Missbrauch von Kindern «Es gibt eine Reihe von Warnsignalen»

Video «Sexueller Missbrauch ist weiter verbreitet als angenommen» abspielen

Sexueller Missbrauch ist weiter verbreitet als angenommen

2:00 min, aus Tagesschau vom 9.4.2017

Die Vorgeschichte: Am Dienstag waren an einer Buchpräsentation Missbrauchsvorwürfe gegen den berühmten Schweizer Pädagogen Jürg Jegge bekanntgeworden. Am Freitag gab Jegge zu, dass es in den 1970er-Jahren zu sexuellen Kontakten mit Schülern kam. Diese Taten sind rechtlich gesehen verjährt. Doch die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen.

Zusatzinhalt überspringen

Regula Schwager

Regula Schwager

Die Zürcher Psychotherapeutin arbeitet bei Castagna – einer Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche. Castagna informiert, unterstützt und begleitet Betroffene sowie ihre Bezugspersonen.

SRF: Was kann man tun, um sexuellen Missbrauch zu verhindern?

Regula Schwager: Es ist wichtig, dass man hinschaut. Auch wenn man Widerstände dagegen hat und sich nicht vorstellen kann, dass die im Verdacht stehende Person Übergriffe begehen könnte.

Sollte sich ein Verdacht auftun – was gilt es zu unternehmen?

Ich empfehle allen, die ein ungutes Gefühl oder sogar einen konkreten Verdacht haben, sich bei einer Fachstelle zu melden. Denn ungute Gefühle sollte man nicht einfach zur Seite schieben, sie haben oft etwas an sich.

Gibt es bestimmte Warnsignale für sexuelle Übergriffe?

Natürlich gibt es Warnsignale. Sie zeigen sich da, wo Grenzverletzungen passieren und sich der private mit dem beruflichen Bereich überschneidet. Wenn zu viel Nähe da ist zwischen den Kindern und den Menschen, die mit ihnen arbeiten. So sollte man beispielsweise aufmerksam werden, wenn Lehrer ihre Schüler nach Hause einladen, mit ihnen die Freizeit verbringen. Oder wenn ein Lehrer seine Schüler auskitzelt oder wegen einer guten Note umarmt. Das liegt nicht drin, und das sind auffällige Verhaltensweisen.

Wie zeigt sich ein Missbrauch bei den Kindern?

Das ist sehr unterschiedlich. Kinder reden ja nicht über ihre sexuelle Ausbeutung. Aber es ist schon auffällig, wenn ein Kind plötzlich bei einem bestimmten Trainer nicht mehr ins Training will. Wenn man es dann fragt, ob es den Sport nicht mehr ausüben will, kommt häufig die Antwort: «Doch schon, aber ich will nicht mehr ins Training gehen.» Dann sollte man aufmerksam werden.

Wäre ein Fall Jegge auch heute noch möglich?

Natürlich, solche Fälle haben wir jeden Tag – nur ist die Tatperson nicht so prominent. Aber es ist ein typischer Verlauf: Eine Person, die Macht hat über die Kinder und wichtig für deren Entwicklung ist, missbraucht das Vertrauen der Schützlinge.

Schwarze Listen, ein erweiterter Strafregisterauszug bei Bewerbungen – in den letzten Jahren wurden diverse Präventionsmassnahmen eingeführt. Warum reicht das nicht?

Diese Massnahmen helfen sicher etwas. Aber sie helfen da nicht, wo nur ein Verdacht besteht. Häufig ziehen Pädosexuelle weiter, wenn ein Verdacht aufkommt. Dann steht nichts in der Akte. Die Massnahmen reichen aber auch darum nicht, weil unsere Gesellschaft das Thema immer noch abwehrt. Wir wollen nicht wahrhaben, dass Menschen, die wir achten und respektieren, Übergriffe auf Kinder verüben. Man ist nicht sorgfältig genug, wenn man einen Verdacht hat.

Das Gespräch führte Anita Bünter.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Pädagoge Jegge ist geständig

    Aus 10vor10 vom 7.4.2017

    Oft leiden Missbrauchsopfer ein Leben lang seelisch sowie körperlich an den Verletzungen. Auch Markus Zangger beschäftigt sich bis heute damit und veröffentlichte gar ein Buch darüber, in welchem er Jürg Jegge, bekannter Schweizer Pädagoge, des Missbrauchs beschuldigt.