Zum Inhalt springen

Header

Audio
Mit 7 Bauernregeln an die Macht
Aus Einfach Politik vom 22.11.2019.
abspielen. Laufzeit 23:27 Minuten.
Inhalt

Erfolgsgeheimnis der Bauern Mit sieben Bauernregeln an die Macht

Es gibt immer weniger Bauern in der Schweiz. Trotzdem bleibt ihre Lobby mächtig. Warum ist das so?

«Ich rede mit allen, egal ob sie in der SP, der FDP oder in der SVP sind. Und ich suche mit ihnen mehrheitsfähige Lösungen.» Dieser Satz von Bauernverbands-Präsident und CVP-Nationalrat Markus Ritter, sagt einiges darüber aus, warum es den Bauern bis heute gelingt, ihre Interessen so gut zu vertreten. Der Bauernverband ist – seit seinen Anfängen – überparteilich.

Jeden Tag geben zwei Bauern auf

Die neue Organisation einte Ende des 19. Jahrhunderts reformierte und katholische Bauern. Heute ist die Dachorganisation der Bauern mit 85 Unterverbänden eine gut geölte Lobbymaschine mit 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, viele davon Experten auf einem bestimmten Gebiet der Landwirtschaft. Aber das Credo ist immer noch: möglichst einig auftreten, möglichst viele ins Boot holen um die Interessen der Bauern möglichst gut zu wahren.

Der Beruf des Bauern und der Bäuerin hat sich in all den Jahren radikal verändert. Und vor allem sind die Bauern viel weniger geworden: Täglich geben zwei Bauern auf. In der Schweiz gibt es noch gut 50'000 Betriebe. Vor 30 Jahren waren es noch fast doppelt so viele.

Kürzungen haben keine Chance

Und trotzdem: Billiger ist die Landwirtschaft für die Steuerzahlerin und den Steuerzahler nicht geworden: Rund 2,8 Milliarden Franken gehen an Direktzahlungen pro Jahr an die Bauernbetriebe. Diese Zahl stieg in den 1980er- und 1990er-Jahren stark an. Seit zehn Jahren ist sie konstant.

Video
Die Bauernregeln der Macht
Aus SRF News vom 22.11.2019.
abspielen

Das liegt einerseits daran, dass die Landwirtschaftsfläche nicht stark abnimmt. Und andererseits am Geflecht von Vorschriften und Bedingungen, an welche die Direktzahlungen und andere Unterstützungsmassnahmen geknüpft sind. Dieses Geflecht wird immer undurchdringlicher, sagen auch Experten, und nur noch die Spezialisten blicken durch. Dieses Dickicht ausholzen, erweist sich als politisch schwierig.

Auch der letzte Versuch des Bundesrats, bei den Direktzahlungen bis 2022 eine halbe Milliarde pro Jahr zu sparen, scheiterte im Parlament. Mit den Bauern stimmten Ritters CVP, die SVP, Teile der FDP – aber auch die Grünen. Politische Erfolge der Bauern wie dieser haben aber auch viel mit der Person Markus Ritter zu tun. Das anerkennen auch seine Gegner.

Ritter ist mit allen Wassern gewaschen.
Autor: Beat JansBasler SP-Nationalrat

Der SP-Wirtschaftspolitiker Beat Jans sagt über den Bauernpräsidenten: «Er ist ein sehr fleissiger, gewissenhafter Politiker. Er ist aber auch mit allen Wassern gewaschen und stellt es sehr geschickt an, damit der Bauernverband seine Interessen im Parlament durchbringt.»

Ritter streitet nicht ab, dass das richtige Vorgehen das A und O ist bei seiner politischen Arbeit für die Bauern. Bereitwillig legt er seine Sieben-Punkte-Strategie offen, wie er es schafft, einem Anliegen zum Erfolg zu verhelfen (siehe Box).

Die 7 Bauernregeln der Macht

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Regel 1: Die richtige Taktik

Wer in Bundesbern etwas durchsetzen will, muss sehr genau wissen, wen er anspricht, wen er wann mit ins Boot holen soll, und mit welchen Argumenten er es schafft, dass jemand ein Anliegen zu seinem eigenen macht.

Regel 2: Dossierkenntnis

Ritter macht es vor: er kennt sein Dossier, die Landwirtschaft, bis auf die Knochen. Und er ärgert sich über Kolleginnen und Kollegen, die – wie er sagt – nach dem Prinzip SABA funktionieren: Souveränes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit.

Regel 3: Einigkeit

Beim Bauernverband heisst das, immer und möglichst von Beginn weg mit einer Stimme sprechen. Keine Selbstverständlichkeit beim Verband mit seinen 85 Unterorganisationen. Diese gilt es früh einzubinden, so dass Meinungsverschiedenheiten gar nicht erst öffentlich werden.

Regel 4: Schnell sein

Wer schnell reagiert wird im Berner Politbetrieb mehr gehört. Oder wie es Bauernpräsident Ritter formuliert: «In Bern frisst nicht der Grosse den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen.» Der kleinere Bauernverband könne darum mit grösseren Wirtschaftsverbänden wie Economiesuisse mithalten.

Regel 5: Parlamentsbetrieb verstehen

Wer im Parlament Erfolg haben will, muss die Mechanismen kennen. «Ich habe immer zwei Bücher auf dem Nachttisch: Das Parlamentsgesetz und den Kommentar zum Parlamentsgesetz». So könne er jederzeit nachschlagen und darüber brüten, mit welchem Schachzug er am ehesten zum Ziel komme.

Regel 6: Offene Medienarbeit

Die Medien sieht Ritter als Partner. Dank ihnen kann er die Bauern vermarkten, ihre Anliegen verbreiten. Sein Credo: «So lange ich Bauernpräsident bin, lasse ich jeden Journalisten und jede Journalistin auf meinen Hof.»

Regel 7: Keine Angst haben

Zu seiner Meinung stehen, auch wenn sie unpopulär sein mag, ist die letzte Maxime von Ritter. Dem politischen Gegner mit Respekt begegnen, aber sich nicht einschüchtern lassen, komme was wolle.

Bei der Durchsetzung der bäuerlichen Anliegen hilft Ritter und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, dass die Landwirtschaft in der Bevölkerung vielleicht nicht immer beliebt, aber die schöne Landschaft und die einheimischen bäuerlichen Produkte sehr populär sind. Mit der Landwirtschaft, obwohl heute ökonomisch gesehen ein kleiner Wirtschaftszweig, haben alle Menschen irgendwie zu tun – sei es, wenn sie auf einer Wanderung über eine Alpweide gehen oder wenn sie im Kühlregal zum Bio-Joghurt greifen.

«Kennen Sie die Sendung: ‘Jurist, ledig, sucht’?»

Ritter nimmt die Fernsehsendung «Bauer, ledig, sucht» als Beispiel. Sie gefalle den Menschen, weil es von den Höfen Geschichten zu erzählen gebe und schöne Landschaftsbilder garantiert seien. Und er fragt rhetorisch: «Aber kennen sie eine Sendung, die ‘Jurist, ledig, sucht’ oder ‘Journalist, ledig, sucht’ heisst?»

Kühe stehen an einer Viehschau herum.
Legende: So teuer sie auch ist, mit der Landwirtschaft kommen alle Steuerzahler in Berührung. Keystone

Auch die grüne Welle, die bei den Wahlen ihre Wirkung gezeigt hat und der viele Umweltpolitikerinnen und -politiker ihre Wahl ins Parlament verdanken, wird der Bauernmacht nicht unbedingt Abbruch tun. Zwar haben die Grünen und die traditionellen Bauern andere Vorstellungen von der Landwirtschaft. Aber beide teilen die Verbundenheit mit der Natur. Zudem sitzen unter den neuen grünen Parlamentariern mehrere mit bäuerlichem Hintergrund.

Podcast «Einfach Politik»

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Podcast «Einfach Politik»

«Einfach Politik» ist der Podcast von Radio SRF zur Schweizer Politik. Alle zwei Wochen gibt es jeweils am Freitag um 5 Uhr eine neue Folge. Wenn Sie keine der Folgen verpassen wollen, dann abonnieren Sie den Podcast. Hier finden Sie ihn:

Für Bauernpräsident Markus Ritter ist denn auch klar, dass er auf die Grünen zugehen will. «Wenn ich die Präsidentin der Grünen, Regula Rytz, richtig verstanden habe, möchten die erstarkten Grünen eine Volkspartei sein.» Und darum zählt er sie zu seinen potentiellen Allianzpartnern. Für ihn, meint der oberste Bauer, gelte eben weiterhin das Prinzip: «Im Parlament arbeiten wir mit denen zusammen, die da sind.»

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

76 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von C.M. Klein  (C.M.Klein)
    Nun ja. Bei 50000 Betrieben und 2.8 Milliarden macht dies ja pro Betrieb durchschniþlich nur 56000 Fr pro Jahr aus . Durchnittlich heisst dann natürlich für die Grossen etwas mehr, für die Kleinen etwas weniger. Ich finde, das ist voll in Ordnung so, lasse meine jährlichen Spenden ja uch immer vollumfänglich dem Verein notleidender Bankiers zukommen....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von H. Wach  (H. Wach)
    Ich kann mir keinen Staat vorstellen, der nicht als Erstes dafür sorgt, dass für das eigene Volk ausreichend Nahrung zur Verfügung steht. An zweiter Stelle sorgt ein Staat für ein stabiles Wirtschaftssystem, usw. Ernährung haben religiöse Werte: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“. „Unser täglich Brot gib uns heute". Das Hauptproblem liegt darin, dass in den Wohlstandsgesellschaften nur noch 8-10% des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben werden. Früher waren es 70-80%!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von August Meier  (And007)
      Also wenn sie es als Problem sehen das wir heute Geld übrig für eine pluralistische Gesellschaft, Infrastruktur, Medizin, Sanitäre Anlagen und etwas Vergügen übrig haben und nicht alles fürs Futter ausgeben müssen wünsche ich ihnen viel Spass zurück ins Mittelalter. Aber bitte ohne mich dabei in Geiselhaft zu nehmen
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    @ Claudia ihr Frage ob Markus Ritter echt ohne
    Melkmaschine melken könne, sicher kann er das. Melken gehört zur LAndw.Grundausbildung.
    @Labhard
    Es sind nicht die Bauern welche unser Leben verteuern, das Inseldasein des CHF im
    EU-Raum macht den grosse Teil aus. Schweizer Loehne und
    Schweizer Kosten
    Die Differenzen CH/EU
    Sackt der Grossverteiler
    oder der ausländische Hersteller ein
    Nicht die Bauern mit 70 und mehr Wochenstunden Kleinbauer/Innen noch
    mehr
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von August Meier  (And007)
      Wie sie richtig sage wurde hier ein System an Subventionen aufgebaut. Es ist höchste Zeit dieses System zu durchbrechen. Die Trinkwasserinitiative ist ein (kleiner" Anfang.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen