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Schweiz Kulturkampf auf dem Pausenplatz

Just am Tag des Kopftuch-Urteils erscheint eine Gruppe Zürcher Schüler mit Edelweisshemden zum Unterricht – und wird zurückgepfiffen. Verständlich, sagt Jürg Brühlmann vom Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverband.

Zwei Schwinger beim Kampf.
Legende: Ringen um (Vor-)Macht – auch auf dem Schulhof? Der Aufmarsch der «stolzen Schweizer» wirft Fragen auf. Keystone

Am letzten Freitag waren die Blicke auf das Bundesgericht in Lausanne gerichtet. Dort entschieden die höchsten Richter, dass muslimischen Schülerinnen das Tragen des Kopftuchs im Unterricht nicht verboten werden darf. Ein jahrelanger Streit, der an einer St. Galler Schule seinen Anfang genommen hatte, wurde damit beigelegt.

Doch die Frage, ob religiöse Symbolik in öffentlichen Institutionen zulässig ist, wird die Gemüter weiter erhitzen. Und ebenso werden jene Stimmen nicht verstummen, die die Schweizer Identität durch «fremde religiöse Symbole» gefährdet sehen.

«Wir sind stolze Schweizer»

Ein Faible für identitätsstiftende Symbolik scheint auch eine Gruppe Sekundarschüler im zürcherischen Gossau zu haben. Just am Tag des langerwarteten Kopftuch-Urteils erschienen sie mit gemeinsamem Dresscode zum Unterricht: Allesamt trugen sie blau-weisse Edelweisshemden.

Was zunächst zum Schmunzeln anregt, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Seit längerem soll es an der Schule zu Spannungen zwischen Schweizer und balkanstämmigen Schülern geben. Die Hemdenträger gaben unumwunden zu, zeigen zu wollen, dass sie «stolze Schweizer» seien.

Eine Lehrerin wollte das «rassistisch» motivierte Statement nicht dulden – und verbot drei Sekundarschülern die Hemden. Die Schweiz war um ein skurriles Kleiderverbot reicher – das «Edelweisshemd-Verbot».

Die Schulleitung distanzierte sich in einem Communiqué vom eigenmächtigen Handeln der Lehrerin. In der «SonntagsZeitung», die den Fall publik machte, sprach Schulleiter Patrick Perenzin von einer «Überreaktion».

Deeskalierende Massnahme?

Doch der Fall zieht weiter Kreise: Neben der Verhältnismässigkeit des Verbots wird diskutiert, wie es um den Frieden auf Schweizer Schulhöfen steht. Jürg Brühlmann, der Chef-Pädagoge des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, erachtet die Schwingerfraktion «auf den ersten Blick für unproblematisch.» Immer schon hätten Schüler mit Frisuren oder Kleidung ihrer Anschauung Ausdruck verliehen.

Doch Brühlmann differenziert: «Wenn 13, vielleicht muskelbepackte Jugendliche auf dem Schulhof stehen, ist die Situation wohl nah am Eskalieren.» Dass eine Lehrperson dann interveniere, sei verständlich: «Wenn zwei Gruppen gegeneinander stehen, muss man das auffangen.»

«Früher wurde viel mehr geprügelt»

Kulturkampf auf dem Pausenplatz also, und damit jenseits des Erlaubten? «Als Lehrperson ist man sicher erschreckt, wenn man so etwas sieht», sagt Brühlmann. Für sie gehe es in einem solchen Fall um Deeskalation, «da kann es vorkommen, dass man überreagiert.»

Mittlerweile habe die Schule aber massvoll reagiert, führe Gespräche und habe das Thema in den Klassen aufgenommen. Dialog ist für den Pädagogen unabdingbar, um den sprichwörtlichen Zusammenprall der Kulturen an Schulen zu verhindern.

Abschliessend greift der Schweizer «Chefpädagoge» selbst zu einer deeskalierenden Massnahme. Er plädiert für Augenmass: «Es gibt keinen Trend zu mehr Gewalt. Derartige Probleme gab es auch in den 90er-Jahren, als bosnische Jugendliche aus Kriegsgebieten kamen; noch früher verprügelten in Bergregionen Schüler aus dem Tal diejenigen aus den Höhen.» Heute gebe es, schliesst Brühlmann, weniger offene Gewalt: «Früher wurde viel mehr geprügelt.»

63 Kommentare

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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Am meisten ärgerte ich mich an der Bezeichnung „Ethnohemden. Edelweisshemden gehören zur Schweiz und werden zum Schwingen und zur Arbeit getragen. Bedenklich ist für mich jedoch der Kopftuchentscheid des Bundesgerichts. Sehe ich die vielen Frauen mit Kopftuch und wallenden Gewändern beim Einkaufen, so ist das für mich keine schweizerische kulturelle Bereicherung. Sind wir nicht darauf bedacht, unsere Werte zu bewahren, so werden wir bald ein Teil von Arabien. Replik an ZO/AvU.
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  • Kommentar von Lucas Kunz (L'art pur l'art)
    Wie verlogen die ganze Sache Ist! Im Grunde geht's nicht um irgend welche Hemden, die erst seit wenigen Jahren zum Outfit der Schwinger gehören, heute im fernen Ausland produziert, (der Stoff auf alle Fälle) bis auf wenige Nähereien in der CH zusammengenäht werden, sondern um eine Schule und deren Konflikte auf dem Pausenhof in der fernen Pampas, wo man offensichtlich seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und wo sich der pubertierende SVP-Gemeinderat in Szene setzt und nun das Thema ausschlachtet
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    1. Antwort von paul waber (sandokan)
      Ja klar, wir müssen nur die SVP und den Nationalstaat Schweiz abschaffen, uns selbst etwas aufgeben und alles locker sehen, dann sind alle Probleme gelöst, Herr Kunz!
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    2. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Wo befindet sich denn die "fünfte Schweiz"? Mir scheint, dass SIE in den Pampas leben. Konflikte mit unseren lieben Migrationskindern beschränken sich nämlich nicht auf eine einzige Schule. Ausserdem scheint mir, dass unsere Politik die Hausaufgaben nicht gemacht haben, können sich doch die Ausländer hier beinahe alles erlauben, ausser rasen.
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    3. Antwort von Marlies Artho (marlies artho)
      Lukas Kunz Es geht hier um pubertierende Jugendliche.Die auf dem Pausenplatz ihre Kulturkämpfe austragen.In früheren Zeiten waren diese Kämpfe auch unter den Schweizerschüler vorhanden,aber es hatte unter seines gleichen statt gefunden.Es ging auch da,um die stärke Messung der einzelnen Schüler.Die Ausschlachtung machen Sie nun,in dem Sie einen unbeteiligten SVP-Gemeinderat diffamieren,es wird so nicht wahrer,wenn man unbeteiligte mit einbezieht,da viele selber beurteilen können was geschah.
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    4. Antwort von Lucas Kunz (L'art pur l'art)
      Herr Christmann, besuchen Sie den Tagi von heute und gehen auf den Artikel: «Der Schul-Stoff, an dem sich die Geister scheiden». Das was dort beschrieben wird, konnte ich auch zu Schulen mit hohem Migrationsanteil in Berlin erst kürzlich lesen - Die Probleme machen gewisse politische Kreise, die daraus Kapital schlagen. Frau Artho: Den pubertierenden Jugendlichen kann man's ja noch nachsehe... aber nicht den erwachsenen, offensichtlich pubertierenden Gemeinderäten! @ P.Waber: warum so aggressiv?
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    5. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Herr Kunz 13:55: Vielleicht liegt es ja daran, dass ich schulpflichtige Kinder habe und mich nicht mit handverlesenen, gesteuerten Artikeln aus den linken Medien behelfen muss.
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    6. Antwort von Lucas Kunz (L'art pur l'art)
      Herr Christmann, bleiben Sie mit beiden Füssen auf dem Boden und bleiben sachlich! PS: Tagi als "linkes Medium" zu bezeichnen? OK, ist Sache des Standpunks der Perspektive ... und schulpflichtige Kinder habe ich ebenfalls ... ...
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  • Kommentar von Werner Christmann (chrischi1)
    Bei uns wird seit geraumer Zeit schon zielstrebig an der Selbstaufgabe gearbeitet. Da reiht sich Mosaikstück an Mosaikstück. Unsere Berufsdefätisten haben leider leichtes Spiel weil ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung mittlerweile in der Gleichgültigkeit versunken ist. Was aber ganz traurig ist, dass unsere Jüngsten, die die Gefahr erkannt haben mit allen Mitteln abgewürgt werden .
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