Lager für Tamiflu bleibt – genauso wie Zweifel an der Wirksamkeit

Gerüstet gegen eine Grippe-Pandemie: Die Schweiz hat Tamiflu auf Vorrat angeschafft. Nun nähert sich das Verfalldatum der Tabletten. Der Bund will das Pflichtlager beibehalten – obwohl die Wirkung es Medikaments schwer umstritten ist.

Die Kritik an Tamiflu und dessen Produzentin Roche lässt nicht nach: Das Basler Pharmaunternehmen hält nach wie vor entscheidendes Datenmaterial zurück. Dies verunmöglicht, dass unabhängige Wissenschaftler die Wirksamkeit des Roche-Bestsellers überprüfen können. Umstritten ist vor allem, ob Tamiflu den Schweregrad der Grippeinfektion beeinflusst. Wissenschaftlich anerkannt ist nur, dass Tamiflu die Krankheitsdauer im Durchschnitt um 21 Stunden verkürzt.

Trotz dieser Kritik hält der Bund an Tamiflu fest. Patrick Mathys, Leiter der Sektion Pandemievorbereitung beim BAG, sagt: «Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir im Fall einer Pandemie an Tamiflu festhalten wollen. Die kritischen Diskussionen sind uns nicht neu», sagt er. Der Bund unterhält weiterhin ein so genanntes Pflichtlager.

Bei Roche in Basel sind Tamiflu-Kapseln für einen Viertel der Schweizer Bevölkerung reserviert. Finanziell trägt der Bund dabei kein Risiko, denn er hat sich einzig das Zugriffsrecht auf Tamiflu gesichert.

Schnellerer Zugriff aufs Pflichtlager

Im Gegensatz zum Pflichtlager löst der Bund allerdings seinen Notvorrat auf. Spätestens in drei Jahren läuft das Verfalldatum der rund 70'000 Packungen ab. Die Medikamente im Wert von knapp 2 Millionen Franken werden zu Sondermüll. Ersetzt wird dieser Notvorrat nicht – aus logistischen Gründen, wie Mathys sagt: «Das hängt damit zusammen, dass wir noch schneller Zugriff auf das Pflichtlager haben und nicht mit Fragen der Wirksamkeit.»

Nur die Bevölkerung beruhigen

Die Haltung der Gesundheitsbehörde kommen bei SP-Gesundheitspolitikerin Bea Heim nicht gut an: Solange unsicher sei, ob Tamiflu mehr nütze als ein Kamillentee, sei das Tamiflu-Pflichtlager des Bundes reines Placebo, das nur zur Beruhigung der Bevölkerung diene. «Wenn man im Rahmen des Pandemieplans von behördlicher Seite an Tamiflu festhält, dann ist das sehr fragwürdig», sagt sie.

Nicht wenige Kantonsapotheker zweifeln ebenfalls an Tamiflu. Sie sagen dies aber nur hinter vorgehaltener Hand. Die meisten lagern heute kein Tamiflu mehr, wie eine Umfrage bei den Kantonsapotheken zeigt. Allfällige Notvorräte werden nicht mehr ersetzt, zum Beispiel die je 5000 Packungen in Freiburg und Neuenburg. Offiziell geben die Kantone an, das Pflichtlager des Bundes genüge bei einer Grippepandemie.

Keine Alternative zu Tamiflu

Nationalrätin Bea Heim fordert das BAG auf, den Entscheid zum Pflichtlager nochmals zu überdenken. Auch Pandemie-Spezialist Mathys sagt zwar, Tamiflu sei kein Wundermittel. Aber man habe keine bessere Alternative: «Wenn wir eine schwere Pandemie haben sollten, ist der Einsatz von Tamiflu die einzige Möglichkeit, die wir haben. Es gibt keine Alternativen im Moment.»

Und das dürfte bis auf weiteres so bleiben. Bis Ende Jahr wird der aktuelle Pandemieplan Schweiz nochmals überarbeitet. Und so kann man davon ausgehen, dass Tamiflu – trotz umstrittener Wirksamkeit – weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Pandemieplans bleiben wird.