Kartoffeln vor die Säue

Das Kartoffeljahr 2016 wird miserabel. Das zeigen Schätzungen der Branchenorganisation Swisspatat. Je nach Sorte und Region sind Ernteausfälle von 30 und mehr Prozent zu erwarten. Grund ist der zu nasse Frühling.

Ein Bauer leert eine grosse Box Kartoffeln Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ungefähr 100'000 Tonnen Kartoffeln werden wohl wegen Unschönheiten als Tierfutter enden. Keystone

Das hätte sich Gemüsebauer Hans Graf ganz anders gewünscht: Viel zu viele seiner Kartoffeln sind heuer zu klein und haben sogenannte Wachstumsrisse: zwei bis fünf cm lange, schartige Stellen auf der Haut.

Schon 2015 war ein schlechtes Kartoffeljahr – mit einem zu nassem Frühling und zu heissem Sommer. Noch nie mussten deshalb so viele Kartoffeln aus dem Ausland importiert werden wie in den letzten Monaten.

Gemüsebauer Graf, der einer der grösseren Produzenten in der Schweiz ist, sei letztes Jahr mit einem blauen Auge davon gekommen.

Schlechtes Schweizer Kartoffeljahr

4:03 min, aus Rendez-vous vom 02.09.2016

Unschöne Kartoffeln verkaufen sich schlecht

33 Prozent weniger Kartoffeln und jene, die wuchsen, sind klein und haben Risse. Zum Essen seien sie einwandfrei, betont der Kartoffelproduzent aus dem St.Galler Rheintal, aber verkaufen liessen sie sich nur schlecht. Die Kunden wünschten sich optisch einwandfreies Gemüse.

Dies bestätigt auch Urs Meier, Mediensprecher von Coop. Allerdings setze langsam ein Umdenken ein. «Food Waste» heisst das Stichwort – die Verschwendung von an sich guten Lebensmitteln, die bloss nicht ganz der Norm entsprechen. Unter dem Label «ünique» versucht Coop deshalb auch fleckige Aprikosen, krumme Karotten, oder eben schartige Kartoffeln zu verkaufen.

Die Migros, die grösste Abnehmerin von Kartoffeln in der Schweiz, will dieses Jahr 5'000 Tonnen äusserlich nicht ganz perfekter Knollen als M-Budget-Ware vermarkten.

Doppelt so viel Tierfutter

Tönt nach viel, ist aber nur ein kleiner Bruchteil der Ausschussmenge. Schon in normalen Erntejahren landen zehn bis 15 Prozent der Schweizer Kartoffeln in Schweinetrögen. Dieses Jahr sind es wohl doppelt so viele.

Tierfutter sei an sich keine Verschwendung, sagt Christine Heller, Geschäftsführerin der Branchenorganisation Swisspatat. Weggeworfen oder untergepflügt würden keine Kartoffeln. Aber Ziel der ganzen Branche sei es natürlich, möglichst viele Kartoffeln als Nahrungsmittel für Menschen zu verwenden.

Eine Kartoffel mit einem Wachstumsriss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Viele Kartoffeln haben solche Wachstumsrisse weil es im Frühling zu viel regnete. LBL

Risse machen Weiterverarbeitung kompliziert

Nicht nur Kunden im Gemüseladen, auch die Industrie will schöne Kartoffeln, erklärt Roger Harlacher, Direktor von Zweifel, der im Jahr rund 22'000 Tonnen Kartoffeln industriell verarbeitet. «Wegen den Wachstumsrissen ist das maschinelle Schälen der Kartoffeln schwierig bis unmöglich».

Zweifel bemühe sich, möglichst alle Kartoffeln in der Schweiz zu beziehen, dieses Jahr aber werde man sicher auf Einfuhren aus dem Ausland angewiesen sein. «Wir gehen davon aus, dass wir 15 Prozent aus dem Ausland importieren werden.» Man brauche auch optisch einwandfreie Ware. Auch weil Pommes Chips mit schwarzen Stellen von den Kunden nicht akzeptiert würden.

Und so lässt sich bereits jetzt – lange vor Abschluss der Kartoffelernte 2016 – ein ernüchterndes Fazit ziehen: Während 100'000 Tonnen Kartoffeln aus dem Ausland eingeführt werden, landen etwa gleich viele einheimische Erdäpfel in Schweinetrögen und Biogasanlagen.