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Schweiz Jetzt kommt das Zug- und Busfahren ohne Billett

Das Zugbillett auf dem Handy kaufen ist ein alter Hut. Nun sollen Smartphones den Ticketkauf überflüssig machen, dank simplen «Start/Stop»-Apps. In Bern oder Luzern sind solche Systeme schon in Betrieb, die SBB startet einen Pilotversuch. Ist das der Anfang des Mobility-Pricings und das Ende des GA?

Ein Daumen drückt auf das Symbol einer App auf dem Smartphone
Legende: Welche App darf es denn sein? Die SBB und andere ÖV-Unternehmen arbeiten an verschiedenen Lösungen zur elektronischen Reiseerfassung. Keystone/Fotomontage SRF

«Fairtiq, Link öffnet in einem neuen Fenster» heisst die App, die seit Ende April in den Regionen Luzern, Fribourg und Oberengadin das ÖV-Reisen leichter macht – Ende August soll auch der Raum Thun dazukommen. «Lezzgo, Link öffnet in einem neuen Fenster» ist die App der BLS, die seit Juni getestet wird.

Beide Angebote funktionieren nach dem sogenannten Be-in/Be-out-Prinzip (BIBO): Vor dem Einsteigen in Bus oder Bahn registriert sich der Fahrgast mit einem Wisch über das Smartphone, das den Reiseweg danach laufend aufzeichnet. Dabei kommt eine Kombination verschiedener Techniken zum Einsatz: neben der GPS-Navigation des Smartphones und dem Mobilfunknetz auch Wireless-Netzwerke und der Abgleich mit dem Streckennetz.

Am Ende der Reise meldet sich der Reisende auf dem Smartphone wieder ab und das System berechnet den günstigsten Preis für die Fahrt. Auch bei mehreren Fahrten an einem Tag wird automatisch der günstigste Tarif gewählt – sprich: eine Tageskarte, wenn diese billiger ist als mehrere Einzelfahrten zusammen. Die Endabrechnung erfolgt deshalb erst am Ende des Tages. Und bezahlt wird mit einer in der App hinterlegten Kreditkarte.

Easy Ride: zu teure Lösung mit Sensoren

Schweizer Verkehrsunternehmen arbeiten seit Jahren an solchen Systemen zur elektronischen Reiseerfassung. Bereits 2001 begann die SBB in Basel und Genf das Projekt «Easy Ride». Das war damals eine Weltpremiere. Nur ein Jahr später wurde die Übung aus finanziellen Gründen wieder abgebrochen – die schweizweite Einführung hätte mehr als 600 Millionen Franken gekostet.

Trotzdem wurden Pläne, Ein- und Aussteigen elektronisch zu erfassen, nie in die Schublade gelegt. Anfang Jahr sprach etwa SBB-Personenverkehrschefin Jeannine Pilloud davon, ein solches System solle bis im Jahr 2025 Wirklichkeit sein. Doch auch wenn Sensoren und andere technische Hilfsmittel seit den Zeiten von Easy Ride viel billiger geworden sind, würde die Aufrüstung aller Verkehrsmittel mit den nötigen Sensoren laut Experten immer noch gut 300 Millionen Franken kosten.

Reiseinformationen auf dem Swiss Pass

Kein Wunder setzt man nun auch bei der SBB aufs Smartphone. Jüngst gaben die Bundesbahnen bekannt, zusammen mit der BLS und der Postauto Schweiz AG – die mit CIBO, Link öffnet in einem neuen Fenster bereits ein eigenes BIBO-System im Testbetrieb hat – einen Pilotversuch im Regional- und Fernverkehr zu starten. «In einem ersten Schritt wollen die BLS, PostAuto und die SBB die aktuellen technischen Lösungen der beteiligten Parteien wie Lezzgo der BLS und 'CIBO PostAuto' sowie allenfalls weitere Lösungen weiter entwickeln», heisst es dazu in einer Medienmitteilung, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Über die genaue Umsetzung dieser Pläne will die SBB aber noch nichts sagen. «Die technische Lösung ist im Detail noch offen», schreibt Mediensprecher Reto Schärli auf Anfrage von SRF Digital. Fest steht, dass dem 2015 eingeführten Swiss Pass, Link öffnet in einem neuen Fenster dabei eine wichtige Rolle zukommen wird. Denn auf dem Chip des Swiss Pass können die Reiseinformationen der Passagiere gespeichert werden.

In naher Zukunft soll es den Swiss Pass auch als App auf dem Smartphone geben. Wie er mit der ab Herbst getesteten Lösung zur elektronischen Reiseerfassung zusammenspielen wird, sei im Detail aber noch offen, so Schärli.

Mobility-Pricing dank elektronischer Reiseerfassung

Klar ist dagegen jetzt schon: Die elektronische Erfassung von Fahrtwegen und -zeiten schafft eine Datenbasis, die neue Wege der Tarifgestaltung eröffnet. Der damalige SBB-Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi bezeichnete den Swiss Pass im März denn auch als Basis für das Mobility-Pricing – für die Möglichkeit, dass Kunden je nach Strecke und Reisezeit unterschiedliche Preise bezahlen.

Solche Massnahmen machten es der SBB möglich, die Auslastung ihrer Fahrzeuge besser zu steuern. Etwa durch Rabatte für die Benutzung von Zügen in Randstunden oder durch Zuschläge für besonders begehrte Verbindungen. Wer sich zu Stosszeiten in den Zug setzt, könnte in Zukunft also mehr bezahlen.

Von Behördenseite gibt es für solche Pläne grünes Licht: Der Bundesrat hat Ende Juni einen Konzeptbericht zum Mobility-Pricing, Link öffnet in einem neuen Fenster verabschiedet. Und Verkehrsministerin Doris Leuthard will in den kommenden Jahren in verschiedenen Städten und Kantonen Pilotversuche dazu durchführen.

BIBO-Systeme vs. Abonnemente

Die Umsetzung solcher Massnahmen könnte auch das Ende des Generalabonnements bedeuten. Denn zum Pauschaltarif jede Strecke zu jeder Zeit zu benutzen, steht in direktem Widerspruch zum Grundgedanken des Mobility-Pricings. In welcher Form Abonnemente in den neuen Systemen weiterbestehen könnten, ist deshalb noch unklar. Die SBB verneint allerdings, dass Systeme zur elektronischen Reiseerfassung auf lange Sicht Abonnemente ganz ersetzen sollen.

Etwas vager gibt sich Helmut Eichhorn, der Verkaufsleiter der Freiburgischen Verkehrsbetriebe TPF, die mit Fairtiq bereits ein System zur elektronischen Reiseerfassung betreiben. «Zu was eine solche Lösung hinsichtlich des Tickets-Angebots führen kann, ist offen», sagt er. Es sei möglich, dass die Grenze zwischen Einzelfahrt und Abonnement in Zukunft verschwinden könnte. Allerdings müssten sich die verschiedenen Anbieter im öffentlichen Verkehr erst einmal einig werden, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Und bis dahin sei es noch ein langer Weg.

Technik bereit, Politik noch nicht

Das gilt wohl auch für das Mobility-Pricing als Ganzes. Auf die Frage, ob die SBB dank der elektronischen Reiseerfassung in Zukunft ihre Tarife dynamisch an bestimmte Strecken und Zeiten anpassen wird, antwortet Mediensprecher Reto Schärli: «Ob und wie Mobility-Pricing umgesetzt wird, ist zunächst eine politische Frage.»

Auch Helmut Eichhorn erklärt, es hänge in erster Linie von der Politik ab, so eine Lösung voranzutreiben. Was die technische Umsetzung betreffe, sei man dagegen schon weiter. Denn Apps wie Fairtiq würden schon heute eine dynamische Preisgestaltung möglich machen.

Stichwort Datenschutz

Bei der elektronischen Reiseerfassung werden Bewegungsdaten der Kunden gesammelt – zur Preisberechnung und für eventuelle Reklamationen. Sobald die Daten dazu nicht mehr nötig sind, werden sie vom Namen des Nutzers getrennt. Ausserdem bestehe nach wie vor die Möglichkeit, auch ohne elektronische Reiseerfassung zu reisen, so die ÖV-Betriebe.

24 Kommentare

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  • Kommentar von Leo Nauber (leo999)
    Mit dem GA fahre ich Zug (jede Gesellschaft), Bus, Tram, Schiff, teilw. gratis und teilw. verbilligt Bergbahn usw. usf. Gibt es demnach einen Höchstbetrag pro Jahr, den ich nun mit automatischen Tickets abfahre und dann steht mir, sagen wir es mal ganz krass, nach einem Monat jedes Transportmittel gratis zur Verfügung, weil ich ja den GA Preis bereits im ersten Monat rausgefahren habe? Es kann auch nach 9 oder 10 oder 11 Monaten eingesetzt werden. 1 Monat war einfach mal ein krasses Beispiel.
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  • Kommentar von Leo Nauber (leo999)
    Solange die Leute ihre Flugtickets/Bordkarten auf Facebook veröffentlichen, soll mir niemand von Privatsphärenachtung oder ähnlich reden. Aber meine Fragen sind schon auch, wie ist wirklich sicher gestellt, dass ich zum biligst möglichen Preis fahre? Was ist, wenn z.B. der Preis eines Monats GA oder Jahres GA oder sonstigem Abo erreicht ist? Fahre ich dann einfach nur noch kostenlos, wie wenn ich das Abo hätte? z.B. tägliche Nutzung von Tram in Zürich, dann Fahrt nach Luzern, dann Bus in Luzern?
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Am Handy rumfummeln (inkl. Ein-/Ausschalten von GPS), um bei Verbindungsproblemen voll Am Berg u stehen... Das ist wie so schwachsinnig die Bezahlfunktion Twint, deren Vorteile ich mit Barhgeld oder der kontaktlosen Postcard um Längen schlage! Ein Ticket lösen dauert 15 Sekunden mit kontaktloser Bezahlkarte, braucht im Gegenzug aber etwas Hirn. Was für eine völlig verblödete Gesellschaft das doch ist, die sich so einen Unfug immer wieder hurraschreiend andrehen lässt!
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