Eine «Lex Raschelsack» ist wohl nicht das dringendste Problem

Die Umweltkommission des Nationalrates (Urek-N) hat am Dienstag entschieden, nicht auf ein Verbot von Wegwerf-Plastiksäcken zu pochen und stattdessen auf den freiwilligen Verzicht des Detailhandels zu hoffen. Allgemein gibt es Beifall, doch ist eine «Lex Raschelsack» überhaupt sinnvoll?

Eine Person trägt zwei Plastiksäcke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Wegwerf-Plastiksäcke sollen nicht verboten werden, aber trotzdem verschwinden. Keystone / Archiv

Die kleinen, weissen Gratis-Säcke an den Kassen der Detailhändler, sind für die einen praktisch, für die anderen eine Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung erster Güte.

Abkehr vom beschlossenen Plastiksäckliverbot?

2:16 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.05.2016

Eine Motion des Freiburger CVP-Nationalrats Dominique de Buman forderte das Verbot dieser «Raschelsäcke». Vor dreieinhalb Jahren wurde im Ständerat die Motion denkbar knapp mit 18 zu 17 Stimmen angenommen, weil zahlreiche Parlamentarier die Abstimmung verpasst hatten.

Seitdem sucht das Bundesamt für Umwelt (Bafu) einen Ausweg und versucht den Auftrag des Parlamentes umzusetzen. Jetzt wartet die Umweltkommission des Nationalrates (Urek-N) mit einem Entscheid auf, der die Lösung bringen könnte: Ein Verbot der Raschelsäcke wird nicht empfohlen. Stattdessen soll der Detailhandel freiwillig auf die Gratis-Abgabe verzichten.

Zufriedene Gesichter bei Detailhändlern und Konsumenten

Video «Urek-Entscheid zu den Wegwerf-Säcken» abspielen

Urek-Entscheid zu den Wegwerf-Säcken

0:57 min, aus Tagesschau Nacht vom 24.5.2016

Der Entscheid der vorberatenden Kommission sorgt bei Detailhändlern und Konsumentenschützern für Aufatmen. «Ein Verbot von Wegwerf-Plastiksäcken wäre nicht ideal, da dies den liberalen Gedanken beeinträchtigen würde», meint Dominique Roten vom Schweizerischen Konsumentenforum gegenüber SRF News.

Seitens der Detailhändler zeigte man sich erfreut, dass der Branche so viel Vertrauen entgegengebracht werde, erklärt Patrick Marty von der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS). «Es ist eine gute Lösung und der Detailhandel wird versuchen, den Willen des Parlamentes so gut wie möglich umzusetzen.»

Freude auch bei der Verpackungsindustrie: «Ein Verbot einer Verpackungsart – hier Plastik – ist aufwendig und schwierig umzusetzen», erklärt Patrik Geisselhardt vom Schweizerischen Verpackungsinstitut SVI.

Eine Kassierer schiebt einen durchsichtigen Plastiksack über den Scanner an der Kasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht betroffen sind die durchsichtigen Plastiksäcke für selbst abgepackte Früchte und Gemüse. Keystone / Archiv

Ein Fragezeichen setzt Yves Zenger von Greenpeace Schweiz. «Ein Versuch ist es wert. Freiwilligkeit ist immer gut, aber sie greift nicht in jedem Fall», sagt er SRF News. Klar sei, dass Plastiksäcke aus Erdöl hergestellt werden und die Umwelt belasten. Alle wüssten, welche Probleme die Erdölförderung mit sich bringe.

Zweifel bestehen – unklare Ökobilanz

Doch was bringt ein Verbot in der Schweiz und wie steht es um die Ökobilanz der Raschelsäcke? Tatsache ist, dass ein allfälliges Verbot im Detailhandel wohl nicht das drängendste Problem ist, das die Politik zu lösen hat. Zumal eine Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) zeigt, dass die Wegwerf-Säcke nicht einmal eine so schlechte Ökobilanz haben (siehe Textbox).

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Geringer ökologischer Nutzen

Mehrwegtaschen sind aus Umweltsicht nicht unbedingt besser. Dies zeigte eine Studie der Empa vor gut drei Jahren. Demnach müsste eine Baumwolltasche 84-mal gebraucht werden, bis sie die gleiche Ökobilanz aufweist, wie eine Tüte aus rezykliertem Plastik. Zudem entsprechen die 3000 t Plastiksäcke nur knapp 0,5 % des Gesamtverbrauchs an Kunststoffen.

So bleibt für Geisselhardt vom Schweizerischen Verpackungsinstitut weiterhin unklar, ob effektiv ein Umweltnutzen erreicht würde. Marty von der IG DHS meint, dass die Umweltbelastung durch Plastiksäcke in der Schweiz vergleichsweise gering ist. So habe die Schweiz zum Beispiel kein Meeresanstoss und ein effizientes Abfallmanagementsystem. Darum zeige sich auch das Problem der Verwehungen und des Plastikmülls im Meer nicht. «Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass pro Kopf rund 120 Kilo Plastik verbraucht wird und auf die Plastik-Säcke wenige 100 Gramm fallen, dann ist es ein marginales Problem», sagte wiederum Geisselhardt.

Nichtsdestotrotz: Dass die weissen Säcke an den Kassen umweltschädlich sind, bestreiten auch die Konsumenten-Organisationen und Detailhändler nicht. Umso schöner sei es, wenn es eine Branchenlösung gebe, erklärte Geisselhardt. «Zudem wäre es ein Signal, dass die Branche selbstverantwortlich etwas zur Abfallvermeidung tut.» Wenn der Detailhandel etwas dagegen tun könne, sei das eine gute Umweltlösung, meint auch Patrik Marty von IG DHS.