Geothermie-Projekt: «Menschenleben waren in Gefahr»

Dass Geothermie-Bohrungen das Beben bei St. Gallen ausgelöst haben, ist bereits seit gestern bekannt. Nun kommen aber nach und nach die genaueren Hintergründe ans Licht – und die sind durchaus dramatisch.

Im Hintergrund ein Bohrturm. Im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift: «Wir arbeiten 844 Tage unfallfrei» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Offenbar konnte ein grösserer Unfall am Bohrloch knapp verhindert werden. keystone

Am frühen Samstagmorgen hatte in der Ostschweiz die Erde gebebt. Die Seismographen registrierten eine Stärke von 3,6. Schäden sind bislang keine bekannt. Durch das Beben selbst war niemand in Gefahr.

Marco Huwiler über den Gasaustritt am Bohrloch

0:25 min, vom 21.7.2013

Kampf gegen Gasaustritt

Sehr wohl aber durch einen Notfall, der indirekt zur Ursache des Bebens wurde.

Am Freitag war überraschend Gas mit grossem Druck ins Bohrloch gedrungen. Um einen Austritt zu verhindern, wurden 650 Kubikmeter Wasser und schwere Bohrspülung ins Loch gepumpt, wie Marco Huwiler, der Leiter des Geothermieprojekts bei der Stadt St. Gallen gestern erklärte. Dies löste dann vermutlich das Beben aus.

Nun wurde bekannt, dass der Gasaustritt äusserst gefährlich war. Es habe sich um eine «absolute Notsituation» gehandelt, sagt Ivo Schillig, Chef der St. Galler
Stadtwerke im Interview mit der «Sonntags Zeitung».

Krater hätte entstehen können

Schillig rechtfertigt die Massnahme, die den Erdstoss ausgelöst haben könnte. Wegen des austretenden Gases habe ein grosser Schaden gedroht. Die Bohranlage hätte zerstört werden können. Und: «Auf der Bohranlage waren Menschenleben in Gefahr.»

«Wenn die Anlage durch den starken Gasdruck hochgegangen wäre, wäre wohl ein grosser Krater entstanden. Es galt, die auf der Bohranlage beschäftigten Personen zu schützen», gab Schillig zu bedenken.

Ingenieure hatten keine Wahl

Schillig bestreitet aber, dass man durch die Gegenmassnahmen ein Erdbeben in Kauf genommen habe. Noch nie sei es bei einem hydrothermalen System, wie es in St. Gallen im Einsatz sei, zu einem solch schweren Erdbeben gekommen. «Die Ingenieure konnten nicht ahnen, dass es dazu kommen würde. Und sie konnten gar nicht anders handeln.»

Ein Krisenstab beobachtet nun die Lage und schätzt das Risiko ab, ob es zu weiteren schweren Erdbeben kommen könnte. Über einen Abbruch des Geothermie-Projekts in St. Gallen will Schillig nicht spekulieren: «Noch halten wir es für möglich, dass wir das Projekt ohne übergrosses Risiko zu Ende führen können.»

Video «So funktioniert Geothermie» abspielen

So funktioniert Geothermie

0:26 min, vom 20.6.2013

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Erdbeben in der Ostschweiz

    Aus Tagesschau vom 20.7.2013

    Am frühen Samstagmorgen hat in der Ostschweiz die Erde gebebt. Auslöser war eine Bohrung für das Geothermie-Projekt der Stadt St. Gallen. Einschätzungen von SRF-Korrespondentin Henriette Engbersen aus St. Gallen.