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Umstrittene Therapie Kann Methadon zur Krebsheilung beitragen?

Klinische Studien könnten einen Durchbruch in der Krebsforschung bestätigen. Die Pharmaindustrie hat aber kein Interesse daran.

Legende: Audio Methadon: Hoffnungsträger für krebskranke Menschen abspielen. Laufzeit 04:39 Minuten.
04:39 min, aus Rendez-vous vom 22.06.2017.

Methadon, der Krebskiller. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Kunde, seit das deutsche Fernsehen, Link öffnet in einem neuen Fenster im April über angebliche Heilungserfolge berichtet hat. Bei Roger von Moos, dem Chef-Onkologen am Kantonsspital Graubünden, fragt jeder dritte Patient nach dem Stoff. Von Moos sagt: «Ich habe auch von meinen Kollegen in anderen Kliniken und in der Praxis gehört, dass hier ein eigentlicher Run auf diese Substanz stattgefunden hat, nachdem man sehr viel versprochen hat.»

Wir haben die Versuche mehrfach wiederholt und sind zum Schluss gekommen, dass Methadon diese Zellen zerstören kann.
Autor: Claudia FriesenChemikerin Universität Ulm

Methadon soll die Chemotherapie effizienter machen und so ein längeres Überleben ermöglichen. Das verspricht Claudia Friesen von der Universität Ulm. Die Chemikerin entdeckte vor zehn Jahren zufällig, dass im Labor gezüchtete Leukämie-Zellen zugrunde gingen, wenn sie mit Methadon in Kontakt kamen.

«Damals dachte ich, es sei ein Fehler. Wir haben die Versuche mehrfach wiederholt und sind zum Schluss gekommen, dass Methadon diese Zellen zerstören kann», sagt Friesen. So oft wie sie den Versuch wiederholt habe, könne man gar keine Fehler machen.

Umstrittene Methode

Friesen ging noch weiter: Sie dokumentierte die Fälle Dutzender Krebspatienten, bei denen Metastasen verschwunden und Tumoren stark geschrumpft waren. Angeblich dank Methadon. Für diesen Teil ihrer Arbeit wird die Chemikerin stark kritisiert.

Der Bündner Chef-Onkologe Roger von Moos ist skeptisch. Er halte es für höchst unseriös, «anekdotisch Einzelfälle heranzuziehen und zu behaupten, die Wirksamkeit sei aufgrund von Methadon zustande gekommen». Insbesondere, da die dokumentierten Einzelfälle alle eine Chemotherapie erhalten hätten. Von Moos: «Dann noch einen Schritt weiterzugehen und zu sagen, das ist verallgemeinerbar, halte ich für höchst unseriös.»

Die Pharma möchte ja ein möglichst wirksames Medikament entwickeln, mit dem sie auch viel Geld verdienen kann.
Autor: Rolf MartiKrebsliga Schweiz

Wieso die Pharmaindustrie kein Interesse an einer Studie hat

Auch die Krebsliga Schweiz bezweifelt in einer Stellungnahme, dass Methadon beim Überleben von Krebs helfe. Man warne vor unrealistischen Erwartungen. Um eine Wirksamkeit zu belegen, brauche es klinische Studien, sagt Rolf Marti von der Forschungsförderung der Krebsliga.

Ein altes Bild von einer Schachtel Methadontabletten.
Legende: Roche hat Methadon 1977 als Patent eingetragen. Inzwischen ist das Patent abgelaufen. Keystone

Für die Pharmaindustrie lohne sich dieser Aufwand nicht, sagt Marti: «Die Pharma möchte ja ein möglichst wirksames Medikament entwickeln, mit dem sie auch viel Geld verdienen kann. Das ist natürlich auch abhängig vom Absatzmarkt.» Der Basler Pharmakonzern Hoffmann-La Roche hat das Patent auf Methadon 1977 eingetragen. Inzwischen ist es abgelaufen und die Substanz ist sehr billig zu haben. Für eine Wirksamkeitsstudie müssten – wenn überhaupt – öffentliche Geldgeber in die Bresche springen, sagt Marti. Geldgeber wie eben die Krebsliga Schweiz.

Mindestens eine Million Franken würde es kosten, die krebshemmende Wirkung von Methadon zu beweisen. Der Wille dazu scheint vorhanden – der Druck der Patienten ist es auf jeden Fall.

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54 Kommentare

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  • Kommentar von Helena Müller (Helena Müller)
    Das mit dem Methadon kann wirken - oder auch nicht. Das weiss ja niemand im voraus. Was ich nicht verstehe: Lasst uns doch diejenigen es versuchen (mit dem Rezept von Aerzten), die es wollen. Nebenwirkungen haben alle Medikamente - von Chemo und Bestrahlung gar nicht zu reden. Mich würde interessieren, wieviele Menschen an Chemo sterben - (Ich habe gehört von 90 Prozent). In Todesanzeigen steht meistens: ist an seiner schweren Krankheit gestorben.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    sf, danke fuer das interessante Diskusions-Thema..!!!
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  • Kommentar von M R (m@)
    Hab mir die Publikationen angeschaut. Die gute Frau verwendet für ihre Versuche Methadonkonzentrationen, welche im Blut eines Menschen schädlich wären. Die Kritik an den Aussagen dieser Forscherin ist vollkommen berechtig. Mann soll nicht jedem Voodoo Zauber hinterherrennen. Und weil bei in paar Leuten die Tumore zurück gegangen sind, heisst das noch lange nicht, dass man dies auf das Methadon zurückführen kann.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Es waren deutlich mehr als ein paar Leuten, nämlich alle von 80 beobachteten Patienten hatten plötzlich unter Methadon mehrere Monate länger gelebt, als zu erwarten war. Also Hinweise gibt es schon, dass weitere Forschung wichtig wäre. Es gibt durchaus dümmere, teurere Forschung, z.B. für neue Potenzmitteln.
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    2. Antwort von Silas Räber (Silair)
      Wo haben Sie das her, wegen der Konzentration? Zudem ist ja Chemotherapie äusserst toxisch und schädlich, das zerstört sogar menschliche Zellen (was ja auch der Sinn der Sache ist!). Voodoo Zauber hin oder her, warum nicht was ausprobieren, wenn das Leben sowieso kurz vor dem Ende ist?
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    3. Antwort von M R (m@)
      Obergrenzen der Methadonkonzentration findet man im Internet (Toxikologisches Studien; Pharmakakodynamik). Die verwendete Konzentration in den Versuchen der Forscherin findet man in ihren Publikationen. Genau. Eine zu hohe Konzentration jedes Stoffes ist tödlich, wenn er Körperzellen schadet. Bei einer Chemotherapie stellt man die Konzentration so ein, dass der Stoff den Krebszellen schadet, den Körperzellen aber nicht. Dies ist bei der verwendeten Konzentration von Methadon nicht der Fall.
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    4. Antwort von M R (m@)
      @ H. Bernoulli Jährlich erkranken in Deutschland 500000 Menschen an Krebs. 80 Personen sind 0.016% davon. Wenn man davon ausgeht, dass ein Grossteil der Krebspatienten mit Methadon behandelt wird (zur Schmerzbekämpfung) sind diese 80 Personen eine kleine Zahl. Ob Methadon bei der Heilung eine Rolle gespielt hat, kann man aus diesen Zahlen nicht sagen.
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    5. Antwort von Helena Müller (Helena Müller)
      Schon komisch. Da fragt niemand, wie schädlich eine Chemo, eine Bestrahlung ist. Wenn ich es brauche, muss ich mich dafür verantworten, kein Spital, kein Arzt übernimmt das für mich. Ich unterschreibe. Wenn ich Methadon will dazu, ist es genauso meine Verantwortung.
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    6. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      @ M.R.: Trotz der kleinen Zahl: wenn auf Grund der Überlebensstatistik zu einer Erkrankung die Überlebenszeit ein paar Monaten beträgt und nach der Gabe von Methadon alle mehrere Monate länger leben, dann ist dies schon einen Hinweis für die Wirksamkeit der Behandlung (die Kontrollgruppe ist sozusagen virtuell dazu zu denken). Frau Friesen empfiehlt niedrige bis mittleren Dosierungen, die als sicher gelten und die auch zu den beobachteten Resultaten führten.
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