Keine humanitären Visa für akut Bedrohte aus Syrien

Angst um die Verwandten im syrischen Bürgerkrieg: In der Schweiz lebende Syrer möchten ihre Familien in Sicherheit bringen. Doch die bürokratischen Hürden scheinen unüberwindbar.

Syrer, die in der Schweiz leben, bangen um die Leben ihrer Verwandten im syrischen Bürgerkrieg. Sie in die Schweiz zu holen, ist aber schwierig. «Die Schweiz muss mehr machen für die Menschen in Syrien», fordert  die Schweizerische Flüchtlingshilfe. Vor allem wer Verwandte in der Schweiz hat, soll von humanitären Visa profitieren können.

Bilder von Tod und Zerstörung

Walid Suleiman, ein 42jähriger Arzt aus Basel, kann die immer gleichen Berichte über Tod und Zerstörung im Fernsehen kaum mehr sehen. Für ihn sind es nicht Bilder aus irgendeinem fernen Land, sondern Bilder aus der alten Heimat. Viele seiner Verwandten leben noch in Syrien.

«Ich habe gerade mit meiner Schwester telefoniert. Die Situation ist dramatisch», sagt er. Seine Schwester sei akut bedroht. Ihr Mann, ein ehemaliger hoher Offizier, und ihr ältester Sohn seien bereits tot, vom Assad-Regime ermordet. Das Haus sei zerbombt und die Schwester selber schwer traumatisiert: «Die Leute sind psychisch kaputt, zerstört.»

Keine humanitären Visa erhalten

Walid und seine Frau möchten die Schwester und deren fünf noch lebenden Kinder so schnell wie möglich aus dem Kriegsgebiet herausholen. Doch alle Versuche, humanitäre Visa zu erhalten, blieben bis jetzt erfolglos.

Das ist eine Erfahrung, die auch Dutzende andere Syrer in der Schweiz gemacht haben. Trotz dramatischster Lage in Syrien unternehme die offizielle Schweiz praktisch nichts, kritisiert Beat Meiner, Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe: «In Syrien sind jetzt rund fünf Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen sind an Leib und Leben unmittelbar bedroht. Es geht darum, ihre Leben zu retten.»

Er erinnert daran, dass die Schweiz in den Jugoslawienkriegen rund 100‘000 Menschen vorübergehend aufgenommen hat. Es waren vor allem bosnische Flüchtlinge, später auch Flüchtlinge aus dem Kosovo. «Wenn wir uns anstrengen, können wir da sicher etwas leisten» sagt Meiner.

Schon zwei Kontingente aufgenommen

Eine junge Frau klettert mit zwei Kindern über Feld mit Schutt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine humanitären Visa: Vom Bürgerkrieg bedrohte Menschen können nicht in die Schweiz kommen, auch nicht, wenn sie da Verwandte haben. Reuters/Symbolbild

«Machen wir doch schon», kontert Gabi Szöllösi, Sprecherin im Bundesamt für Migration. «Die Schweiz hat ja bereits zwei Kontingente von Personen aus Syrien aufgenommen.» Im September 2012 waren es 36 Personen, im Februar 37 Personen. «Wenn das UNHCR ein weiteres Ersuchen an die Schweiz stellt, so werden wir das prüfen.»

Ausserdem werde im Moment niemand nach Syrien zurückgeschickt, der schon in der Schweiz ist, auch wenn beispielsweise das Asylgesuch abgelehnt worden sei.

Erste Priorität habe für die Schweiz aber klar die Hilfe vor Ort: «Die Schweiz beteiligt sich an verschiedenen Aktivitäten im Rahmen der internationalen Organisationen, die vor Ort tätig sind, um die Not zu lindern.» 20 Mio. Franken kostete diese Hilfe letztes Jahr, 2013 stehen vorläufig mal 10 Mio. zur Verfügung.

Schweiz soll aktiv eingreifen

Das sei gut und recht, sagt Beat Meiner von der Flüchtlingshilfe, es befreie die Schweiz aber nicht von der moralischen Pflicht, mehr gefährdete Personen aufzunehmen: «Wir rufen die Schweizer Behörden auf, unbedingt mehr zu tun. Es geht darum, die Menschen vor dem Tod zu retten.» Man dürfe nun nicht wieder Erbsen zählen und warten, bis die andern auch etwas machen. Die Schweiz müsse aktiv eingreifen und Hilfe anbieten.

Walid Suleiman sieht das genau gleich: «Es reicht langsam mit diesen Formalitäten. Es ist Zeit, dass man handelt und nicht nur redet.» (link;snep)