Jugendgewalt: Die Sensibilisierung wirkt

Die Gewalt unter Jugendlichen hat von 2009 bis 2014 stark abgenommen. Dafür mitverantwortlich dürfte die Sensibilisierung von Gesellschaft und Behörden sein – und die Integration von Migranten aus Ex-Jugoslawien, wie der Zürcher Oberjugendanwalt Marcel Riesen sagt.

Symbolbild: Jugendliche bei einer Rauferei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Gewalt von Jugendlichen hat abgenommen – kommt aber leider immer noch vor. Keystone Archiv

Die Jugendgewalt in der Schweiz ist in den vergangenen Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Entsprechend sank zwischen 2009 und 2014 auch die Zahl der eines Gewaltdelikts beschuldigten Jugendlichen um 44 Prozent, wie eine Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt. Es hat die Zahlen zur Jugendgewalt der Jahre 2009 bis 2014 ausgewertet. Als Gründe für die Abnahme vermutet der Zürcher Oberjugendanwalt Marcel Riesen unter anderem eine grössere Sensibilität in der Öffentlichkeit und bei den Behörden.

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Marcel Riesen

Marcel Riesen

Der Jugendstaatsanwalt Marcel Riesen leitet die Jugendstrafrechtspflege des Kantons Zürich. Sein Amt plant, führt und steuert die Jugendstrafverfahren im Kanton sowie die damit verbundenen Vollzugsaufgaben.

SRF News: Was sind die Hauptgründe dafür, dass die Jugendgewalt seit 2009 so stark gesunken ist?

Marcel Riesen: Das ist schwierig zu sagen. Sicher aber haben verschiedenste Aktivitäten von Schulen, Polizeidiensten oder Jugendanwaltschaften ihren Beitrag zu dem Rückgang geleistet. 2007 hat eine grosse Debatte über das Problem der damals stark ansteigenden Jugendgewalt begonnen, in deren Folge viele Bemühungen in Gang kamen und Massnahmen ergriffen wurden. Aber einen direkten Hauptgrund für den Rückgang der Jugendgewalt kann wohl niemand nennen.

Bei der Prävention von Jugendgewalt sind die Schulen, aber auch die Familien gefordert. Was ist heute anders als vor acht Jahren?

Wenn ich in den letzten Jahren mit meinen Kindern ein Fest mit Jugendlichen besucht habe und jemand gewalttätig wurde, so schritten anwesende Erwachsene sofort ein. Das war vor 10 oder 15 Jahren noch nicht so explizit der Fall. Das heisst: Viele Eltern und Verantwortliche in der Jugendarbeit sind sehr stark auf gewalttätiges Verhalten sensibilisiert. Sie intervenieren rasch oder leiten allenfalls auch Massnahmen ein.

«  In der Kriminalität gibt es auch ‹Moden›. Zudem spielen die Wirtschaftssituation oder die Migrationspolitik eine Rolle. »

Was macht die Polizei heute anders,wenn es trotzdem zu Gewalttaten von Jugendlichen kommt?

Zum einen hat die Polizei mehr Mittel zur Verfügung als früher. Zum anderen ist sie spezialisierter auf Jugendliche. Heute ist es so, dass bei polizeilichen Jugenddiensten die Polizisten «ihre» Jugendlichen kennen und genau wissen, wer welche Problematiken aufweist. Da ist es durchaus möglich, dass ein Polizist an einem Samstagabend einen Jugendlichen trifft und mit diesem ins Gespräch kommt. Allein daraus kann eine präventive Wirkung entstehen, etwa, indem der Jugendliche weiss, dass er jetzt kein Delikt begehen kann. Solche Zusammenhänge kann man zwar nicht messen, aber sie haben sicher eine Wirkung.

In früheren Interviews haben Sie gesagt, ein möglicher Grund für den Rückgang könnte auch die Tatsache sein, dass die Balkankriege nun weiter zurückliegen und die Jugendlichen aus diesen Ländern heute selber erwachsen sind. Könnte das mit ein Grund sein für den Rückgang der Jugendgewalt?

Statistisch kann man das nicht belegen. Doch in den Fach-Diskussionen gehen wir davon aus, dass dies ein Umstand ist, der dazu beigetragen hat. Wir sprechen aber nicht nur von den Jugendlichen aus dem Balkan, sondern auch von ihren Eltern. Häufig waren sie ebenfalls vom Krieg traumatisiert und konnten ihre Erziehungsaufgaben nur unzureichend erfüllen. Das erschwerte die Situation für ihre Kinder zusätzlich. Insgesamt kann man sagen, dass die Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien inzwischen viel besser integriert sind.

Es scheint, dass alles in die richtige Richtung geht: Die Jugendgewalt hat in den vergangenen fünf Jahren um die Hälfte abgenommen. Kann man davon ausgehen, dass sie weiter sinken wird?

Nein. Das wissen wir nicht. Ich würde nie behaupten, die Jugendgewalt sei ausschliesslich wegen der Tätigkeit der Behörden gesunken. Es gibt auch andere Faktoren, wie etwa «Moden» oder «Wellen» in der Kriminalität. Gewisse Deliktgruppen ändern mit der Zeit, sind manchmal «beliebter», manchmal weniger «beliebt». Eine Rolle spielen die Situation der Wirtschaft oder die Migrationspolitik. Es gibt also viele Umstände, die dazu führen können, dass die Zahlen wieder steigen. Heute freuen wir uns, dass es einen solchen Rückgang gibt. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Arbeit noch besser zu machen. Mehr geht nicht.

Das Gespräch führte Marc Allemann.

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