Flucht über das Mittelmeer «Ich gehe nicht davon aus, dass es einen neuen Rekord gibt»

Der Druck an der Grenze könnte zunehmen, meint Bundesrätin Sommaruga. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe widerspricht.

Ein Mann mit einer Wärmedecke kommt auf einem Rettungsschiff an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 2850 Migranten und Flüchtlinge wurden dieses Wochenende auf dem Mittelmeer aufgegriffen. Getty Images

SRF News: Aus Italien werden Rekordzahlen von Anlandungen von Flüchtlingen und Migranten gemeldet. Bundesrätin Sommaruga sagte in der Samstagsrundschau von Radio SRF, dass die Lage wieder «prekär» werden könne. Teilen Sie diese Einschätzung?

Stefan Frey: Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass die momentan relativ tiefen Zahlen in der Schweiz im Sommer steigen werden. Es sind schlichtweg zu viele Leute unterwegs über das Mittelmeer. In Italien sind in den ersten 5 Monaten des Jahres mehr Menschen angekommen als in der Vergleichsperiode im letzten Jahr.

Ich gehe aber nicht davon aus, dass es einen neuen Rekord gibt. Aus einem einfachen Grund: Die Reise nach Europa ist für viele Flüchtlinge seit der Schliessung der Balkanroute schlicht zu gefährlich, zu umständlich, zu teuer geworden.

Anzahl Asylgesuche im Vergleich Im Jahr 2016 stellten 27 207 Personen in der Schweiz ein Asylgesuch. Quelle: SEM

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Flüchtlingshilfe

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist der Dachverband der Schweizer Flüchtlingshilfswerke. Sie ist eine parteipolitisch und konfessionell unabhängige Non-Profit-Organisation.

Über welche Routen gelangen zur Zeit am meisten Flüchtlinge nach Europa?

Libyen ist der Hauptausgangsort für die Überquerung des Mittelmeers. Diese Reise ist lebensgefährlich. Es ist eine menschliche Katastrophe und eine Schande für Europa, was sich dort abspielt. Das grosse Problem ist, dass man keine legalen Fluchtwege hat. Man muss Verfahren entwickeln, damit Leute sicher nach Europa kommen können. Ein Botschaftsasyl für alle Länder des Dublin-Systems würde sicher viele Menschenleben retten.

Dabei gilt es zu bedenken, dass nur ein kleiner Teil der Flüchtenden wirklich nach Europa will. Die meisten Flüchtlinge wollen möglichst nahe bei ihrem Heimatland bleiben, weil sie hoffen, dass sich dort die Lage beruhigt und eine Rückkehr möglich ist.

Ein Mann mit Brille und blauem Hemd. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Stefan Frey ZVG

Welche Veränderungen stellen Sie bei der Herkunft der Personen fest?

Wir können uns da eigentlich auch nur auf die Statistiken des Staatssekretariats für Migration verlassen. Es gibt immer wieder leichte Veränderungen zwischen einzelnen Staaten. Grosse Veränderungen stellen wir nicht fest. Menschen flüchten nach wie vor wegen des Kriegs in Syrien, der menschenrechtsverachtenden Situation in Eritrea und den Krisen am Horn von Afrika und im Sudan.

Wir sprechen über Zahlen. Es geht um Menschen. Was hat sich an der Situation der Migranten seit Beginn dieses Jahres grundsätzlich verbessert, was verschlechtert?

Meine Wahrnehmung ist, dass sich nichts verbessert hat. Im Gegenteil. Die Entwicklung am Golf mit den zunehmenden Spannungen zwischen Iran und Saudi-Arabien macht Sorgen. Wenn das eskaliert, explodiert die ganze Region und es kann rasch zu neuen Flüchtlingsbewegungen kommen. Bei den anderen Konfliktherden sehe ich keine Fortschritte. Von einer Beruhigung der Situation kann also keine Rede sein.

Die 10 wichtigsten Herkunftsländer Eritreer stellten 2016, wie schon im Vorjahr, mit Abstand am meisten Asylgesuche in der Schweiz. Quelle: SEM

Das Interview führte Marc Bodenmann.