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Schweiz Fall Ignaz Walker: Strafrechtsprofessor greift Urner Justiz an

Seit 4 Jahren sitzt ein Erstfelder Cabaret-Betreiber in Sicherheitshaft. Das Urner Obergericht verurteilte ihn im letzten Herbst wegen eines Mordversuches an seiner Frau zu 15 Jahren Gefängnis. Er selber beteuerte stets seine Unschuld. Ein Strafrechtsprofessor ortet nun Rechtsverletzungen.

Legende: Video Justizopfer im Kanton Uri? abspielen. Laufzeit 17:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 01.10.2014.

Der Strafrechtsprofessor Christof Riedo von der Universität Freiburg kritisiert die Urner Justiz aufs Schärfste. In der «Rundschau» stellt er im Fall Ignaz Walker gravierende Verfahrensfehler fest.

Angeklager beteuert seine Unschuld

Es ist der grösste Indizienprozess im Kanton Uri. Im letzten Herbst hat das Urner Obergericht Ignaz Walker zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilte. Der Cabaret-Betreiber soll einen Auftragskiller auf seine damalige Ehefrau angesetzt und 11 Monate zuvor auf einen Gast geschossen haben. Doch Walker beteuerte stets seine Unschuld.

Gravierende Rechtsverletzungen

Für den Strafrechtsprofessor aus Freiburg steckt schon im Verfahren an sich der Wurm. Der Hauptzeuge hatte rund 2,6 Promille intus, der ermittelnde Polizist war befangen, und rund um das Hauptindiz einer DNA-Spur stellen sich viele Fragen.

«Es ist schon auffällig», sagt Christof Riedo, «wie man systematisch Massnahmen blockiert, die an den Tag bringen könnten, dass sich die Geschichte anders abgespielt haben könnte.» Riedo hat die Akten studiert, für ihn ist klar: «Hier gab es Rechtsverletzungen.»

Eine Person hält eine Pistole vor einem Cabaret-Eingang.
Legende: Der Urner Justizfall dreht sich um einen angeblichen Mordauftrag, befangene Polizisten und fragwürdige DNA-Spuren. SRF

Nur scheinbar schlüssige Indizien

Ignaz Walker sitzt seit November 2010 hinter Gittern. Damals schoss jemand auf Walkers Ehefrau, eine ehemalige Cabaret-Tänzerin. Diese beschuldigte sofort ihren Ehemann, er habe einen Auftragskiller auf sie angesetzt. Die ermittelnde Polizei stiess bald auf einen tatverdächtigen Kroaten und die Tatwaffe.

Ballistische Untersuchungen ergaben, dass aus der gleichen Waffe schon einmal geschossen worden war: 11 Monate vor dem Mordanschlag. Damals fiel vor Walkers Cabaret «Taverne» in Erstfeld ein Schuss. Verletzt wurde niemand, aber ein Holländer beschuldigte Ignaz Walker. Dieser habe auf ihn geschossen. Die Urner Polizei stellte eine abgefeuerte Patronenhülse sicher. Auf dieser fand ein Kriminalpolizist angeblich eine DNA-Spur von Ignaz Walker.

Eine klare Indizienkette, die zu Walker führt, so scheint es. Doch «Rundschau»-Recherchen zeigen gravierende Unstimmigkeiten, die vom Urner Obergericht weitgehend ignoriert wurden.

Hat die Polizei den Belastungszeugen überredet?

So war der holländische Belastungszeuge – beim Vorfall und auch noch bei der polizeilichen Einvernahme kurz danach – massiv betrunken. Die Messungen der Polizei ergaben einen Blutalkoholwert von 2,58 Promille. «Auf einen solchen Zeugen kann schlicht und einfach keine Verurteilung basieren», so Linus Jaeggi, Rechtsanwalt und Verteidiger von Ignaz Walker.

Ebenfalls in den Akten ist festgehalten, dass sich der Holländer laut Zeugen wenige Tage nach dem Vorfall zu Walker an den Stammtisch setzte. Ignaz Walker gab dem Verhöramt zu Protokoll, der Holländer habe sich bei ihm für die falsche Anschuldigung entschuldigt. Die Polizei habe ihn dazu überredet.

Sowohl die Urner Staatsanwaltschaft wie auch das Obergericht hielten es jedoch nicht für zwingend, den Holländer nochmals zu befragen. Für Strafrechtsprofessor Christof Riedo eine weitere Rechtsverletzung: «All diese Gründe hätten dazu führen müssen, dass man diesen Holländer nochmals befragt.»

Kriminalpolizist: zuerst Streithahn, dann Ermittler

Aus den Akten geht weiter hervor, dass Ignaz Walker bereits bei der ersten Befragung darauf aufmerksam machte, dass ermittelnde Polizisten befangen seien. Tatsächlich hatten im Dezember 2006 vier Polizisten eine heftige Auseinandersetzung mit Walker, die mit einem Strafverfahren endete.

Auslöser war ein privater Besuch der alkoholisierten Polizisten in Walkers Striptease-Bar. Involviert war auch Kriminalpolizist M., der im Fall Walker die Spurenermittlungen führte. Für Strafrechtsprofessor Riedo ist klar: «Der Polizist hätte von sich aus sagen sollen, er trete in den Ausstand und nach dem Gesuch, das der Beschuldigte eingereicht hatte, hätte die Staatsanwaltschaft eingreifen müssen.» Doch nichts geschah.

Legende: Video Ignaz Walker beteuert seine Unschuld abspielen. Laufzeit 0:08 Minuten.
Vom 01.10.2014.

Zweifelhafte forensische Sensation

Als Hauptindiz würdigte das Gericht eine DNA-Spur auf der abgefeuerten Patronenhülse. Doch diese DNA fand ausgerechnet derjenige Kriminalpolizist M., der gemäss Strafprozess-Professor Riedo wegen möglicher Befangenheit gar nicht erst hätte ermitteln dürfen.

Und ausgerechnet diesem Kriminalpolizist soll eine forensische Sensation gelungen sein: So hatte er angeblich von der abgefeuerten Patronenhülse vom Tatort Walkers DNA sicherstellen können.

«Beweismittel gegen den Strich bürsten»

Selbst dem renommierten Forensischen Institut Zürich ist dies noch nie gelungen, wie es in einem Bericht zu Händen des Urner Obergerichts festhält: «Wir haben in schätzungsweise 20 bis 40 Fällen Sicherstellungen von allfälligen DNA-Spuren ab Hülsen vorgenommen, jedoch ohne je eine verwertbare DNA-Analyse zu erhalten.»

Verteidiger Linus Jaeggi spricht zur «Rundschau» Klartext: «Hier wurde etwas manipuliert zu Ungunsten von Herrn Walker.» Er verlangte, dass das Gericht den Polizisten zu diesem gewichtigsten Beweismittel befragt. Doch das Obergericht verweigerte auch dies.

Dazu Strafprozessrechts-Professor Christof Riedo: «Man hat hier tatsächlich das Gefühl, dass Beweismittel teilweise ‹sec› gegen den Strich gebürstet wurden. Man spürt eine Grundtendenz: Das Ziel ist, den Betreffenden schuldig zu sprechen.»

Bundesgericht ist Ignaz Walkers letzte Chance

Der Verteidiger von Ignaz Walker spricht von einem krassen Fehlurteil des Urner Obergerichtes und hat deshalb Beschwerde vor Bundesgericht eingereicht.

Rechtsprofessor Christof Riedo ist überzeugt, «dass erhebliche Chancen bestehen, dass das Bundesgericht die untere Instanz nochmals anweist über die Bücher zu gehen.» Für Ignaz Walker ist das Bundesgericht die letzte Chance zur Wahrheitsfindung: «Ich weiss, dass ich unschuldig bin.»

Die «Rundschau» konfrontierte die Urner Strafverfolgungsbehörden und das Obergericht. Antworten gab es keine, denn es sei ein hängiges Verfahren.

19 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Eigentlich für mich nichts Neues, es war früher schon so, rauf bis zur höchsten Sp(r)itze. In UNSEREM Fall endete es mit einer Bundesrichterlichen Aufhebung eines bundesrechts-wirdrigen dringlichen Bundes-Beschlusses, die davon betroffene Branche war allerdings bereits amtlich vernichtet, als die Richter so entschieden, und schuld war natürlich Keiner. Logisch, Schlumpf, später Ogi, waren damals Sp(r)itzenführer, und wer hätte sich wohl getraut, solch liebe Leute irgend einer Kritik auszusetzen?
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  • Kommentar von Reto Achermann, Schattdorf
    Miserabler Boulevard Journalismus... Dass der geständige Täter des Mordversuches auf die Frau vom Unschuldslamm I.W. seit Jahren seine Strafe verbüßt, wird mit keinem Wort erwähnt.... Die Rundschau ist wirklich bei weitem nicht mehr, was sie mal war!
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    1. Antwort von Patrick Meier, Bremgarten
      Es geht eigentlich nur sekundär um Herr Walker, die eigentliche Tat ist, das die DNA Spur gefälscht wurde, das ist ein grober Amtsmissbrauch, abgesehen von der Befangenheit . Verwundert mich nicht wahrscheinlich ist der Staatsanwalt der Bruder vom Cousine vom Polizist. Herr Walker war unangenehm, und für richtige Beweise reichte es nicht, so schafft man sich selber welche. So lässt man als Beamte am einfachsten eine Personen verschwinden.
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  • Kommentar von Monika Brunschwiler, 8048 Zürich
    Liebe Alle Leser Ich bin so glücklich, dass doch da und dort die Wahrheit ans Licht kommt. Ich wurde persönlich nach 17 Jahren Polizeidienst von den eigenen Kollegen so zusammengeschlagen, dass ich 2 Operationen hinter mir habe, und seit 3.8.11 eine 50 bis meistens 100% tige Arbeitsunfähigkeit habe. In der Schweiz könnte es sein, dass das Volk wie nirgends sonst auf dieser Welt von seiner eigenen Justiz angelogen wird ! Gefälschte Polizeirapporte - leider keine Ausnahme - auch nicht in ZH.
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    1. Antwort von Peter Meier, Zürich
      Es mänschelet überall, da muss man sich nichts vormachen.
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