Lehrplan 21 – von wegen Harmonie

Das Projekt soll den Schulstoff in der Deutschschweiz vereinheitlichen. Leichter gesagt, als getan: In immer mehr Kantonen wächst der Widerstand. Statt Eintracht droht ein Scherbenhaufen.

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Bildlegende: Lehrplan 21? Auch die Kantone hätten da noch ein paar Fragen. Colourbox

In allen 21 Deutschschweizer Kantonen soll der Schulstoff harmonisiert, also vereinheitlicht werden. Doch der Widerstand hält an. In 13 betroffenen Kantonen wurden Initiativen oder Vorstösse gegen diesen Lehrplan lanciert. Die Frage stellt sich: Ist das Projekt vor dem Aus?

«Nein, der Lehrplan 21 droht nicht zu scheitern», sagt Christoph Mylaeus, Geschäftsleiter der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz: «Auch wenn man in einzelnen Punkten unterschiedlicher Meinung sein kann, wird der Lehrplan in den Grundzügen so unterstützt, wie er jetzt vorliegt.»

Beschlossene Sache? Mitnichten

So haben erste Kantone – die beiden Basel – im laufenden Schuljahr mit der Einführung des neuen Lehrplans begonnen. Und weitere 13 Kantone haben die Einführung beschlossen. Obwohl das Projekt also schon weit fortgeschritten ist, ist es nicht unter Dach und Fach, weil eben in vielen Kantonen Initiativen gegen den Lehrplan laufen.

Gegenwind für den Lehrplan 21

4:41 min, aus Echo der Zeit vom 11.03.2016

Es sind vor allem konservative Kräfte, die den Lehrplan bekämpfen, aber auch Vertreter aus linken und liberalen Kreisen – und ein Teil der Lehrerschaft. Der Bieler Lehrer Alain Pichard gehört zu den lautesten Kritikern. Er begrüsst den Widerstand in den Kantonen: «Es ist eindeutig etwas am Wachsen. Je länger, je mehr dringen diese grundsätzlichen Änderungen zur Lehrerschaft durch – und so langsam erwacht sie.»

Unmut bei der Lehrerschaft

Tatsächlich haben sich zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer in den vergangenen Monaten gegen den Lehrplan geäussert. Sie stören sich an der Kompetenzorientierung. Das heisst: Der neue Lehrplan gibt nicht mehr vor, was die Schüler wissen müssen, sondern was sie können müssen. Die Kritiker glauben, der Schulstoff könnte zu kurz kommen, es zähle nur noch die Anwendung des Wissens.

Weiter befürchten sie, dass mit dem neuen Lehrplan eine flächendeckende Testkultur an den Schulen eingeführt werde. Ausserdem greife der Lehrplan in die Freiheit der Lehrer ein: «Mit der Kompetenzorientierung, mit der Detailliertheit, ist ein Steuerungsversuch da.» Man wolle den Lehrern nicht nur sagen, was sie machen, sondern wie sie es machen müssten.

«  Volksabstimmungen über einen Lehrplan machen einfach keinen Sinn. Das ist viel zu komplex. »

Beat Zemp
Zu den kantonalen Urnengängen zum Lehrplan 21

Doch trotz dieser Kritik aus der Lehrerschaft: Insgesamt stehe die Mehrheit der Lehrpersonen hinter dem neuen Lehrplan, sagt Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes. In 13 Kantonen verlangen Initiativen, dass das Parlament oder das Volk über die Einführung des Lehrplans entscheiden kann.

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Bildlegende: Jahrelange Überzeugungsarbeit – und trotzdem wachsender Widerstand: Der Lehrplan 21 fordert Beat Zemp. Keystone

Zemp findet, das sei der falsche Weg: «Volksabstimmungen über einen Lehrplan machen einfach keinen Sinn. Das ist viel zu komplex.» Es gebe einzelne Punkte, die stark umstritten seien, so Zemp, etwa das Fremdsprachenkonzept: «Und hier wird der Lehrplan 21 als Vehikel missbraucht, um gewisse Dinge zu verhindern. »

So ist gerade die Fremdsprachenfrage gar nicht Teil des Lehrplanes. Ob die Primarschüler eine zweite Landessprache oder Englisch lernen sollen, ist noch ungeklärt. Sie ist vom Lehrplan aber ausgeklammert. Trotz des Widerstandes in verschiedenen Kantonen: Zemp glaubt nicht, dass der Lehrplan noch scheitern könnte: «Es steht in unserer Bundesverfassung, dass die Ziele der Bildungsstufen harmonisiert werden müssen. Diesen Auftrag müssen wir umsetzen, daran führt kein Weg vorbei.»

Legen die Stimmbürger ihr Veto ein?

Es kann jedoch sein, dass die Stimmbürger in einem Kanton den Lehrplan 21 ablehnen. Christoph Mylaeus von der Erziehungsdirektorenkonferenz erklärt, was das bedeuten würde: «Dann müsste der betreffende Kanton einen eigenen Lehrplan entwickeln. Der müsste aber so ausgerichtet sein, dass die vom Lehrplan 21 vorgegebenen Ziele umgesetzt werden können.»

Aber eine Ablehnung hätte natürlich Signalwirkung. Ähnlich war die Situation vor acht Jahren beim Projekt HarmoS, dem allgemeinen Harmonisierungsprojekt der Schweizer Volksschule. Bei HarmoS ging es etwa um die Schuldauer, um Blockzeiten und um Lernziele. Der Widerstand gegen das Projekt nahm mit der Zeit zu. Schliesslich lehnten sieben Kantone den Beitritt ab. Am Ende resultierte statt einer Vereinheitlichung ein Flickenteppich.

Passiert nun das Gleiche beim Lehrplan 21? Bereits die nächsten Monate werden erste Entscheide bringen: Im April stimmt die Appenzeller Landsgemeinde darüber ab, ob das Volk bei der Einführung des Lehrplans 21 mitreden soll. Und im Juni befindet die Stimmbevölkerung im Kanton Baselland über die gleiche Frage.