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Medikamenten-Hersteller knausern bei der Haltbarkeit
Aus Espresso vom 16.12.2016.
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Ablaufdatum von Medikamenten Hersteller knausern bei der Haltbarkeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Die meisten Medikamente sind mit einer Haltbarkeit von maximal drei Jahren gekennzeichnet.
  • Das kritisieren einige Ärzte und Experten schon lange. Sie sind der Überzeugung, dass die Arzneimittel viel länger stabil bleiben als gesetzlich deklariert.
  • Swissmedic sagt gegenüber «Espresso», eine lange Haltbarkeit sei aus medizinischer Sicht unnötig. Und: «Ein abgelaufenes Produkt gehört auf jeden Fall entsorgt.»
  • Eine Umfrage zu den gängigen Erkältungs- und Schmerzmitteln zeigt, dass die Haltbarkeit der meisten dieser Präparate seit deren Lancierung nicht oder nur unwesentlich verlängert wurden. Die Hersteller berufen sich auf standardisierte Richtlinien und Stabilitätsstudien.

«Eine abgelaufene Kopfwehtablette würde ich ohne weiteres noch einnehmen», sagt Etzel Gysling. Er ist Hausarzt im Kanton St. Gallen und Herausgeber der Fachzeitschrift «Pharma-Kritik», welche seit Jahrzehnten einen kritischen Blick auf die Pharma-Industrie wirft. Gysling ist überzeugt: Die meisten Medikamente wären deutlich länger haltbar als die Hersteller angeben.

Mit dieser Meinung ist der Mediziner nicht allein. In den vergangenen Jahren haben sich Ärztinnen und Ärzte immer wieder kritisch zur Haltbarkeit von Medikamenten geäussert. So sagte etwa TV-Arzt Thomas Kissling in der SRF-Sendung «Puls», er persönlich würde «die allermeisten Tabletten drei bis fünf Jahre über das Verfalldatum hinaus nehmen.» Und der deutsche Pharmaprofessor Gerd Glaeske liess sich vom «Beobachter» mit der Aussage zitieren: «Heute werden Medikamente […] so sauber hergestellt und verpackt, dass sie deutlich länger stabil bleiben als gesetzlich deklariert.»

Tamiflu als grosse Ausnahme

Die anhaltende Kritik scheint die Hersteller jedoch wenig zu beeindrucken: In der Schweiz gibt es laut dem Heilmittelinstitut Swissmedic nur ein Medikament, bei dem ein Hersteller eine Haltbarkeit von mehr als fünf Jahren beantragt hat.

Es handelt sich um das Grippemittel Tamiflu, das nach diversen Laufzeit-Verlängerungen heute zehn Jahre lang haltbar ist (siehe «Espresso» vom 24.11.16). Herstellerin Roche war unter Druck geraten, da das Mittel im Zusammenhang mit der Schweinegrippe im Jahr 2009 von zahlreichen Ländern in grossen Mengen gelagert wurde.

Die meisten Medikamente verfallen nach drei Jahren

Abgesehen von Tamiflu liegt die Haltbarkeit der meisten Medikamente bei drei Jahren. Danach folgen Medikamente mit einer Haltbarkeit von zwei Jahren und schliesslich jene, die erst nach fünf Jahren verfallen. Laut Swissmedic kommt es äusserst selten vor, «dass die Laufzeit überhaupt verlängert wird».

Susanne Wegenast, bei Swissmedic verantwortlich für die Marktkontrolle von Arzneimitteln, sagt gegenüber «Espresso», aus medizinischer Sicht sei eine lange Haltbarkeit nicht nötig. «Drei bis fünf Jahre sind mehr als ausreichend. Ein Medikament sollte gezielt bei einer Erkrankung eingesetzt und danach nicht als Vorrat aufbewahrt werden.»

«Es gibt keinen vernünftigen Grund»

Auch Mediziner Etzel Gysling rät davon ab, Medikamente zu Hause zu stapeln. «Aber wenn ein abgelaufenes Medikament noch in gutem Zustand ist, gibt es keinen vernünftigen Grund, dieses nicht noch zu verwenden.» Auch ein Laie könne erkennen, ob ein Medikament noch brauchbar sei oder nicht. Vor allem bei festen Medikamenten, zum Beispiel Brausetabletten: «Diese haben eine bestimmte Form, und wenn diese Form nicht mehr gewährleistet ist, sehen Sie das.»

Falsch, kontert Swissmedic: «Sie können einer Tablette nicht ansehen, ob sie noch gut ist oder nicht», sagt Susanne Wegenast. Ein abgelaufenes Medikament gehöre in jedem Fall entsorgt. Dieser Meinung ist grundsätzlich auch Stephan Luterbacher, Präsident der Kantonsapotheker-Vereinigung: «Auch ein Apfel kann aussen schön rot sein, innen jedoch faulen. So ist es auch bei Arzneimitteln: Das Aussehen sagt nichts über den Zustand eines Medikaments aus.» Das gelte insbesondere für flüssige Medikamente und Salben oder Cremen. Tabletten könne man wohl zwei bis drei Monate über das Verfalldatum hinaus verwenden. Allerdings: Der Hersteller haftet nur bis zum Verfalldatum.

Wirkstoff kann abnehmen

«Espresso» wollte von den Herstellern gängiger Erkältungs- und Schmerzmittel wissen, wie die Haltbarkeiten zustande kommen. Die Haltbarkeit der meisten dieser Präparate wurde seit deren Lancierung nicht oder nur unwesentlich verlängert (siehe Bildergalerie und Tabelle). Die Hersteller geben an, die Haltbarkeit orientiere sich an standardisierten Richtlinien und beruhe auf Stabilitätsstudien.

Das Verfalldatum garantiere, dass das Präparat bis zu diesem Zeitpunkt sicher und wirksam sei. Danach könnten allenfalls Wirkstoffe nicht mehr in der deklarierten Menge enthalten sein. Dies wiederum könne dazu führen, dass Abbauprodukte der Wirkstoffe ansteigen.

Eine der bislang umfassendsten Untersuchungen dazu stammt aus dem Jahr 2000. Damals prüfte das US-Militär mehr als 100 Medikamente auf ihre Haltbarkeit über das Verfalldatum hinaus. Resultat: Mehr als 90 Prozent der Medikamente waren auch fünf Jahre nach dem Verfalldatum noch sicher und wirksam.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Gruber  (steber)
    Ich sehe, das war wieder mal eine Hetz-Recherche. Jedenfalls ist keines der genannten Medis davon rezeptpflichtig, man kann sie also einfach so in der Apo kaufen. Dann kommt dazu, dass man sie SELBER zahlen muss. Sie sind via Krankenkasse NICHT zurückerstattbar. Woher kommen also all die Kommentare, die wegen diesem Bericht die Pharma anklagen und darüber hinaus DESWEGEN die steigenden Gesundheitskosten verantwortlich machen? Immer nur meckern, aber wegen jeden Fusspilz und Husten zum Arzt.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Eine weitere Angstmacher-Kampagne der mächtigen, skrupellosen Pharma-Lobby und deren vielen, ebenfalls egoistischen, profitgierigen Profiteure Innen in diesem Milliarden-Billionen-Geschäft, gegen das leicht beeinflussbare CH Volk!! Was glaubt Ihr denn, was für Medikamente in den vielen Ländern, von Hilfsorganisationen der Bevölkerung abgegeben wurde/wird - grossenteils Medikamente mit teilweise seit Jahren - abgelaufenen Daten (Pflegefachpersonal-Aussagen, welche dies miterlebten)!
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  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Wenn man ausnahmsweise mal von Kopfschmerzen geplagt ist und sich deshalb ein Schachtelt Aspirin besorgt und dann drei Jahre lang keine Pille braucht, muss man das ganze Schachteli minus eine Pille entsorgen (nicht im Abfall !!). Das nützt der Herstellerfirma, nicht aber dem KK-Prämienzahler.
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