Zum Inhalt springen
Inhalt

Schweiz «Generation Minus»: Jugendliche in der Schuldenfalle

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Das fragen sich immer mehr Schweizer mit Blick auf ihr Bankkonto. Schulden und Überschuldung nehmen hierzulande zu – auch bei Jugendlichen. Über Ursachen, die Rolle des Elternhauses und Lösungsansätze sprach SRF News Online mit einem Schuldenberater.

Herr Graetzer, immer mehr Jugendliche häufen Tausende Franken an Schulden auf. Was läuft da schief?

Wir sind heutzutage die Generation der Nachsparer – das heisst: Heute kaufen, morgen zahlen. Während man früher noch auf etwas sparte und es sich dann leistete, wird heute oftmals konsumiert und erst später gezahlt. Nach meiner Erfahrung führt das dazu, dass sich einige Jugendliche schon sehr früh, sehr hoch verschulden. Die Boulevardpresse nennt sie «Generation Minus», weil sie das Erwachsenenleben schon mit Schulden beginnen.

Für was gehen die jungen Erwachsenen gern ins Minus?

Laut den Statistiken der Inkassofirmen wird vor allem für Online-Shopping, Telefon und Gesundheit Geld ausgegeben, das eigentlich nicht vorhanden ist.

Wie kommt es, dass Jugendliche ihre Finanzen nicht im Griff haben?

So lange sie zuhause wohnen, werden die Probleme oftmals noch überdeckt. Da spielen die Eltern schon einmal die Hausbank, greifen finanziell unter die Arme und übernehmen zum Beispiel die Handykosten oder wenden gar erste Betreibungen ab.

Und wann kommt das böse Erwachen?

Nun, das kommt meist mit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung. Auf sich allein gestellt, fällt es vielen jungen Erwachsenen schwer, über den Monat und die nächste Rechnung hinaus zu planen. Viele vergessen Rücklagen zu bilden – für Versicherungsprämien oder die Steuer. Oftmals erliegen sie dann den Verlockungen unserer Konsumwelt.

Wie kann man da gegensteuern?

Vielen Jugendlichen müsste eine, wie ich es nenne, persönliche Finanzkompetenz beigebracht werden.

Sollte das zuhause erfolgen oder wäre das nicht die Aufgabe von Schulen?

Die Lehrer werden davon vermutlich nicht begeistert sein, aber neben den altbekannten Fächern sollten zunehmend auch sogenannte Lebensthemen auf der Agenda stehen. Wie lerne ich als Jugendlicher einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld, könnte eines dieser neuen Themen sein.

Aber Schule allein wird vermutlich nicht ausreichen, oder?

Nein, das ist richtig. Die Schule ist nur ein Baustein. Extrem prägend ist noch immer das Elternhaus. Aber auch da kann eben zuweilen einiges schief laufen.

Inwiefern?

Zuhause ist Geld immer verfügbar – wenn ich nur mein Bettelgesicht zeige. Doch das hilft den Jugendlichen nicht weiter, wenn sie dann später allein durchs Leben gehen müssen. Wir als Schuldenberatung plädieren deshalb für ein fixes Taschengeld.

Wie hoch sollte das sein?

Wir empfehlen ab dem Eintritt in die Primarschule einen Franken pro Schuljahr als wöchentliches Taschengeld.

Damit kommt man als Jugendlicher aber nicht besonders weit, oder?

Ab 12 Jahren bzw. mit dem Eintritt in die Sekundarstufe 1 sollten Eltern ihren Kindern ein erweitertes Taschengeld – einen sogenannten Jugendlohn – zur Verfügung stellen. Der könnte sich, abgestuft nach Alter der Jugendlichen, in einer Grössenordnung von 160 bis 270 Franken pro Monat bewegen.

Weshalb Jugendlohn und nicht Taschengeld?

Der Sinn liegt darin, dass Jugendliche möglichst früh lernen, ihr eigenes Budget zu verwalten. Denn der Lohn sollte im Idealfall nicht nur dazu da sein, um die Handyrechnung und Dinge, die man eigentlich nicht braucht, zu kaufen, sondern auch dazu, um Geld für grössere Anschaffungen – wie Bekleidung – zurückzulegen.

Und damit ist die Arbeit der Eltern erledigt?

Keinesfalls! Man sollte zuhause offen über Probleme sprechen. Sehen Sie, wann redet man denn im Elternhaus heute noch übers Geld? Doch eigentlich nur wenn es bereits Probleme gibt.

Legende: Video Junge Menschen in der Schuldenfalle abspielen. Laufzeit 02:11 Minuten.
Aus Tagesschau vom 11.01.2013.

Dabei wäre es extrem wichtig, junge Menschen in Geldangelegenheiten schon frühzeitig «aufzuklären» – ihnen ein Bewusstsein zu geben, was Dinge kosten. Und dazu kann dann eben auch die Erkenntnis gehören, dass es besser wäre, hin und wieder Verzicht zu leisten.

Bei einigen kommt die Erkenntnis zu spät. Was können sie tun?

Sie sollten eine Budgetberatungsstelle aufsuchen. Die kann man gemeinsam mit den Eltern besuchen. Vielen fällt das leichter. Und das Ganze hat noch keinen negativen Touch – im Gegensatz zur Schuldenberatung. Die sollte man erst im zweiten Schritt aufsuchen.

Markus Graetzer ist diplomierter Sozialarbeiter und wirkt in der Fachstelle für Schuldenfragen in Liestal (BL). Er arbeitet präventiv mit Schülern, die an der Schwelle zur Berufsausbildung stehen und gibt Workshops für Jugendliche an Gewerbeschulen und Lehrbetrieben.

Unbezahlte Rechnungen, Steuerschulden, überlastete Kreditkarten: Beim Schritt in die Selbständigkeit verschuldet sich manch ein junger Erwachsener. Wer besonders gefährdet ist und welche Rolle das Elternhaus das Elternhaus spielt, lesen Sie hier.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von R.käser, Zürich
    Kleinkredite sind schädlicher als rauchen, warum darf dafür noch geworben werden? Weil zuviel Parlamentarier zu nahe an den Finanzinstituten sind!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Blödsinniger Vergleich, so disqualifizieren sie sich selber.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Der Artikel geht leider nicht auf wirkilchen die Probleme der Jugendlichen ein. Kenne eine Knabe der in die 8. Klasse geht. Alle haben ein SmartPhone, gesponsert von den Eltern, nur er nicht. Neon-soziologisch gesehen gilt er und seine Eltern somit als assozial, da sie sich nicht der Gruppe anpassen und ein Natel zahlen. Das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist daher insofern krank, dass alles was als cool und erstrebenswert gilt einiges kostet. Enden wir wie die Obdachlosen der USA?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Lena Meier, Aarau
    1. Massnahme wäre mal Institute wie die GE Money Bank zu verbieten, mindestens deren perfide und extrem aggressive Werbung. Die Werbung für Kleinkredite grassiert und "früher" gab es sowas nur als schmuddelige Kleininserate. Die Eltern haben doch gar keine Chance neben den Einwirkungen der Werbung die auf tausend Arten subtil bis offensiv einwirkt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Grundsätzlich stimme ich Frau Meier zu. Nur, bei unserem unmoralischen Polit- und Wirtschaftsystem bedeutet Geld = Macht. Und um sich noch mehr bereichern zu können muss man nur die Regeln, Gesetze und Kultur ändern. Da rollt scheinbar ein neues Proletariat und Feudalgesellschaft auf uns zu. Und damit verbunden wird auch die Kriminalität usw. zunehmen. Sind unsere Gefängnisse nicht bereits überfüllt? Zufälle gibts.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen