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Schweiz Lehrer kämpfen auf der Strasse gegen Kahlschlag

Es wird zu viel auf dem Buckel der Bildung gespart: Dieser Meinung sind die Schweizer Lehrer, die in letzter Zeit auffällig oft auf die Strasse gegangen sind, um gegen die Sparübungen zu protestieren. So wie heute in Aarau.

Legende: Video Lehrer, Staatsangestellte und Polizisten auf der Strasse abspielen. Laufzeit 02:33 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 08.11.2016.

Erst im Tessin, dann in Luzern und jetzt auch noch im Kanton Aargau: Zum wiederholten Mal gehen in diesem Jahr die Lehrer auf die Strasse und demonstrieren – gegen immer grössere Klassen, immer mehr Pflichtstunden und immer weniger Lohn.

Rund 6'000 Lehrpersonen und Staatsangestellte demonstrieren heute gegen Sparmassnahmen bei Bildung und beim Personal. Die Lehrer fordern, dass die Bildungs-Sparmassnahmen ihres Kantons verworfen werden.

«Verfehlte Finanzpolitik»

Man wolle ein «klares, unübersehbares und starkes Zeichen setzen», sagte Lehrerverbandspräsidentin Elisabeth Abbassi. Man mache sich Sorgen um den Kanton Aargau. Viele Leute seien nicht bereit, die Zeche für die völlig verfehlte Finanzpolitik der vergangenen Jahre zu bezahlen.

Der Regierungsrat und die bürgerliche Mehrheit im Grossen Rat wollen weiterhin einen Sparkurs fahren. Der Regierungsrat schlägt im Budget 2017 über 70 Massnahmen vor, die den Staatshaushalt um 60 Millionen Franken entlasten sollen. Die Staatsangestellten und Lehrpersonen sollen 2017 keine Lohnerhöhung erhalten.

Schweizweit zweitschlechtester Lohn

Gerade diese Lohnkürzungen stossen den Aargauer Lehrern sauer auf: Im kantonalen Vergleich verdienen sie bis zu 20'000 Franken weniger als ihre Kollegen, nur im Kanton Bern werden Lehrer schlechter bezahlt.

Porträt von Beat W. Zemp.
Legende: Beat W. Zemp sorgt sich um die Zukunft der Lehrpersonen. Keystone

Die kantonalen Sparübungen beunruhigen auch Beat W. Zemp, den Präsidenten des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer (LCH). «Seit 1993 gab es praktisch keine Lohnerhöhungen. Die Löhne jetzt sogar zu kürzen, ist das Dümmste, das wir tun können.» Wenn die Attraktivität des Lehrberufes noch weiter sinke, komme die Schweiz bald in eine Notsituation, weil dann niemand mehr unterrichten wolle.

«Natürlich sind alle Lehrerstellen zu Beginn eines Schuljahres besetzt», beschwichtigt Zemp. «Aber wenn die Auswahl an guten Lehrpersonen zu klein ist, leidet die Unterrichtsqualität», erklärt der höchste Lehrer. Und damit auch die Bildung der Schüler.

Es droht ein Kahlschlag.
Autor: Beat W. ZempDirektor Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Schon seit längerem hadert der LCH mit der Situation seiner Mitglieder. Mit den Sparübungen der Kantone, mit denen das Unterrichtsangebot verkürzt, Halbklassenunterricht gestrichen und die Klassen vergrössert werden, komme das Bildungssystem in eine Notlage: «Es ist ein Kahlschlag, der droht», warnt Zemp.

Dies sei nicht nur eine Beobachtung von ihm, sondern wissenschaftlich belegt: Eine Studie des Dachverbandes zeige, dass die berufsspezifischen Belastungen der Lehrer auch gesundheitliche Auswirkungen habe. Und dies sei bereits heute spürbar: «Wir sehen die Tendenz, dass immer mehr Lehrpersonen nur noch Teilzeit arbeiten, weil die Belastung zu gross ist.»

EDK-Präsident Christoph Eymann fordert mehr «Wertschätzung»

EDK-Präsident Christoph Eymann fordert mehr «Wertschätzung»
Der Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) Christoph Eymann zeigt Verständnis für die Protestaktion. Es sei eine Zeit, wo Lehrerinnen und Lehrer grosse und wichtige Aufgaben samt diverser Reformen bewältigen müssten. Wenn dann noch an den Arbeitsbedingungen «herumgeschraubt» werde, sei Widerstand nachvollziehbar.

Angesprochen auf die im kantonalen Vergleich tiefen Aargauer Löhne stellt Eymann fest, es sei an sich schwierig, Sparvorgaben im grossen Bereich der Bildung umzusetzen, ohne dass der Unterreicht leidet. Das gelinge ab einer gewissen Summe nicht mehr. Deshalb sei es schwierig, auch vor dem Hintergrund der bestehenden Lohnunterschiede, etwas zu tun. Eine Harmonisierung der Lehrergehälter hält Eymann aufgrund der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten je nach Ort weder für möglich noch für erstrebenswert.

Zum Umstand, dass die Anliegen der Lehrerschaft nur wenig Gehör in der Bevölkerung finden und das Image des Berufs nicht besser geworden ist, sagt Eymann: «Die Lehrer haben eine sehr schwierige Aufgabe und sie tun diese gut in diesem Land. Da sind wir als Gesellschaft, Eltern, Staatsbürgerinnen und -bürger gefordert. Die Wertschätzung muss deutlich erhöht werden, teilweise wahrscheinlich auch im monetären Bereich.» Doch dies hänge wiederum davon ab, was jeder Kanton angesichts der Sparmassnahmen verkraften könne.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Zur Beurteilung wäre es interessant zu erfahren wieviel der Minimal- und der Maximaljahreslohn eines Lehrers mit 12? Wochen Ferien im Jahr beträgt. .
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    1. Antwort von Martin Degen (made)
      Für eine adäquate Beurteilung fehlt jedoch der Vergleich mit der freien Marktwirtschaft, wo dieselben Skills vorausgesetzt werden und gleiche Rahmenbedingungen herrschen. Wenn Sie dann noch die tatsächliche Jahresarbeitszeit vergleichen, kann es womöglich sein, dass man in der Wirtschaftsbranche letztendlich mehr Erholungszeit (sprich "Ferien") hat als im Lehrerberuf.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Zeit für eine Anzeige wegen Pflichtverletzung!
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Als Anmerkung: Die Direktor der Bezirksschule Frick (ein Deutscher) hat von den Schülern verlangt, dass ihren "Paragraph" (ein halber Tag schulfrei) einziehen, damit die Lehrer in Aarau demonstrieren gehen können.... Die Lehrer haben an einem Dienstagnachmittag zu unterrichten, ihrer Pflicht nachzukommen und nicht zu demonstrieren. Von mir aus können die Lehrer am Samstag demonstrieren oder am Sonntag oder während den Ferien. Aber sicher nicht dann, wenn die Kinder ausgebildet werden müssen!
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    1. Antwort von S. Platter (S.Platter)
      @J-P Ducrey: Seien Sie froh, das die Lehrer auf die Strasse gehen und unterstützen Sie sie dabei. Was sonst passieren kann sieht man gut in Luzern, wo die Schüler diesen Oktober eine Woche Zwangsferien hatten! Eine Woche! Also vielleicht doch lieber einen Paragraphen-Nachmittag dafür einsetzen, oder? Scheint mir eigentlich eine gute Investition zu sein aus Sicht von Schülern/Eltern!
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @ Platter: Nur weil die einen das nicht im Griff haben, heisst das nicht dass die andern ebenfalls ihre Pflicht verletzen müssen. "Der andere hat aber auch" ist eine Aussage, die erwachsene Menschen disqualifiziert.
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