Kleinbauern kritisieren neue Direktzahlungen

Die Grossen kriegen viel, die Kleinen wenig. So lasse sich die Ungerechtigkeit der neuen Agrarpolitik des Bundes auf den Punkt bringen, beklagt die Kleinbauernvereinigung. Die Forderung nach einer Umverteilung ist allerdings heikel.

Eine Reihe von Kuhhintern, ihre Schwänze sind an Schnüren, die von der Decke hängen, befestigt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Viel Geld für grosse Bauernbetriebe: Das stösst den Kleinbauern sauer auf. Keystone

Ruedi Schüpbach steht neben dem Brunnen auf seinem Biohof zwischen Bern und Thun. Sieben Mutterkühe, Obstbäume, ein grosses Gemüsefeld. Und all das auf nur gerade sechseinhalb Hektaren Fläche. Das ist nur ein Drittel der Grösse eines Durchschnittsbetriebs. Deshalb müsse er umso innovativer sein, sagt Schüpbach.

Er hat 50 Aaren mit Minze, Melisse und anderen Teekräutern bepflanzt. «Mit Abstand der grösste Ertrag des Betriebes stammt vom Kräuteranbau.» Davon leben er und seine Partnerin. Davon bezahlen sie auch ihre Mitarbeiter. Vom Staat bekommen sie dafür jedes Jahr 28'000 Franken an Direktzahlungen. Aber jetzt, mit der neuen Agrarpolitik, sinke der Betrag um zehn Prozent, sagt Schüpbach.

Dass auf der anderen Seite grosse Bauernbetriebe sehr viel mehr bekommen, führe nicht nur unter Bauern zu heftigen Diskussionen. Das merke er im Kollegenkreis, so Schüpbach. «Wenn man sieht, dass es Betriebe gibt, die über 100'000 oder 200'000 Franken bekommen, gibt es überhaupt keine Akzeptanz mehr in der Bevölkerung. Ein Handwerker, der 60'000 heimbringt, muss damit auch eine Familie ernähren.»

Mehr als eine Familie von Zahlungen abhängig

Schüpbach ist Mitglied der Kleinbauernvereinigung. Diese befürchtet, dass wegen der hohen Summen das Image des ganzen Bauernstandes leidet. Die Organisation fordert, dass die Grossen einen Teil der Gelder abgeben – zugunsten der Kleinen.

Profitiert von der letzten Agrarreform haben zwar insbesondere Betriebe im Berggebiet, also Betriebe mit steilen Hanglagen. vor allem aber auch grosse Betriebe. Mehr als zehnmal so gross als der Betrieb von Schüpbach ist mit 70 Hektaren zum Beispiel der Hof von Gian Sutter im Oberengadin. Wie viel Direktzahlungen bekommt er pro Jahr? «Für den ganzen Betrieb hat sich der Betrag gegenüber den anderen Jahren um 12'000 Franken erhöht», sagt Sutter.

Wieviel es insgesamt ist, mag er nicht sagen. Aber er hält nicht viel von der Kritik der Kleinbauern. Denn die Direktzahlungen seien nicht mit einem Einkommen zu vergleichen und von seinem grossen Betrieb lebten gleich zwei: «Neben der Betriebsfamilie – meiner Frau und mir und der übrigen Familie – arbeitet ein Mitarbeiter hier; ein Schweizer, der Familie hat, der auch davon profitiert, dass er eine anständige Anstellung hat.»

Zahlenmaterial noch mit Vorsicht zu geniessen

Viele Grossbetriebe sind auch Betriebsgemeinschaften. Das bestätigen die kantonalen Landwirtschaftsämter. Im Kanton Graubünden gibt es zum Beispiel 54 Betriebe, die mehr als 200'000 Franken Direktzahlungen bekommen, zwei davon erhalten gar mehr als 300'000 Franken. Wieviel davon Einzelbetriebe sind, sei anhand der derzeit vorliegenden Zahlen aber noch unklar.

Die Ausschläge nach oben müssen vorderhand also mit Vorsicht genossen werden. Aber in der Tendenz sei dieses Auseinanderklaffen schon festzustellen. Und von der Politik sei das auch so gewollt, sagt Simon Briner, Experte für Direktzahlungen beim Bundesamt für Landwirtschaft: «Man hat dieses System umgestellt, mit dem Gedanken, dass man mit den Direktzahlungen die Leistungen entlöhnt.»

Vorerst keine Gesetzesänderungen vorschlagen

Wer statt einer naturnahen Fläche auf seinem grossen Betrieb zehn naturnahe Flächen bewirtschafte, leiste auch zehnmal mehr für die Natur und müsse dementsprechend entschädigt werden. Weil mit dem Systemwechsel neuerdings aber auch sehr reiche und sehr gut verdienende Bauern mehr Direktzahlungen bekommen, fordern die Kleinbauern, dass ein Teil dieser Zahlungen so umverteilt wird, dass Betriebe unter 25 Hektaren Grösse finanziell wieder stärker profitieren.

Für Bauernverbandspräsident Markus Ritter, der alle Bauern vertreten muss, ist das eine heikle Forderung. Sein Verband brauche jetzt erst verlässlichere Zahlen, sagt er: «Wir wollen das zuerst auf den Betrieben in Erfahrung bringen, bevor wir wieder Änderungen auf Verordnungs- oder auf Gesetzesstufe vorschlagen.» Das Seilziehen zwischen den grossen und den kleinen Betrieben hat also erst begonnen.