Kritik an Zwangsmedikation bei Ausschaffungen

Das Bundesamt für Migration bestätigt: Bei Zwangsausschaffungen wurden umstrittene Beruhigungsmittel gespritzt. Ärzte kritisieren diese Massnahme in der «Rundschau». Die ohnehin riskante Vollfesselung bei Ausschaffungen werde dadurch noch gefährlicher.

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Kritik an Ausschaffungspraxis

11 min, aus Rundschau vom 30.1.2013

178 Asylbewerber wurden letztes Jahr mit Zwangsmassnahmen der obersten Stufe ausgeschafft. Dabei wird ein Abgewiesener zum Beispiel mit Kabelbinder gefesselt und an einen Stuhl gebunden, er bekommt einen Helm, womöglich sogar einen Spuckschutz. Diese Form der Fesselung sei gefährlich, sagt der renommierte englische Kardiologe Richard Sutton in der «Rundschau».

In dieser Position bestehe die Gefahr, dass der Migrant in Ohnmacht falle. Wird ein Gefesselter ohnmächtig, muss er innert Sekunden hingelegt werden, gefolgt von raschen Notfallmassnahmen – was bei der gängigen Fesselung kaum möglich ist. «Wenn dieser Zustand anhält, kann das zu Hirnschäden führen oder sogar zum Tod», erklärt Sutton.

Dies bestätigt der Kardiologe Michel Romanens vom Verein Medizin und Ethik Schweiz. Romanens hat den Fall des 29jährigen Nigerianers Joseph Chiakwa beurteilt, der 2010 beim Zwangsausschaffungsprozedere starb. «Ich bin überzeugt, dass man diesen Mann hätte retten können, wenn man früh genug gemerkt hätte, was passiert», sagt er.

«Wir können schnell reagieren»

Dass Asylbewerber bei den Zwangsausschaffungen ernsthaft bedroht sind, dementiert  die Firma Oseara, welche im Auftrag des BfM solche Flüge medizinisch betreut: «Gemäss wissenschaftlichen Studien ist die Wahrscheinlichkeit eines Bewusstseinsverlustes bei gesunden Personen in dieser Situation sehr gering.» Und BFM-Sprecherin Gaby Szöllösy sagt: «So etwas ist noch nie passiert. Wir sind der Auffassung, dass wir in einem Notfall extrem schnell reagieren können.»

Gestellt Szene: Person sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gefesselt und ruhiggestellt: Das ist sehr gefährlich, warnen Mediziner. (gestellte Szene). Keystone

Die Ohnmachtsanfälle sind nicht das einzige Risiko bei Zwangsausschaffungen. Wie die «Rundschau» recherchierte, spritzten Oseara-Ärzte in drei Fällen den Auszuschaffenden zur Beruhigung das Medikament Ketamin. Ketamin wird zur Vorbereitung einer Narkose verwendet und kann halluzinogene Nebenwirkungen haben.

Hans Wolff von der Schweizerischen Akademie für medizinische Wissenschaften kritisiert diese Zwangsmedikation scharf: Wenn ein Patient gefesselt ausgeschafft werde, habe er bereits Stressreaktionen. «Mit Ketamin kann es da zu bedenklichen Nebenwirkungen kommen. Zu Halluzinationen, zu einer Überbelastung des Herzens und im Extremfall zu einem Herzversagen führen.»

Das Bundesamt für Migration rechtfertigt diese Praxis: «In diesen Fällen war der Erregungszustand der Migranten hoch. Es bestand die Gefahr, dass er sich selber verletzt oder die Erregung zur gesundheitlichen Gefährdung wird.»

Immerhin: Vorläufig verwenden Oseara-Ärzte kein Ketamin mehr – das BfM schreibt, es werde sich mit den Ärzten der Firma um eine Klärung der Situation bemühen.