Luftrettung: Politik und Markt sind gleichermassen gefordert

Im internationalen Vergleich steht die Luftrettung in der Schweiz sehr gut da. Das ist die Meinung von Martin Gappisch. Der Direktor des Schweizerischen Interverbandes für das Rettungswesen sieht dennoch Handlungsbedarf: Bei den Rettungsanbietern, aber auch auf politischer Ebene. Ein Gespräch.

Portrait des IVR-Direktors Martin Gappisch, lachend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: IVR-Direktor Martin Gappisch: Auch die Politik muss im Rettungswesen alte Zöpfe abschneiden. ivr

Der TCS und die Rega liegen sich im Kanton Aargau in den Haaren. Der TCS möchte mit seinem gelben Helikopter vermehrt in der Luftrettung Primäreinsätze fliegen. Die Rega möchte das nicht und noch viel weniger möchte sie mit dem neuen Marktteilnehmer zusammenzuarbeiten.

Die Haltungsbegründungen auf beiden Seiten sind erwartungsgemäss überzeugend. Im Hickhack um Gerätequalität, Alarmierungsprioritäten und Kostengenese bleiben für den risikosensiblen Bürger indes wichtige Fragen unbeantwortet:

Brauchen wir denn überhaupt mehr Luftrettungs-Kapazitäten im Land? Reicht die Rega nicht? Und unabhängig davon, soll die Organisation des Luftrettungswesens tatsächlich dem freien Markt und seiner Nachfragelogik überlassen werden?

Das Image ist die Währung

Was im Gespräch mit dem Direktor des Schweizerischen Interverbandes für Rettungswesen rasch klar wird: Das Rettungswesen ist zum einen kein wirklicher Markt. Und zum anderen reich an intervenierenden Aspekten.

«Im Notfallwesen kann und soll man die Zahl der Einsätze und damit den Markt nicht stimulieren», sagt Gappisch. Werbemassnahmen dienen nicht dazu, zusätzliche Notfalleinsätze zu erzeugen. Von grösserer Bedeutung ist die Luftrettung für das Image-Management eines Anbieters. Gappisch erinnert an die «gelben Engel» des deutschen ADAC und des österreichischen ÖAMTC. Für Anbieter wie die Rega oder den TCS ist das Geschäft mit dem guten Ruf vermutlich zentral. Denn deren Einkünfte für alle Dienstleistungen hängen zu einem namhaften Teil vom guten Willen der Gönner und Mitglieder ab.

Dies verdeutlicht sich noch weiter, schaut man sich die Fallzahlen an. Pro Jahr werden in der Schweiz lediglich etwa 12'000 Rettungseinsätze mit Helikopter durchgeführt, davon 3500 Verlegungsflüge. Am Boden, mit Ambulanzfahrzeugen, werden in der ganzen Schweiz über 400'000 Einsätze gefahren. Zwei Drittel davon sind Primäreinsätze.

Krankenwagen teurer als Spital

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Entscheid zu Helikopter-Streit

Das Aargauer Gesundheitsdepartement behält beim Thema Luftrettung den Status quo bei. Dies bedeutet, dass weiterhin zuerst der TCS/AAA-Heli aufgeboten wird. Mehr dazu hier.

Wenn man die Frage nach Sinn und Unsinn einer marktwirtschaftlichen Organisation des Rettungswesens stellt, kommt man nicht um Detailfragen herum. Gappisch verweist in diesem Zusammenhang auf die zurzeit gängige Kostenregelung. «Vor rund zwanzig Jahren wurde eine wenig befriedigende Regelung zur Bezahlung von Rettungseinsätzen für den Bereich der Krankenversicherung festgelegt. Damals galten die meisten Rettungseinsätze Unfallopfern und im Bereich der Unfallversicherung gibt es eine gute Lösung.» Heute werden die Rettungsdienste vor allem bei Krankheit beansprucht.

Bei Krankeneinsätzen tragen die Kassen aber nur die Hälfte der Kosten (bei Unfällen die gesamte Summe). Das hat dazu geführt, erklärt Gappisch, dass ein Herzinfarkt-Patient für seine achtwöchige stationäre Behandlung über den Selbstbehalt bei seiner Kasse ein Bruchteil dessen berappen muss, was ihn die Fahrt ins Spital kostet.

Hinzukommt die angepeilte Spezialisierung. Nicht mehr jedes Spital soll alle Bereiche der Spitzenmedizin anbieten. Das führt nach Ansicht Gappischs automatisch zu mehr Verlegungsflügen.

«  Wird der Markt nicht sinnvoll reguliert, führt das zu Verteuerung. »

Martin Gappisch
IVR-Direktor

Dass in diesen vielseitig beeinflussten Markt neue Anbieter stechen, ist für Gappisch kein grundsätzliches Problem. Der TCS hat diesen Markt sicherlich vitalisiert. «Es wird nun vermehrt über das Rettungswesen gesprochen, und das ist dringend nötig», sagt Gappisch. Wenn man das Rettungswesen aber dem Markt überlassen wolle, dann müssten alle Anbieter mit gleich langen Spiessen antreten, fordert Gappisch.

Eine Rettungszentrale zum Beispiel kostet viel Geld. Allein der Umbau für die Zentrale des Zürcher Dienstes Schutz & Rettung am Flughafen hat rund 20 Millionen Franken verschlungen. «Auch die Rega hat ihre Zentrale selber finanziert», sagt Gappisch, «dass die jetzt nicht einfach die Einsätze des TCS mitplanen will, ist nicht ganz unverständlich.»

Auch eine andere Praxis ist prekär. Neue Anbieter etablieren sich im Bereich der Verlegungen von Patienten. Wenn sie daneben Zeit hätten, sollten sie nach ihrem Willen für die Primärrettung beigezogen werden. Für Anbieter wie die Rega bedeutet das aber, dass sie ihre jetzige Verfügbarkeit technisch und personell beibehalten muss, für den Fall, dass der zusätzliche Anbieter gerade mit Verlegungseinsätzen beschäftigt ist. Gleichzeitig geht für etablierte Organisationen das Auftragsvolumen zurück bei gleichbleibenden Vorhaltekosten. Das führt allgemein zu Mehrkosten.

Was ist genug?

Dennoch, für Gappisch ist klar: Die verschiedenen Anbieter sollten zumindest was die Alarmierung angeht, zusammenspannen. «Sonst führt das zu Verteuerung für alle.»

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Martin Gappisch und der IVR

Martin Gappisch ist seit 2005 Direktor des Interverbands für Rettungswesen. Der Verband kümmert sich um die Förderung und Koordination des schweizerischen Rettungswesens. Er unterstützt Aus-, Weiter- und Fortbildung der im Rettungswesen tätigen Personen. Und er fördert die Qualitätssicherung, u.a. mit der Durchführung von Anerkennungsverfahren.

Aber auch auf der politischen Seite müssen die gängigen Gesetze für Gappisch an die heutige Realität angepasst werden. Nur wenn beide, Rettungsanbieter und Politik, den Bürger und seine Sicherheit im Auge hätten, könnte mittelfristig mit sinnvollen Lösungen gerechnet werden.

Aber genau auch dieser Bürger ist letztlich ein einflussreicher Faktor in der Frage nach dem ausreichenden Mass an Rettungskapazitäten in der Schweiz. Die Schweizer Luftrettung steht im internationalen Vergleich sowohl technisch, als auch organisatorisch und mengenmässig sehr gut da. «Aber es ist unbestritten», führt Gappisch an, «dass die Anspruchshaltung der Bevölkerung Jahr für Jahr kontinuierlich steigt.»

Groteske Bedürfnisse

In diesem Sinne ist wohl auch die Nachfrage politisch zu regulieren. Denn, was an Rettungskapazität nötig ist, wer sie bereitstellt und wer wie viel davon bezahlen will, hängt nicht unwesentlich von unserer Anspruchshaltung ab», sagt Gappisch und illustriert dies mit einer Anekdote.

Neulich ging in einer Zürcher Sanitätsnotrufzentrale 144 ein Notruf ein. Ein Mann läge bewegungslos beim Central auf der Strasse, meldete der Anrufer. Ein Rettungswagen müsse her. Auf die Frage des Rettungssanitäters, ob der Mann denn noch bei Bewusstsein sei, kam eine ebenso überraschende wie bezeichnende Antwort: «Woher soll ich das wissen, ich sitze im Tram und bin vorbei gefahren.»