Fall Céline: Politiker fordern Einführung der Sammelklage

Die Schweiz ist bald das einzige Land in Europa, das die Möglichkeit einer Sammelklage nicht kennt. Eine gemeinsame Klage gegen den Pharmakonzern Bayer wäre jedoch erfolgsversprechender gewesen, sagt der Anwalt der schwerbehinderten Céline.

Porträt von Céline. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine Chance gegen Bayer: Célines Eltern verloren den Prozess gegen den Pharmariesen. SRF

Die 22-jährige Céline ist seit einer Lungenembolie schwer behindert. Für Célines Ärzte ist die Anti-Babypille Yasmin die höchst wahrscheinliche Ursache der Embolie. Célines Eltern verklagten den Pharmakonzern Bayer auf Schadenersatz in Millionenhöhe und verloren den Prozess.

In den USA hingegen hat Bayer Entschädigungen bezahlt. An über 7600 Frauen. Total über 1,5 Milliarden US Dollar. Entschädigungen wie in den USA würden hierzulande am Rechtssystem scheitern, sagt Célines Anwalt Felix Rüegg. Es fehle das Instrument der Sammelklage: «Wenn ein Hersteller von einem Produkt darauf vertrauen kann, dass er eigentlich unangreifbar ist, dann ist er weniger vorsichtig, als wenn er damit rechnen muss – wie in Amerika – dass eine Prozesslawine auf ihn zukommt.»

«Nebenwirkungen seit langem bekannt»

Der Pharmakonzern Bayer sagt, man nehme die Verantwortung für die Sicherheit der Produkte ernst: «Aufgrund der Bewertung aller vorliegenden wissenschaftlichen Daten ist das Nutzen-Risiko-Profil von Yasmin bei verschreibungsgemässer Anwendung positiv.» Zudem seien alle hormonellen Verhütungsmittel sehr wirksame Medikamente mit seltenen schweren Nebenwirkungen, die seit langem bekannt seien.

Nationalräte für Sammelklagen

Priska Birrer-Heimo (Nationalrätin SP/LU), die oberste Konsumentenschützerin fordert mit einem Vorstoss im Parlament, dass nun auch die Schweiz Sammelklagen einführt. «Mehrere Opfer können sich zusammen schliessen und das Prozesskostenrisiko teilen», so Birrer-Heimo. Für die Gerichte sei eine Klage für alle gleichartigen Fälle auch ökonomischer und effizienter abzuhandeln.

Selbst bürgerliche Politiker unterstützen das Anliegen aus Konsumentenschutz-Kreisen. «Ich bin dafür, dass man Instrumente prüft, die es den Leuten einfacher machen, zu ihrem Recht zu kommen», sagt etwa FDP-Nationalrat Andrea Caroni (AR). Und auch SVP-Nationalrat Lukas Reimann (SVP), meint: «Das entlastet am Schluss auch die Justiz.»

Angst vor amerikanischen Verhältnissen

Doch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ist skeptisch. Man befürchtet amerikanische Verhältnisse. «Die grösste Gefahr besteht, wenn sich die Sammelklage praktisch zu einem Erpressungsinstrument wandelt, wie das in Amerika häufig der Fall ist. Davon würden nur die Anwälte profitieren», so Geschäftsleitungsmitglied Thomas Pletscher gegenüber «10 vor 10».

Trotz dieser Bedenken dürfte das Sammelklage-Recht im Parlament Chancen haben. Denn viele Parlamentarier wollen, dass mutmassliche Opfer wie Céline nicht mehr alleine gegen mächtige Konzerne antreten müssen.

(widb;krua)

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Sammelklagen auch in der Schweiz

    Aus 10vor10 vom 8.11.2013

    Die Eltern von Céline Pfleger, die mit 16 Jahren eine Lungenembolie erlitt, klagten gegen den Pharma-Konzern Bayer und haben verloren. Jetzt sei die Zeit reif, dass auch die Schweiz das Instrument der Sammelklage einführt, sagen Politiker von links bis rechts. Nur so könne man erfolgreich gegen einen grossen Konzern vorgehen.