Jugendstrafvollzug: Braucht die Schweiz härtere Knäste?

Der Fall Carlos zeigt die Hilflosigkeit beim Umgang mit jungen Gewalttätern in der Schweiz. Deutsche Jugendgefängnisse hingegen setzen auf lange Haftstrafen und abschreckende Bauten. Obendrein sind sie fünfmal günstiger als Schweizer Einrichtungen. Das berichtet die «Rundschau».

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Blick in den Jugendstrafvollzug nach Deutschland

12 min, aus Rundschau vom 19.2.2014

«Ist ja keine Strafe für denjenigen, ist ja eigentlich wie im Kinderheim», sagt Stefan, als er vom Fall Carlos erfährt. Stefan ist ein 22-jähriger deutscher Häftling, der wegen schwerem Raub und Diebstahl zweieinhalb Jahre im deutschen Jugendgefängnis Ichtershausen absitzt.

Auch Marco ist in Thüringen inhaftiert, für drei Jahre, wegen schwerer räuberischer Erpressung. «Das wirklich krasse Knastfeeling, das fehlt doch», findet der 19-Jährige in Bezug auf Carlos. «Ob sich da viel regt, weiss ich nicht».

«Viele Jugendliche brauchen klare Grenzen»

Jugendgefängnisse mit Mauern und Stacheldraht sowie lange Haftstrafen sind im deutschen Jugendstrafvollzug üblich, allerdings nur als letztes Mittel. Ähnlich wie in der Schweiz werden zuvor mildere Massnahmen verordnet. Doch wenn Erziehungsbeistandschaften, erlebnispädagogische Massnahmen und Jugendarrest nichts bringen, dann bleiben nur noch die Jugendgefängnisse.

«Viele Jugendliche brauchen klare Grenzen», so die Oberpsychologierätin Christiane Trübs. Ichtershausen zeige mit seinen Mauern und dem Stacheldraht den Häftlingen: «Hier ist die Gesellschaft vor euch geschützt». Da passiere in den Köpfen der Jugendlichen dann doch sehr viel.

«Rundschau-Theke»: Renato Rossi, ehemaliger Direktor des Arxhofes

11 min, aus Rundschau vom 19.2.2014

Dies bestätigt auch Siegfried, ein ehemaliger Häftling aus Bayern. Sechs Jahre verbrachte er im deutschen Jugendgefängnis Ebrach, seit 13 Jahren lebt er deliktfrei, hat Freundin und Arbeit, sich einen besseren Freundeskreis gesucht. «Ich schätze, ich habe die ersten drei Jahre gebraucht, um überhaupt zu begreifen, warum ich dort bin», sagt er gegenüber der «Rundschau» rückblickend auf seine Gefängniszeit.

Lange Strafen, bessere Chance

Lange Strafen als Chance sieht auch der Anstaltsleiter von Ebrach, Gerhard Weigand. Es sei besser möglich, ernsthaft Berufsausbildungen zu betreiben. Aber auch soziales Kompetenztraining, Sozialtherapie und Antiaggressionstraining könne man in einem längeren Strafvollzug besser, effektiver und intensiver einsetzen.

In Deutschland sind Jugendstrafen bis zu zehn Jahre möglich, in der Schweiz muss ein Jugendlicher sind höchstens vier Jahre absitzen, und dies nur in seltenen Fällen. Stattdessen setzt der Schweizer Jugendstrafvollzug auf sogenannte Massnahmen. Diese werden meist in offenen oder halboffenen Einrichtungen durchgeführt.

Klassische Jugendgefängnisse sind nicht geplant. Dafür aber wird im Zürcher Massnahmenzentrum Uitikon der geschlossene Bereich erweitert und im waadtländischen Palézieux eine Einrichtung für junge Strafgefangene eröffnet.

Deutsche Gefängnisse günstiger

Der Freiheitsentzug in Uitikon kostet den Steuerzahler 560 Franken pro Häftling und Hafttag. Die deutschen Jugendgefängnisse in Bayern und Thüringen liegen bei rund 90 Euro, sind also fünfmal günstiger. Verglichen mit dem Sondersetting von Gewalttäter Carlos für 29'000 Franken im Monat ist das Verhältnis sogar eins zu zehn.

Rückfallquoten nicht vergleichbar

Aber ist die Rückfallquote in der Schweiz kleiner als in Deutschland? Und haben die Schweizer Straftäter bessere Chancen auf ein deliktfreies Leben? «Es gibt keine international vergleichenden Rückfallstatistiken», sagt Martin Killias. Der St.Galler Strafrechtsprofessor führt dies auf die Schwierigkeit zurück, Gleiches mit Gleichem vergleichen zu können.

Wie viele rückfällig werden, hänge mehr von den Profilen der Verurteilten als von der Qualität der Anstalten ab. «Leider rechtfertigen die verfügbaren Daten keineswegs den Lobgesang auf den schweizerischen Jugendstrafvollzug», so Killias.

Renato Rossi, langjähriger Direktor der Arbeitserziehungsanstalt Arxhof im Kanton Baselland hingegen vertritt die Meinung: Das Schweizer System habe Modell-Charakter. Er sagt, Therapien und ein offener Strafvollzug für Jugendliche seien die Gründe für tiefe Rückfallquoten in der Schweiz.