«Nach 134 Jahren haben wir die Modernisierung erreicht»

Einer der starken Fürsprecher der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (NEAT) war und ist alt Bundesrat Adolf Ogi. Dem Jahrhundertbauwerk begegneten aber schon vor dem harten Gotthard-Gestein zähe politische Widerstände, erinnert sich Ogi im Gespräch mit «10vor10».

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Worauf alt Bundesrat Adolf Ogi besondes stolz ist

2:05 min, aus 10vor10 vom 31.5.2016

Bilder von der Brenner-Autobahn zwischen Österreich und Italien mit Konvois von 40-Tonnen-Lastwagen wollte der damalige Verkehrsminister Adolf Ogi (SVP) den Urnern und Tessinern ersparen. Stattdessen flog er mit den europäischen Verkehrsministern und EU-Vertretern in das enge Tal des Kantons Uri und warb für einen Eisenbahn-Korridor durch die Schweiz, statt einer breiteren Autobahn.

Adolf Ogi in Wassen, im Hintergrund die Autobahn (1992) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bundesrat Adolf Ogi hat 1992 in Wassen (UR) für die Neat geworben. SRF Archivbild 1992

1992 warnte Ogi: «Ohne Neat und Transitvertrag mit der EU könnte man die Schweiz zwingen, die Strassen für 40-Tönner zu öffnen, das Sonntags- und Nachtfahrverbot aufzuheben.» Und warb damit für die Neat-Abstimmungsvorlage.

Wäre es nach dem damaligen Finanzminister Otto Stich († 2012) gegangen, wären aber am Lötschberg die Baumaschinen gar nie aufgefahren. Stich warnte vor einem finanziellen Desaster und trat deswegen zurück, wie er später einräumte.

Ein Quantensprung für die Schweiz und Europa

Am Vorabend vor den offiziellen Einweihungsfeierlichkeiten für den Gotthard-Basistunnel ist Adolf Ogi stolz auf den Quantensprung, der jetzt gemacht werden konnte. «Nach 134 Jahren haben wir am Gotthard die Modernisierung erreicht mit einer umweltfreundliche Verkehrspolitik.» sagt er im «10vor10»-Studiogespräch.

Adolf Ogi im Studio-Gespräch

2:22 min, aus 10vor10 vom 31.5.2016

Die Gesamtkosten von 24 Milliarden Franken oder 3000 Franken pro Bürger relativiert der ehemalige Verkehrsminister. Damit hätten wir jetzt eine gute Verbindung in diesem Land. Die Begegnung der Landesteile, der Kulturen müsse organisiert werden und man müsse auch die Randregionen pflegen.

«Verkehrspolitik ist nicht eine Frage von Franken und Rappen. Man muss eine Vision haben und sich überlegen, wie sich der Verkehr in den kommenden 50 bis 100 Jahren entwickelt. 134 Jahre hat man am Gotthard eigentlich nichts mehr gemacht.»

Schweiz hat Hausaufgaben gemacht

Das Argument, der Gotthard-Basistunnel bringe den Europäern mehr als den Schweizern, lässt Ogi so nicht gelten. Mit dem Tunnel hätten wir jetzt die direkteste Verbindung zwischen Rotterdam, Frankfurt, Mailand und Genua. Und damit habe die Schweiz Stärke beweisen und ihre Aufgabe erfüllt.

«Ich durfte damals einen Transitvertrag aushandelt, denn wir wollten keine 6-spurige Autobahn, wollten keine neue Autobahn durch die Alpen. Wir übernehmen den Verkehr auf unsere Art, wir wollen eine neue Verkehrspolitik in Europa, das heisst der Güterverkehr muss von der Strasse auf die Schiene.»

Die Frage, ob er immer an die Neat geglaubt habe, fordert Ogi heraus:

«  Ich habe gekämpft wie ein Löwe. Ich musste Überzeugungsarbeit leisten. »

Daheim habe er oft nicht einschlafen können, gesteht er. «Wenn ich gesehen habe, dass die Tunnelbohrmaschinen beispielsweise im Tavetscher Massiv im harten Fels plötzlich stillstanden – das war ein Alptraum.»