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Frauentag in der Schweiz «Ich bin nicht scharf auf den Frauentag»

Sie hat Pionierarbeit geleistet: Die heute 99-jährige Marthe Gosteli war 1971 die Vorkämpferin für das Frauenstimmrecht in der Schweiz. Und noch heute ist sie kein bisschen leise, wenn es um ihr Thema geht: Gleiche Rechte für Frau und Mann.

Legende: Audio Marthe Gosteli «Ich musste für alles kämpfen» abspielen. Laufzeit 04:51 Minuten.
04:51 min, aus Echo der Zeit vom 08.03.2017.

Leidenschaft und Engagement kennen keine Altersgrenze. Noch mit fast hundert Jahren ist Marthe Gosteli häufig in ihrem Archiv anzutreffen – das sie vor 35 Jahren in ihrem Elternhaus im bernischen Vorort Worblaufen gegründet hat – es ist das Gedächtnis der Schweizerischen Frauenbewegung.

«Warum ein Frauentag?»

Bis an die Decke reichen die Bücher-Regale im Zimmer, in dem sie ihre Besucherinnen und Besucher empfängt. Marthe Gosteli sitzt zwischen all diesen Büchern an einem Tisch. Sie ist immer noch präsent, wach und sagt fast trotzig: «Ich bin nicht so scharf auf den Frauentag. Warum muss es ein Frauentag sein, kann es nicht ein Tag sein für alle?»

Eine auf den ersten Blick unerwartete Aussage der grossen Schweizer Feministin. Doch Gosteli doppelt nach: Ein Tag der Menschenrechte, ein Tag der Gleichberechtigung – das wäre ihr lieber. Denn gleiche Rechte für Frau und Mann sind das zentrale Thema ihres Lebens, ihr Antrieb.

Bewusst auf Familie verzichtet

Marthe Gosteli weiss, wie es ist, für seine Rechte zu kämpfen. Und sie hat auch erlebt, wie ist, als Frau eben nicht die gleichen Rechte zu haben wie ein Mann. 1917 wird sie geboren, bereits ihre Mutter engagiert sich für Frauenrechte – das prägt sie.

Man muss handeln und nicht demonstrieren!
Autor: Marthe GosteliFrauenrechtlerin

Gosteli verdient ihr eigenes Geld, verzichtet bewusst auf Heirat und Kinder, und engagiert sich mit aller Kraft für die Einführung des Frauenstimmrechts. Doch während die 68er-Generation diese Forderung auf die Strasse trägt, bleibt die bürgerliche Marthe Gosteli bewusst im Hintergrund: «Man muss handeln und nicht demonstrieren. Demonstrationen sind gar nicht so interessant für mich», sagt sie rückblickend.

Die Gazelle und der Felsblock

Ihre Stärken kann sie am Verhandlungstisch ausspielen. Als Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Frauenverbände – der heutigen Alliance F – ist sie die Ansprechpartnerin des Bundesrats. Hartnäckig und zäh versucht sie, die Männer vom Frauenstimmrecht zu überzeugen – gegen Widerstände und Argumente, die aus heutiger Sicht absurd erscheinen mögen.

Marthe Gosteli erinnert sich an ein Bild, das damals über ihrem Pult hing: Eine Gazelle, die spielerisch einen Felsblock erklimmt und überwindet – es wird für sie zum Symbol des Frauenkampfes. Der Sprung über den Felsblock gelingt am 7. Februar 1971 – mit der Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene und Marthe Gosteli als Siegerin.

Den Frauen eine Geschichte geben

Die politische Gleichstellung ist erreicht, doch Gosteli kämpft weiter. Sie beginnt zu sammeln. Dokumente, Bücher, Nachlässe von Frauenorganisationen, Verbänden und einzelnen Frauen – und gründet 1982 das Archiv zur Geschichte der Schweizer Frauenbewegung. «Die Frauen haben eine Geschichte in unserem Land. Und das ist lange Zeit gar nicht berücksichtigt worden.»

Bis vor 3 Jahren ist sie täglich im Archiv anzutreffen, steckt ihre ganze Energie hinein. Denn noch immer sei die Geschichtsschreibung vorwiegend männlich, die Frauen und ihre Leistungen darin viel zu wenig gewürdigt. Marthe Gosteli will dies ändern, als weiterer Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung: «Auch wenn die Frauen heute eine ganz andere Stellung haben, heisst das noch nicht, dass alles realisiert ist – es ist eben nicht realisiert.»

Nach der rechtlichen und politischen Ebene müsse nun die Gleichstellung auch in den Köpfen der Menschen, im täglichen Denken und Handeln vollzogen werden – dank der eigenen Geschichte.

Ein Glas auf die Gleichberechtigung

Sie selbst werde dies nicht mehr erleben, doch Marthe Gosteli hofft, dass die Schweizer Frauengeschichte auch dank ihres Archivs in Zukunft stärker beachtet wird und damit auch eine grössere Bedeutung erhält. Zunächst in den Schulbüchern und später im Bewusstsein der nächsten Generationen – und zwar bei Frau und Mann. Darauf will sie heute – fast hundertjährig – mit einem guten Glas Wein anstossen: auf die Frauen, beziehungsweise eben auf die Gleichberechtigung.

Marthe Gosteli

Marthe Gosteli CU

Für ihren lebenslangen Einsatz für die Frauenrechte wurde Marthe Gosteli mehrfach ausgezeichnet: 1995 verlieh ihr die Universität Bern den Ehrendoktor. 2011 erhielt sie den Preis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Die Gosteli-Stiftung wird ausserdem mit dem diesjährigen Kulturpreis der Burgergemeinde Bern geehrt.

Die Gosteli-Stiftung

Marthe Gosteli in ihrem Archiv

1982 gründete Marthe Gosteli in Worblaufen die Gosteli-Stiftung und das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung. Darin befinden sich über 400 Bestände von Frauenorganisationen, Frauenverbänden und einzelnen Frauen, die in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Gesellschaft und Familie eine wichtige Rolle gespielt haben.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Stephan Riediker (Stephan Riediker)
    Leider vermarkten Feministinnen ihren selektiven Sexismus als Gleichberechtigung, sofern sie daraus Vorzüge herauspicken. Fordern Feministinnen besseren Gewaltschutz für männliche Gewaltopfer? Konsequentere Strafverfolgung weiblicher Sexualstraftäterinnen? Bessere, intellektuellere Schulbildung für Männer statt ständiges Männerbashing? Ein besseres Bildungsrecht für Männer ist die effizienteste Massnahme zur Ursachenbekämpfung gegen Sexismus, wovon alle, inklusive Frauen, profitieren.
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  • Kommentar von Lily Baumann (Medinilla)
    Diese Frau ist bewundernswert! Sie ist mit ihren beinahe 100 Jahren an die Vorpremière des Fillms "Die göttliche Ordnung" gekommen. Chapeau, habe ich gedacht und werde nächstens wieder einmal nach Worblaufen pilgern :-)
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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Ich schätze die Idee von Fr. Gosteli von der Gleichberechtigung. Das ist wichtiger als die Gleichmacherei, die am Thema vorbeigeht.
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