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Schweiz Islamisten-«Leitwolf» aus Winterthur verhaftet

Erstmals hat die Bundesanwaltschaft eine zentrale Figur der Winterthurer Salafisten-Szene verhaftet. Konvertit S. besuchte die An' Nur-Moschee, leitete mutmasslich die Koran-Verteilaktion «Lies!» und verkehrte in den selben Fitnesszentren wie andere bekannte Dschihad-Reisende aus Winterthur.

Legende: Video Konvertit S. und sein Umfeld in Winterthur abspielen. Laufzeit 9:24 Minuten.
Aus Rundschau vom 22.06.2016.

Winterthur ist eine Hochburg der Schweizer Salafisten. Mindestens fünf junge Radikalisierte sind von der Eulach-Stadt aus nach Syrien und in den Irak zum Islamischen Staat (IS) gereist. Einen mutmasslichen Dschihad-Reisenden wird die Bundesanwaltschaft demnächst vor Gericht bringen. Doch bei den Hintermännern der Radikalisierung tappte die Justiz bisher im Dunkeln.

Erstmals ein grosser Fisch im Netz?

Mit dem Konvertiten S. ist der Bundesanwaltschaft (BA) nun erstmals einer der mutmasslichen Drahtzieher ins Netz gegangen. Zu den Vorwürfen gegen ihn will sich die BA zwar nicht äussern, doch im Raum steht angeblich der Verdacht auf Unterstützung und Mitgliedschaft in einer Terror-Organisation.

Ob sich das auch beweisen lässt, ist unklar. Es gilt die Unschuldsvermutung. S. befindet sich inzwischen im Regionalgefängnis Bern in Untersuchungshaft. Erst vor kurzem hat das zuständige Zwangsmassnahmengericht einer Haftverlängerung wegen Verdunkelungsgefahr zugestimmt.

Radikalisierte Jugendliche

Die «Rundschau» beobachtet S. seit mehr als einem Jahr. Recherchen zeigen: Der Winterthurer Konvertit war nicht bloss ein Besucher der An‘ Nur-Moschee, sondern war dort auch eine Respektsperson für Jugendliche im Radikalisierungsprozess.

S. hatte Zugang zu den innersten Räumen des Gebetshauses und stand in engem Kontakt vor allem mit den Imamen Amine I., Shefik S. und zum Teil auch Atia E. Nach dem Gebet plauderte S. vor der Moschee mit jugendlichen Muslimen und schaute mit ihnen Handy-Videos mit islamischen Gesängen des IS.

Anknüpfungspunkte mit denselben Jugendlichen gab es nicht nur in der Moschee, sondern auch in mehreren Fitnesszentren und einem Kampfsport-Trainingsraum in Winterthur. S. liess sich auch in Trainingshosen im muslimischen «MMA-Sunna-Gym» von Valdet Gashi blicken. («MMA-Gym» bedeutet Mixed Martial Arts [Kampfsport] Trainingsraum, «Sunna» ist der sunnitische «rechte Weg des Propheten»). Gashi verschwand später beim IS in Syrien ebenso wie mindestens zwei weitere Besucher seines MMA-Sunna-Gyms.

Der Emir von «Lies!»

Das dritte und vielleicht wichtigste Netzwerk, in dem S. die zentrale Rolle spielte, war die Koran-Verteilaktion «Lies!» des deutsch-palästinensischen Salafisten Abou Nagie. Mit ihm besuchte S. eine Koran-Druckerei in Barcelona, und unter seiner Anleitung gründete S. den Schweizer Ableger des «Lies!»-Projekts.

S. wurde dabei Emir («Befehlshaber») genannt. Er stand aber manchmal auch selbst an den «Lies!»-Info-Ständen, etwa an der Zürcher Bahnhofstrasse, wo er Korane gratis unter die Leute brachte. Aus dem Umfeld des «Lies!»-Projekts reisten mindestens zwei in Winterthur bekannte Dschihadisten nach Syrien, ausserdem einer aus Arbon am Bodensee.

Bundesanwaltschaft schweigt

Wegen den laufenden Ermittlungen zur Verhaftung von S. wollte die Bundesanwaltschaft gegenüber der «Rundschau» keine Stellung nehmen.

Kurt Pelda

Kurt Pelda

Der Schweizer Kurt Pelda arbeitet seit 30 Jahren als Kriegsreporter. Er berichtet unter anderem für SRF, «Spiegel» und «Weltwoche» von den Brennpunkten dieser Welt – darunter Afghanistan, Libyen und Syrien.

18 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Graf (Christian Graf)
    @ Steiner Eine der grossen Errungenschaften in unserem Land ist die Fähigkeit gegensätzliche Meinungen zuzulassen und einen Konsens zu finden. Ob links oder rechts gesinnt! Das die Justiz eine abgehobene Gruppe bildet, die nicht effektiv sondern selbstherrlich agiert denke ich auch. Und die meisten Richter kommen aus dem politisch rechten Lager. Oha Herr Steiner die langweilige Hetze gegen linke Politik funktioniert nicht.
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Graf: Vergessen Sie das Wort Konsens. Es ist eigentlich ein Verbrechen in einer Demokratie dieses Wort und sein Ziel anzuwenden. Es heisst nämlich: "keine Wirderrede ist erlaubt!". Das ist das Gegenteil von Demokratiedenken. Demokratie besteht daraus verschiedene Meinungen zu haben und äussern zu dürfen, aber dann muss abgestimmt werden, und die Meinung der Mehrheit muss dann angewendet werden. Ich weiss nicht, warum so viele Menschen dies nicht wissen. Ob hier bereits der "Islam" Einzug hält?
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  • Kommentar von Mike Steiner (M. Steiner)
    Und wieder die Lies!-Bewegung. In Winterthur lässt man sie –wie in anderen Städten auch- schon seit Jahren gewähren. Im Klartext: Ein Verbot nach Abwägung zwischen Religionsfreiheit und öffentlichem Interesse/Sittenwidrigkeit o.ä. masst sich keiner an. Ein schönes Erbe jahrzehntelangen linken Gesinnungsterrors, der mittlerweile auch die Rechtssprechung erfasst hat. Als Gesellschaft stehen wir in der Situation knietief in der Mitschuld.
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    1. Antwort von Lucas Kunz (L'art pur l'art)
      ... die Schweiz ist immer noch seit ihrer Gründung 1848 in rechtsbürgerlicher Hand! Wenn jemand wie hier verhaftet werden soll, dann muss die Staatsanwaltschaft auch handfeste Gründe haben, und nicht gemäss Stammtisch, wie Sie ihn hier einfordern, handeln.
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    2. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      @Kunz. Und wie ist die Auslegung im Koran zu den "Ungläubigen" vereinbar mit dem schweizer Gesetz? 52 x wird zum töten der Ungläubigen aufgerufen, über 200 x werden Christen und Juden als Hunde und Schweine betitelt. Eigentlich müsste der Koran laut Strafgesetzbuch Art. 261 wegen Rassendiskriminierung und Aufruf zum Hass verboten werden. Wahrscheinlich fehlt der politische Mut, um die Salafisten oder den IS ruhig zu halten.
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    3. Antwort von Lucas Kunz (L'art pur l'art)
      Frau Helmers, geht's hier um eine Person, die einen Glauben auf ihre Art und Weise vertritt und u.U. mit dem Recht in Konflikt gerät, oder um die Religion selbst? Letzteres: Sehen Sie sich doch mal die Bibel an ... da hat's auch Mord und Totschlag en masse. Das Verhüllungsgebot finden sie (s. Paulus) ebenfalls, nur hält sich heute niemand mehr daran.
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    4. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      man könnte Salafismus, den IZRS o.ä. verbieten. Eine Leitkultur und das Gewichten von Sittenwidrigkeit wäre durchaus eine Option. Allein man will nicht. Und es stimmt schon: alle die, die nicht wollen, sind mitschuldig am Schlamassel.
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  • Kommentar von Thomas Leu (tleu)
    Ab ins Kalifat mit ihm! Dort wird es für diesen Mann paradiesisch sein.
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