«Der Gotthard war bis ins 19. Jahrhundert relativ unbedeutend»

Bevor 1882 der erste Eisenbahn-Tunnel eröffnet wurde, war der Gotthard als Verkehrsachse kaum von Bedeutung. Und auch seine mythologische Überhöhung als «Wiege der Schweiz» erfuhr er erst im Verlaufe des 19. Jahrhunderts. Wie es dazu kam, erläutern die Historiker Jakob Tanner und Helmut Stalder.

 

SRF News: Jakob Tanner, der Gotthard wird zuweilen das «steinerne Herz der Schweiz» genannt und verkörpert wie kein anderer Berg den hiesigen Alpenmythos. Wie kam es dazu?

Jakob Tanner: Der Gotthard als ein Kern eidgenössischer Staatsbildung ist definitiv ein Mythos. Bis ins 19. Jahrhundert war er relativ unbedeutend. Erst mit der Industrialisierung und der Verkehrsintensivierung gewann der Gotthard an Bedeutung, insbesondere mit dem Bau des Bahntunnels in den 1870er-Jahren.

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Etwa gleichzeitig mit dieser «Durchlöcherung» des Gotthard-Massivs begann man damit, es oben zu überhöhen, ja geradezu zu sakralisieren.

So wurde aus einem wenig markanten Berg eine markante Sihlouette im schweizerischen Nationalmythos, zusammen mit dem Mythos der drei Ur-Kantone als «Wiege der Eidgenossenschaft».

Helmut Stalder, wie ist diese Gleichzeitigkeit von Erschliessung als bedeutende Verkehrsachse und mythologischer Überhöhung zu erklären?

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Helmut Stalder: Den Zeitgenossen war klar: die Schweiz ist ein Pass-Staat. Man sprach auch vom «Gotthard-Staat», der in Europa die Aufgabe der Nord-Süd-Verbindung wahrnimmt. Das wurde gewissermassen zurückprojiziert. Man sagte, wegen der Bedeutung als internationale Transitroute hätten die Habsburger den Gotthard haben wollen und gleichsam in Notwehr habe sich dann die Eidgenossenschaft gegründet.

Wie Jakob Tanner sagt, hatte der Gotthard eine derartige Bedeutung im Mittelalter in Tat und Wahrheit keineswegs. Weshalb kam es dennoch zu dieser Mythologisierung als «Wiege der Schweiz»?

Helmut Stalder: Der junge Bundesstaat von 1848 war noch ein sehr fragiles Gebilde und hatte einen grossen Bedarf, sich geschichtlich zu legitimieren. Da bot es sich an, eine Formel des «schon immer» zu finden: Wie er heute wichtig ist, sei der Pass eben «schon immer» wichtig gewesen. Diese Formel verschaffte dem Staat eine auf Urzeiten zurückgehende Legitimation.

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Jakob Tanner: Man gab damit auch der Innerschweiz, die mit der Industrialisierung wirtschaftlich eher abgewertet worden war, etwas zurück. Symbolisches Kapital gewissermassen.

Von grosser Bedeutung war der Mythos Gotthard auch im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt in der Phase der geistigen Landesverteidigung. Welche Rolle spielte er da?

Helmut Stalder: Der Gotthard wurde zu einem Widerstandssymbol, an dem sich das Volk aufrichtete. Genährt vom Mythos, an dem die Entstehungsgeschichte der Schweiz festgemacht wurde und der die eigene Identität verkörperte. Das deckte sich in einer Zeit der Bedrohung durch den Krieg in Europa mit dem Volksempfinden, «wir sind hier im Alpengebiet und die Alpen sind unsere Verbündeten».

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Der Mythos wurde auch propagandistisch genutzt. Auch durch General Guisan, der die Pässe am Rütli-Rapport als «die uns anvertrauten Pfänder» bezeichnete, die man niemals aus der Hand geben werde und den Mythos so in die militärische Strategie des Réduits münden liess.

Jakob Tanner: In der Botschaft des Bundesrates zur geistigen Landesverteidigung von 1938 erhielt der Mythos Gotthard eine doppelte Funktion. Bundesrat Philipp Etter, der eigentliche Verfasser der Botschaft, beschrieb den Gotthard gleichermassen als Pass der Verbindung und Berg der Scheidung.

Auf der einen Seite trennt der Gotthard in dieser Lesart – gewissermassen als Bergzitadelle – die Schweiz vom Umland ab und macht so den Alleingang denkbar. Gleichzeitig verbindet der so gelesene Mythos die Schweiz auch mit dem europäischen Umfeld. Auch über die Idee, dass hier die wichtigen vier Quellen der grossen europäischen Ströme entspringen.

Dies ist natürlich eine äusserste Zweischneidigkeit. Man kann mit dem Gotthard auf diese Weise immer begründen, dass die Schweiz Teil oder gar das Herz Europas sei. Genausogut kann man den Gotthard als Element lesen, das die Schweiz aus Europa heraustrennt und so den Alleingang begründen.

Das sind Jakob Tanner und Helmut Stalder

Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich.
Der Historiker und NZZ-Journalist Helmut Stalder befasst sich seit Jahren mit dem Gotthard und der Konstruktion nationaler Mythen. Im April erschien sein neues Buch «Gotthard. Der Pass und sein Mythos».

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