Flüchtlings-Kinder sind hochmotivierte Schüler

Unter den Menschen, die in der Schweiz Asyl suchen, sind auch tausende schulpflichtige Kinder. Die meisten können kein Deutsch, viele sind traumatisiert von Erlebnissen im Krieg oder auf der Flucht. Für die Schulen ist das eine Herausforderung. Im Klassenzimmer geht es um mehr als ums Deutschlernen.

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«Flüchtlings-Kinder sind hochmotivierte Schüler»

4:58 min, aus 10vor10 vom 2.9.2015

Kurz vor acht setzt sich beim Durchgangszentrum im bernischen Schafhausen ein kleiner Tross in Bewegung. Eine Gruppe Kinder machen sich auf den Weg zur Schule im Nachbardorf Hasle bei Burgdorf. Es mag ein weiter Schulweg sein – doch diese Kinder haben die wirklich weiten Reisen hinter sich. Sie sind mit ihren Familien aus Eritrea, Syrien, Sri Lanka oder der Ukraine in die Schweiz geflohen.

Letzten Herbst hat der Kanton Bern das Asylzentrum in Schafhausen eröffnet, eingezogen sind auch zwanzig Kinder im schulpflichtigen Alter. Das stellte die kleine Primarschule Preisegg vor grosse organisatorische Aufgaben: «Wir hatten gerade mal einen Monat Zeit, um Räume, Lehrkräfte und Lehrmittel zu organisieren», sagt Schulleiterin Barbara Christen. Aber Christen packte die Sache unbürokratisch an und brachte die zusätzlichen Kinder mangels freier Schulzimmer kurzerhand in den Räumen der Tagesschule unter.

Zu Beginn noch reden mit der Hand

Die Kinder aus dem Durchgangszentrum besuchen zwei separate Deutsch-Intensiv-Klassen, denn die meisten sprechen kein Wort Deutsch, wenn sie in Schafhausen ankommen. Und so geht es beim Lehrer Marc-André Perrin um die ganz grundsätzlichen Dinge. Er unterrichtet die kleineren Schüler. «Ich heisse Lisa. Ich komme aus der Ukraine», spricht eine Zweitklässlerin ihm langsam nach. Es ist ihr dritter Tag in der Schule, sie verständigt sich mehr mit Händen als mit Worten.

Jeder Tag kann der letzte sein

Auch Sajini aus Sri Lanka versteht erst wenige Worte. Sie ist seit einigen Wochen hier. Perrin bringt den Kindern die Sätze zu einfachen Handlungen wie Wasser-einschenken bei. Der 8-jährige Ali aus Syrien hingegen löst bereits selbstständig ein Aufgabenblatt, er ist bereits ein Jahr in der Schweiz. Die Unterschiede seien enorm, sagt Perrin. Manche Kinder haben überhaupt noch nie eine Schule besucht.

Kontinuität gibt es in Perrins Klasse nicht. Die Kinder tauchen über Nacht auf und können ebenso schnell wieder verschwinden, sobald die Familie einen negativen Asylentscheid erhält oder umplatziert wird. «Die Kinder kommen und gehen, manche bleiben acht Tage, andere elf Monate. Jeder Tag kann der letzte sein.» Ihm ist es deshalb wichtig, dass die Kinder in seinem Schulzimmer eine gute Zeit haben.

«Jetzt sind wir wieder in Schweiz, hier ist Frieden.»

Dass die Kinder in der Heimat oder auf der Flucht Schwieriges durchgemacht haben, merke er im Unterricht zwar nicht. Im Spiel blitzen die Erlebnisse zuweilen aber auf. «Als wir gestern im Wald spazieren waren, hat sich die Hälfte Stöcke geschnappt und Krieg gespielt: Ein paar Schritte, auf den Boden, robben – es war wie echt. Das haben sie gesehen.» Er habe die Kinder spielen lassen, dann die Stöcke aber eingesammelt und weggeworfen. «Jetzt sind wir wieder in Schweiz, hier ist Frieden.»

Der Lehrer und die Schulleiterin sind sich einig: Die Kinder aus dem Durchgangszentrum seien die bestmöglichen Schüler – hochmotiviert und dankbar, hier zur Schule gehen zu dürfen. In den Deutsch-Intensiv-Klassen bleiben sie, bis die Deutschkenntnisse reichen, um in der Regelklasse mitzumachen. Sofern sie nicht schon vorher die Schule verlassen, weil die Familie eine Wohnung in einer anderen Gemeinde zugeteilt bekommen hat. «Das ist dann toll für die Familie – aber schade für uns», sagt Christen und lacht.