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Schweiz Fehlende Zeit und Personalmangel: Angehende Pfleger unter Druck

Viele Überstunden, ein tiefer Lohn und schlechte Betreuung im Arbeitsalltag: Mit diesen Realitäten sehen sich laut der Gewerkschaft Unia viele Auszubildende in Pflegeberufen konfrontiert.

Legende: Video Bieten Pflegeberufe keine Zukunft? abspielen. Laufzeit 01:51 Minuten.
Aus Tagesschau vom 08.09.2015.

Die Unzufriedenheit der angehenden Pflegefachkräfte belegt die Unia mit einer Umfrage, die sie bei 1100 Lehrlingen und Studenten in der Deutschschweiz durchgeführt hat.

Rebecca Scheck beispielsweise hat als Pflegerin im Spital gearbeitet und ist nun in Ausbildung an der Höheren Fachschule. Das grösste Problem für die junge Frau im Spital war, dass sie zu wenig Zeit für die Patienten hatte: «Die Patienten wurden morgens um acht Uhr bestellt. Ich hatte jedoch noch drei andere Patienten, die ich zwischen sieben und acht Uhr versorgen sollte.» Auf diese Weise seien die Neueintritte schon von Beginn an schlecht auf sie zu sprechen gewesen.

Wir können nicht als Fliessbandarbeiter tätig sein.
Autor: Rebecca ScheckPflegefachfrau

Und so könne kein Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und der Pflegerin entstehen. Ausserdem habe sie zu wenig Anerkennung für ihren Beruf erfahren. Schuld an diesen Missständen sei der Kostendruck im Gesundheitswesen. «Man möchte in der Pflege Profit machen, sie soll rentabel sein – das funktioniert in der Praxis nicht. Wenn man eine umfassende und qualitativ gute Pflege möchte, können wir nicht als Fliessbandarbeiter tätig sein», so Rebecca Scheck.

Legende:
Die 5 wichtigsten Bedingungen für einen längerfristigen Verbleib in der Pflege (Anteil in Prozent am Total der Nennungen) Befragt wurden Berufseinsteiger in der ganzen Schweiz in den Jahren 2011 und 2012: ein erstes Mal in den letzten Monaten der Ausbildung und ein zweites Mal ein Jahr nach dem Abschluss. Für eine vertiefende Analyse der Berufsrollen und Berufsbilder wurden ergänzend je rund 60 mündliche Interviews mit Berufseinsteigenden durchgeführt. Die teilnehmenden Institutionen meldeten insgesamt 1756 Studierende, wovon 1191 den Fragebogen beantworteten. Dies entspricht einer Antwortquote von 68%. ZHAW Departement Gesundheit

Die Erfahrungen von Scheck decken sich mit den Resultaten der Unia-Umfrage: Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass sie ihren Beruf nicht so ausüben könne, wie sie ihn gelernt habe. Und fast die Hälfte sagt, sie werde in den nächsten zehn Jahren vermutlich den Beruf wechseln. Für Adrian Durtschi von der Unia ist dies ein Warnruf: «Wir haben einen grossen Bedarf an Pflegefachkräften. Wenn viele Personen, die ausgebildet sind, den Beruf wieder verlassen, erhöht sich dieser Fachkräftemangel und das gibt Probleme.»

80 Prozent der Absolventen bleiben als zukünftige Mitarbeitende bei uns – das spricht für sich.
Autor: Odette HäfeliLeiterin Bildung & Entwicklung Universitätsspital Basel

Eine andere Sicht vertritt Odette Häfeli. Sie leitet den Bereich Bildung am Universitätsspital Basel: »Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich erlebe unsere Auszubildenden als sehr motiviert und zufrieden. 80 Prozent der aktuellen Absolventen bleiben als zukünftige Mitarbeitende bei uns – das spricht für sich.»

Ins gleiche Horn stösst Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+. Er nehme keine Unzufriedenheit bei den Pflegerinnen und Pflegern wahr. Im Gegenteil: «Fachpersonen im Gesundheitswesen sind äusserst zufrieden mit der Arbeit, die sie leisten und wahrnehmen können. Es ist eine strenge Arbeit, aber die Zufriedenheit bei den Pflegenden ist sehr gross.»

Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern: Es braucht vor allem mehr Personal und mehr Zeit.
Autor: Adrian DurtschiUnia

Gemäss einer Auswertung der Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit bleiben die Pflegerinnen und Pfleger im Durchschnitt zehn bis zwölf Jahre in ihrem Beruf. Das sei ein ähnlicher Wert wie in anderen Berufen. Die Gewerkschaft Unia hingegen ist besorgt darüber, dass so viele den Pflegeberuf an den Nagel hängen wollen. Adrian Durtschi sieht deshalb Handlungsbedarf: «Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern: Es braucht vor allem mehr Personal und es braucht mehr Zeit.»

Mehr Zeit für jeden einzelnen Patienten, den die Pfleger betreuen müssen. Doch das kostet. Und das Gesundheitswesen ächzt bereits jetzt unter steigenden Kosten. Die Forderungen der Unia dürften es also schwer haben.

Legende:
Wie oft müssen Pfleger und Pflegerinnen Überstunden leisten? (in Prozent) 1084 Lernende Assistenten und Assistentinnen Gesundheit und Soziales (AGS), Fachpersonen Gesundheit (FaGe) und Betreuung (FaBe) sowie Studierende Pflegefachpersonen Höhere Fachschule (HF) aus der ganzen Deutschschweiz haben von Winter 2014/2015 bis Sommer 2015 an der Unia-Umfrage teilgenommen und den Fragebogen auf Papier oder online ausgefüllt. Unia

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3 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Es werden jetzt Heerscharen von billigem Pflegepersonal einen Kurzlehrgang mit Diplom-Abschluss machen. Man braucht die Leute die einem pflegen ja nicht zu verstehen, in den riesigen Spitälern gibt es sowieso keine Menschlichkeit mehr. Ich empfehle jedem, wenn möglich zuerst eine alternative Behandlung, bevor man sich im Spital behandeln lässt. Und privat, ist eine "Alters-WG" sicher das beste was man im Alter haben kann. Denn nur so, wissen wir, wie wir krank oder im Alter gepflegt werden.
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  • Kommentar von Rebecca Scheck (Rebecca Scheck)
    Natürlich sagen Schulen und H+ es sei alles in Ordnung. Ansonsten müsste man sich ja rechtfertigen, weshalb man Studierende in Betriebe schickt in denen die Zustände himmeltraurig sind. Drei verschiedene Berufsbildner in sechs Monaten, zehn Stunden Überzeit in der Woche, achtzehn Lernende aus vier verschiedenen Bereichen mit gerade mal einer Berufsbildnerin, und und und..
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  • Kommentar von Susanne Patterson (alter Hase)
    Der Druck auf die Pflege hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die Erwartungen der Patienten sind hoch. . Das Spannungsfeld zwischen Möglickeiten wie man einen Patienten im Idealfall gerne pflegen würde (wie man das in der Ausbildung lernt) und den Resourcen die vorhanden sind, ist schwierig auszuhalten.
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