Kindsein 2.0 ist gar nicht so anders – sagt die Forschung

Eine neue Studie wartet mit einem überraschenden Verdikt auf: Kindsein im digitalen Zeitalter besteht nicht aus Bits und Bytes. Weiter wird gelesen und miteinander gespielt – die analoge Welt hat nicht an Reiz verloren. Doch die Faszination Smartphone lebt.

Ein Kind beim Wasserspiel auf dem Bundesplatz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lassen die allgegenwärtigen Monitore den Spieltrieb verkümmern? Die Forschung gibt Entwarnung. Keystone

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Lieber Lesen als Zocken?

Bei 6- bis 13-Jährigen stehen Musik hören und Fernsehen hoch im Kurs. Fast die Hälfte der Kinder hört täglich Musik. 42 Prozent schauen täglich fern – im Durchschnitt 45 Minuten lang. Auch Lesen ist beliebt: 37 Prozent lesen täglich eine halbe Stunde. Dagegen spielt nur ein Viertel der Kinder täglich Videospiele, ebenfalls eine halbe Stunde.

Die Generation Touchscreen ist mehr Mythos als Realität: Schweizer Kinder spielen in ihrer Freizeit lieber Fussball oder bauen Legotürme, als dass sie Musik hören, fernsehen oder gamen. Spiel und Sport sind bei den Kindern nicht nur am beliebtesten, sie werden auch häufiger ausgeübt als Musik hören, fernsehen oder gamen.

Dies geht aus der Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hervor. Die Forschenden untersuchten darin das Medienverhalten von über 1000 Kindern im Primarschulalter.

Überraschte Autoren

Mit diesem Ergebnis hatten auch die Macher der Studie nicht gerechnet. Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Co-Leiter der Studie, zeigt sich denn auch überrascht, dass in dieser Altersgruppe die digitalen Medien noch nicht so weit vorn seien.

«Wir waren selber überrascht vom Ergebnis»

4:58 min, aus SRF 4 News aktuell vom 28.09.2015

Obwohl auch die Eltern der Kinder bereits teils «digital natives» – also im Netzzeitalter aufgewachsen – seien, wären gemeinsame Medienaktivitäten vor allem das Fernsehen oder bei jüngeren Kindern das Lesen. Das omnipräsente Smartphone oder Tablet fristet dagegen ein relatives Schattendasein.

Besorgte Eltern – zumindest beim Thema Internet

Dies liegt allerdings, wie Süss einräumt, nicht zwingend am mangelnden Interesse der Kinder. «Man muss das stark im Zusammenhang mit den Sorgen der Eltern sehen. Sie befürchten, ihre Kinder könnten online mit negativen Inhalten konfrontiert oder verhaltenssüchtig werden.» Deswegen regulierten viele Eltern den Zugang zu den digitalen Medien.

Das Problembewusstsein beim Fernsehen sei dagegen geringer – obwohl Kinder dort mehr negative Erfahrungen machten als in Online-Medien. Auch, weil die Eltern selbst mit dem Fernsehen aufgewachsen seien und sich mit dem altbekannten Medium sicherer fühlten.

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Zur Studie

Zur Studie

Die MIKE-Studie ist der kleine Bruder der ebenfalls von der ZHAW durchgeführten JAMES-Studie, die auf den Medienumgang von Jugendlichen fokussiert. MIKE steht für Medien, Interaktion, Kinder und Eltern. Die ZHAW-Forschenden untersuchten in diesem Jahr erstmals das Nutzungsverhalten von jüngeren Kindern.

Übertritt in die digitale Welt

Digitale Medien sind gemäss der so genannten MIKE-Studie erst später auf dem Vormarsch. Und doch bestimmt der Umgang mit ihnen immer mehr den Alltag von Kindern. Im Verlauf der Primarschule nehme die Bedeutung von Internet, Smartphones und Gamen immer mehr zu. Medienkompetenz sei deshalb schon in jungen Jahren sehr wichtig.

«Wir haben festgestellt, dass sich im Laufe der Primarschulzeit sehr vieles ändert», sagt Medienpsychologe Süss. Sowohl der Medienbesitz als auch die Nutzungshäufigkeit wandle sich sehr stark. «Etwa im Alter von zehn Jahren treten die digitalen Medien sprunghaft in das Leben der Kinder. Hier passiert ein Übergang von der analogen in die digitale Welt.»

Doch wie verkraften die Kinder den Übertritt ins persönliche Netzzeitalter? «Ein Stück weit wird dann tatsächlich weniger gelesen. Dass manche Dinge zurückgehen, hängt aber auch damit zusammen, dass Kinder in diesem Alter mehr mit ihren Freunden draussen sind und spielen.»

So bleibt das Klischee über die triste Kindheit 2.0, allen Unkenrufen zum Trotz, ein Klischee. Zumindest für die Studienautoren: «In der Regel spielen die Kinder draussen und unternehmen etwas», schliesst Süss.