«Ich liebe die Regeln, das ist das Beste hier»

Menschen, die ihr Land verlassen und in der Schweiz Zuflucht suchen, stehen oft im öffentlichen Fokus. Die Ausstellung «Interchange» in der Stadtbibliothek Luzern dreht die Perspektive um: Mit einer Kamera dokumentieren zwei Flüchtlinge «ihre» Schweiz.

Es sind ganz einfache Alltagssituationen, die Ahmad Rezai aus Afghanistan fotografiert hat. Der 28-jährige, der seit eineinhalb Jahren in der Schweiz ist, hat sich unter anderem den Europaplatz neben dem Luzerner Bahnhof ausgesucht. Er zeigt ein Bild mit Leuten, die vorbeischlendern und im Café sitzen.

«Ich habe dieses Bild für die Ausstellung ausgewählt, weil alles so schön aussieht, weil es hier so normal ist», sagt Ahmad. Normal – ein Wort, das Ahmad Rezai immer wieder verwendet. Aber es klingt nicht abwertend, nicht im Sinne von gewöhnlich, langweilig.

Ahmed (rechts) und Amanuel (im Hintergrund) mit ihrer Kameras Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für die Asylsuchenden ist die Schweiz vor allem eins: Das Gegenteil von allem, weswegen sie aus ihrer Heimat flohen. Keystone

Die Sehnsucht nach Normalität

Ganz im Gegenteil: Bewunderung schwingt bei ihm mit, wenn er von Normalität spricht. Sie bedeutet ihm Sicherheit – das Gegenstück zum bedrohlichen Leben in seiner Heimat. Als er mit dem Fotoapparat durch Luzern streifte, habe er diese Sicherheit fast überall angetroffen. Sogar als er die Schwäne in der Reuss sah: «Ich habe die Schwäne fotografiert, weil sie hier sicher sind», erklärt der Afghane. Denn nicht einmal die Vögel seien in seiner Heimat sicher, dort würden sie abgeschossen und gegessen.

«  Ich liebe die Regeln, all diese Regeln in der Schweiz, das ist das Beste hier. In vielen Ländern gibt es viele Probleme, weil es keine Regeln gibt. »

Ahmad Rezai
Asylsuchender aus Afghanistan

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Web-Dok: «Sandalen im Schnee»

Web-Dok: «Sandalen im Schnee»

Wie sieht das Schweizer Asylsystem von innen aus? SRF hat Asylsuchende auf ihrem Weg durch das Verfahren begleitet. Eine Reise durch das Schweizer Asylsystem.

Dann zeigt er auf ein weiteres Foto. Darin sieht er den Grund dafür, dass die Schweiz diese bewundernswerte Normalität und Sicherheit bieten könne: es ist das Bild einer grossen Strassenkreuzung mit vielen Verkehrsschildern und Linien auf dem Boden. «Ich liebe die Regeln, all diese Regeln in der Schweiz, das ist das Beste hier. In vielen Ländern gibt es viele Probleme weil es keine Regeln gibt.»

Ebenfalls in der Stadt Luzern hat Amanuel Gebrehiwet fotografiert. Der 23-jährige Eritreer, der eine lange Flucht durch verschiedenste Länder hinter sich hat, zeigt ein Bild der Bushaltestelle beim Bahnhof. «Die Busse hier kommen alle pünktlich», sagt er. Er habe über 50 Fotos gemacht und sie drückten alle dasselbe aus: «Die Leute hier nutzen die Zeit auf perfekte Art. Und das ist der Grund, warum die Schweiz entwickelter ist als mein Land.»

Der Schweizerische Umgang mit Zeit, die Effizienz beeindrucken ihn. Er formuliert es fast wie ein Sprichwort: «Wer heute schläft, hat morgen nichts davon. Aber wer heute hart arbeitet, hat morgen Zeit.»

«  Die Leute hier nutzen die Zeit auf perfekte Art. Und das ist der Grund, warum die Schweiz entwickelter ist als mein Land. »

Amanuel Gehebriwet
Asylsuchender aus Eritrea

Asylsuchende fotografieren die Schweiz

3:40 min, aus Echo der Zeit vom 20.02.2015

Pünktlichkeit, Regeln, Sicherheit – ausgedrückt in Bildern, auf denen Strassen, Passanten und Häuser zu sehen sind: Die Asylsuchenden zeigen eigentlich kaum überraschende Seiten der Schweiz. Es ist eben nicht das Spektakuläre, Exotische, was sie an unserem Land fasziniert, sondern vielmehr das Einfache, Normale.

Die Bilder sind ein Lob auf die Banalität, weil es genau das ist, was die Flüchtlinge ersehnen – banalen Alltag. Dies, und weniger die Sujets selber, macht den fremden Blick auf uns schliesslich auch spannend. Indem er uns bewusst macht, wie sehr Ruhe und Sicherheit für uns selbstverständlich sind. Allzu selbstverständlich vielleicht.