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Schweiz Historiker: «Fluchthelfer wie Grüninger gab es viele»

Der Spielfilm «Akte Grüninger» ist Zeugnis eines dunklen Kapitels Schweizer Geschichte. Polizeikommandant Paul Grüninger war aber kein Einzelfall. Von 1933 bis 1945 halfen Hunderte den Flüchtenden bei der verbotenen Einreise in die Schweiz. Wer waren diese Helfer? Ein Historiker blickt zurück.

Januar 1933: Adolf Hitler ergreift in Deutschland die Macht. In der Folge schliesst die Schweiz ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge und politisch Verfolgte. Doch weiterhin gelangen Hunderte von Menschen ohne gültiges Visum über die Grenze.

Der Grund: Entlang der Schweizer Grenze tauchten schon bald nach Hitlers Machtantritt erste Fluchthelfer auf.

Ihr bekanntester Vertreter war der St.Galler Polizeikommandant Paul Grüninger. Seine Geschichte feiert als Spielfilm an den Solothurner Filmfestspielen Premiere. «Grundsätzlich befürworte ich Spielfilme, welchen einem breiten Publikum Geschichte näher bringen», sagt Gregor Spuhler, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Von 1997 bis 2000 war er Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg.

«Grüninger war als Polizeikommandant der einzige Fluchthelfer mit solch einem bedeutenden Rang innerhalb der öffentlichen Verwaltung», sagt Spuhler. Vergleichbar sei er allenfalls mit dem Diplomaten Carl Lutz, der in Ungarn Zehntausende von Juden rettete.

Dementsprechend gross Grüningers Einfluss: Die Rede ist von mehreren hundert geretteten Flüchtenden durch sein Wirken.

Nur die Erwischten sind bekannt

«Neben Grüninger gab es natürlich viele andere, die Fluchthilfe leisteten», sagt der Flüchtlingspolitik-Experte. Laut Spuhler waren mehrere hundert Schweizer organisiert und regelmässig Fluchthelfer. Dazu kamen mehrere tausend Personen, die einmalig Fluchthilfe leisteten.

Bekannt sind diejenigen, die erwischt wurden. 137 davon sind inzwischen rehabilitiert worden.

Nach dem seit 2004 geltenden Bundesgesetz über die Aufhebung von Strafurteilen gegen Flüchtlingshelfer wurden alle Personen rehabilitiert, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus humanitären Gründen gegen die Gesetze verstossen haben.

Gesuche konnten vier Jahre lang von Verurteilten, ihren Angehörigen oder von entsprechenden schweizerischen Menschenrechts-Organisationen gestellt werden. «Interessant ist die hohe Anzahl an ausländischen Bewohnern der Schweiz bei den Rehabilitierten», fügt Spuhler an.

Das Schicksal Paul Grüningers

1939Paul Grüninger wird als Polizeikommandant von der St. Galler Regierung fristlos entlassen.
1940Grüninger wird vom Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und
Urkundenfälschung verurteilt. Er wird geächtet und später vergessen.
1972 Bis zu
seinem Tod 1972 lebt er in Armut.

1993Die St. Galler Regierung rehabilitiert Grüninger
politisch.
1994Der Bundesrat veröffentlicht eine Ehrenerklärung
für Paul Grüninger.
1995Das Bezirksgericht St. Gallen rehabilitiert Hauptmann Paul
Grüninger mit der Wiederaufnahme seines Prozesses und mit einem Freispruch
juristisch.
1998Der Grosse Rat des Kantons St. Gallen stimmt einer
materiellen Wiedergutmachung zu. Er entschädigt die Nachkommen Grüningers für die durch die fristlose Entlassung entstandenen
Lohn- und Pensionseinbussen des Hauptmanns. Der ganze Betrag wird von
den Nachkommen in die Paul Grüninger Stiftung eingebracht.

Kein klares Profil – zwei Hauptmotive

Vom Polizeikommandanten bis zum Arbeitslosen: Ein eigentliches Profil eines Fluchthelfers lässt sich nicht erstellen. Gemäss Spuhler «stammen sie aus allen sozialen Schichten».

Bei den Motiven teilt der Archivleiter die Fluchthelfer in zwei Kategorien ein. «Die einen waren sogenannten Passeure». Eigentliche Schmuggler, meist Personen aus armen Verhältnissen, Fischer zum Beispiel. Sie erhofften sich so einen Nebenverdienst. Das Entgelt sei aber eher bescheiden ausgefallen, sagt Spuhler. Erwischte dagegen büssten mit bis zu einem halben Monatslohn eines Durchschnitts-Arbeiters oder mehreren Dutzend Tagen Haft.

«Die anderen handelten aus Solidarität gegenüber verfolgten Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlten», so Spuhler weiter: Juden, Katholiken, Protestanten, Kommunisten, Sozialdemokraten.

Diesen Gruppen entsprechend seien auch die Fluchthelferringe organisiert gewesen. Sie halfen bei der komplizierten Einschleusung ihrer verfolgten Gesinnungsgenossen. Nicht zuletzt zählt Spuhler auch diejenigen Menschen zu dieser Kategorie, die aus rein humanitären Beweggründen gegen geltendes Gesetz verstiessen.

(SRF 4 News, 18 Uhr)

Gregor Spuhler

Nahaufnahme Gregor Spuhler
Legende: zvg

Dr. phil. hist., 1963. 1997-2000 Projektleiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Seit 2007 Leiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Publikationen und Lehrtätigkeit zur schweizerischen Politik- und Sozialgeschichte des 20. Jh., u.a. mit den Schwerpunkten NS-Verfolgung und Flüchtlingspolitik.

«Das Boot ist voll»

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Gerald Kuhn, Zürich
    Hätten wir damals Alle aufgenommen, würde unsere Land heute ein Anderen nahmen tragen. Alle Schweizer würden im Zürichstreifen eingesperrt sein, welches von einer grossen Mauer umgeben ist. Und für die ganze Welt wären Schweizer nur ein Haufen Terroristen.
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  • Kommentar von E. Waeden, H
    Irgendwie dachte ich immer, unsere Räte & die Wirtschaft wollen mit ihrer heutigen Politik Busse tun für diese sehr unrühmliche Geschichte der Vergangenheit. Habe mich gewaltig geirrt! Deutschland ordnet an & Schweizer Politiker inkl. Wirtschaft spuren wieder!
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  • Kommentar von Rolf Bolliger, Orpund
    Auch wenn man dieses (immer und immer wieder hervorgeholte "dunkle Kapitel" der Schweizergeschichte) noch so auf die Goldwaage legt, jedes Wort mit Bedacht, sachlich und verhältnismässig schreibt, es wird bei srf zensuriert! Ich versuch's nochmals: Eines bleibt: Auch mit diesem Film will man 3 Wochen vor der anstehenden Abstimmung über die Initiative zur Migrationspolitik, mit dem 2. Weltkrieg, mit einem weiteren "Vorschlaghammer" uns Schweizer)innen) "beschuldigen" und zu einem NEIN zwingen!
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    1. Antwort von M.Hufschmid, Kt. Zürich
      Für mich ist Ihr Kommentar ein absoluter Treffer ins Herz. Genau das waren meine Gedanken als ich nun schon wieder das Thema antraf in den Medien. Schade das es immer mehr Mitläufer und keine eigenständig denkende Menschen mehr gibt in der Regierung.
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    2. Antwort von B. Küng, Seeland
      Unglaublich, sogar diese unendlich traurige und beschämende Begebenheit in der Schweizer Geschichte wird dazu missbraucht um Propaganda für die MEI zu machen. Bolliger und Hufschmid, Sie beide sollten sich was schämen!
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    3. Antwort von Rolf Bolliger, Orpund
      Nicht wir Kommentatoren sollten uns schämen, sondern die Filmemacher des genau zeitlich 3 Wochen vor der wichtigen Abstimmung zur schweizerischen Migrationspolitik der Zukunft, in den Medien präsentierten Films "Akte Grüninger"! Sie benützen den 2. Weltkrieg als Instrument, um uns (die damals noch gar nicht auf der Welt waren oder in den Windeln lagen), ein schlechtes Gewissen, bzw. ein NEIN zur selbstständigen Migrations-Initiative auf zu zwingen! Dies kann (will) der Seeländer nicht begreifen!
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