricht dabei seine Beobachtungen bei den Winterspielen von Vancouver an.

In Kanada lag das Sicherheitsbudget 2010 bei rund 1 Milliarde Franken, in Sotschi vier Jahre später schon bei 2,5 Milliarden Franken. Wie hoch diese Kosten in der Schweiz in zehn Jahren wären, ist schwierig zu sagen. Man kann aber davon ausgehen, dass ein mögliches Gesamtbudget für Olympische Spiele 2026 bei rund 5 Milliarden Franken zu liegen käme.

Ein gesellschaftliches Projekt

Dafür, sagen Olympia-Enthusiasten wie Gian Gilli, erhielte die Schweiz einen positiven Impuls: «Es täte uns gut, wiedermal ein Jahrzehnte-Projekt aufzubauen.» Dies würde der Schweiz gesellschaftlich enorm viel bringen.

Skeptischer ist da Ex-SBB-Chef Weibel: «Was ist von der EM 2008 geblieben? Nichts als eine schöne Erinnerung.» Komme hinzu, dass an den Winterspielen bloss Randsportarten betrieben würden. Deshalb: «Man muss sich das schon sehr gut überlegen.»

Entscheid an der Urne

Die Spiele würden also viel Geld kosten und wenig bringen. Das könnte es schwer machen, beim Volk Unterstützung zu finden. Auch das Projekt Graubünden 2022 erlitt an der Urne Schiffbruch. Doch Gilli glaubt, wer der Bevölkerung richtig rüberbringe, was Olympische Spiele brächten, könne reüssieren.

So seien vor zehn Jahren in Graubünden noch 77 Prozent gegen eine Kandidatur gewesen, diesmal waren es noch 52 Prozent. «Möglicherweise ist das Abstimmungsresultat beim nächsten Mal in einer anderen Region der Schweiz positiv.»

William Besse, Celine Von Till, Didier Defago, Charlotte Chable, Roland Collombin und Virginie Faivre (v.l.n.r.) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Sportler Besse, Von Till, Defago, Chable, Collombin und Faivre (v.l.) werben für Spiele in der Westschweiz im 2026. Keystone

Schwieriger und steiniger Weg

Davon geht man auch bei Swiss Olympic aus. Deshalb werden zurzeit fünf Projekte verfolgt.

  • «Graubünden 2026» (Graubünden)
  • «2026 – The Swiss Made Winter Games» (Westschweiz und Bern)
  • «Switzerland 2026» (gesamte Schweiz)
  • «2026 – Games For Our Future» (gesamte Schweiz)
  • «Zentralschweiz 2026» (Zentralschweiz)

Zunächst sollen im nächsten Frühling die Bevölkerungen in den betreffenden Regionen abstimmen. Aus den Projekten, die vom Volk grünes Licht erhalten, wählt Swiss Olympic dann bis im Herbst 2017 eine Kandidatur aus.

Für Tourismus-Professor Müller ist das «ein sehr weiter, schwieriger und steiniger Weg». Er glaubt nicht, dass er zum Erfolg führt. Es sei ein «Jekami», statt eine Konzentration auf eine starke Kandidatur, kritisiert er.

Tatsache ist: Olympische Winterspiele in der Schweiz wären wohl nur halb so teuer, wie die Sommerspiele in Rio. Es wäre eine Kiste, die die Schweiz stemmen könnte. Ob sie das aber überhaupt will, hängt nicht zuletzt vom Stimmvolk ab.