Experten fordern Abhilfe gegen Impfstoffengpässe

Wer sein Kind gegen Kinderlähmung, Keuchhusten oder Starrkrampf impfen lassen will, könnte ein Problem bekommen: In vielen Schweizer Kinderarztpraxen fehlen Impfstoffe. Und das ist nicht das erste Mal. Deshalb verlangen Impfexperten jetzt, dass der Bund etwas unternimmt.

Kinderärztin Heidi Zinggeler Fuhrer arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Chur. Der Impfstoffengpass hat ganz konkrete Auswirkungen in ihrem Alltag. «Ich kann die Kinder nicht zeitgerecht impfen und muss entweder auf einen anderen Impfstoff ausweichen oder sie später nochmals aufbieten, um die Impfung nachzuholen», erzählt sie. Denn bis Ende April ist die übliche Sechsfachimpfung für Säuglinge nicht lieferbar.

Für die Co-Präsidentin des Verbandes der Schweizer Kinderärzte bedeutet dies einen Mehraufwand und für die Kinder einen zusätzlichen Pieks. Auch andere Kombi-Impfungen und die Einzelimpfung gegen Windpocken sind nicht vorhanden. Zudem sind Polio-Präparate knapp.

Keine Gefahr für Gesundheit der Kinder

Die Gesundheit der Kinder sei deswegen nicht gefährdet, beruhigt Christoph Berger. Er ist Co-Leiter der Infektiologie am Kinderspital Zürich und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Dennoch macht er sich Sorgen: «In den letzten Jahren gab es das auch schon, dass ein Impfstoff einmal ein paar Wochen nicht lieferbar war. Aber dass gleichzeitig mehrere Impfstoffe nicht lieferbar sind, das nimmt zu und war so vor fünf Jahren sicher nicht der Fall.»

Die Gründe für den Impfstoffmangel sind vielfältig. Die Produktion sei komplex und deshalb schwierig zu steuern, heisst es bei Glaxo-Smith-Kline, einem der wichtigsten Impfstoffhersteller weltweit. Nicht zuletzt steckten häufig auch die strengen Qualitätsvorgaben dahinter.

Schweizer Markt für Hersteller von Impfstoffen

Erschwerend kommt hinzu, dass nur eine Handvoll Impfstoffhersteller für den Schweizer Markt produziert. Bei einem Engpass auf ein anderes Präparat auszuweichen, sei deshalb nicht so einfach oder gar unmöglich, erklärt Christoph Hatz. «Es ist so, dass ein Impfstoff den ganzen Registrierungsprozess durchgehen muss, wenn er in der Schweiz auf den Markt kommen soll. Das ist aufwendig und kostet sehr viel Geld», erklärt der Chefarzt des Schweizerischen Tropeninstituts Basel. Der Markt in der Schweiz sei nicht so gross, dass es sich für einen Hersteller lohnen würde, hier einen neuen Impfstoff auf den Markt zu bringen, so Hatz.

Impf-Kommission diskutiert drei Massnahmen

Hier will die Eidgenössische Kommission für Impffragen ansetzen. Zur Sprache kommen drei Massnahmen. Einerseits wird darüber diskutiert, ob Impfstoffe, die in einem EU-Land bereits zugelassen sind, leichter auch in der Schweiz zugelassen werden sollen. Zum anderen fordern Impfexperten, dass die administrativen Hürden für den Import abgebaut werden.

Blick in einen Kühlschrank, in dem Impfstoffe gelagert werden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den Engpässen abhelfen könnte eine "Vorratskammer" mit Impfstoffen. Keystone

Die dritte diskutierte Massnahme gegen Impfstoffengpässe ist das Errichten eines zentralen Pflichtlagers. Impfexperte Christoph Berger erklärt die Idee so: «Es ist, wie wenn Sie im Keller Äpfel lagern. Zuerst nehmen Sie stets die ältesten, gleichzeitig haben Sie einen Vorrat, den Sie bewirtschaften. Wenn Sie eine solche Reserve haben, können Sie kurzfristige Engpässe puffern.»

Dieser letzte Vorschlag kommt bei den Behörden an. Das Pflichtlager sei eine der Massnahmen, die eine Arbeitsgruppe des Bundes zurzeit diskutiere, erklärt Lukas Jaggi von Swissmedic, der Schweizer Zulassungsbehörde von Arzneimittel. Allerdings seien noch viele Fragen offen: Die Frage der Haltbarkeit, wirtschaftliche Abwägungen und Patientensicherheit seien komplex und müssten sorgfältig geprüft werden, um einen guten Entscheid fällen zu können, sagt Jaggi.

Die Behörden haben zwar den Handlungsbedarf erkannt, kurzfristige Lösungen sind aber keine in Sicht. Bis auf weiteres wird es also immer wieder zu Impfstoffengpässen kommen.