Mehr Suizidversuche bei extremer Überbelegung in Champ-Dollon

Champ-Dollon – die Adresse steht für untragbare Haftbedingungen in der Schweiz. Gerade rügte das Bundesgericht die Zustände im grössten Genfer Gefängnis als menschenrechtswidrig. Nun zeigt eine medizinische Studie: Die massive Überbelegung führt zum explosionsartigen Anstieg der Selbstmordversuche.

Die Genfer Haftanstalt Champ-Dollon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Genfer Haftanstalt Champ-Dollon ist wegen Häftlingsselbstmorden immer wieder in den Schlagzeilen. Keystone/Archiv

Das Genfer Untersuchungsgefängnis Champ-Dollon hat Platz für knapp 380 Häftlinge. Tatsächlich aber sperrte Genf dort bis zu 903 Häftlinge ein.

Der Chefarzt für die Genfer Gefängnisse, Hans Wolff, erzählt von zu dritt belegten Einzelzellen: Ein Doppelbett und eine Matratze auf dem Boden – das bedeutet, dass der jeweils schwächste Häftling auf dem Boden schläft. «Er muss damit rechnen, dass auf ihn getreten wird, manchmal gar absichtlich, denn er ist das niederste Glied in dieser Hackordnung.»

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Bildlegende: Der Chefarzt für die Genfer Gefängnisse, Hans Wolff: SRF/Sascha Buchbinder

Der Alltag im Gefängnis ist an sich hart. Unmenschlich ist er in einem Gefängnis, das zu 240 Prozent belegt wird. Die Folgen lassen nicht auf sich warten, wie Wolff schildert: «Wir konnten wirklich in Echtzeit beobachten, dass bei stark steigenden Zahlen die meisten Erhängungsversuche stattfanden.»

Die Genfer Gefängnisärzte sahen genau hin und fassten ihre Beobachtungen in einer Studie zusammen, welche den Zusammenhang von Überbelegung und Selbstmorden untersuchte. Laut Wolff verdreifachte sich die Zahl der Selbstverletzungen. Gar verzehnfacht habe sich die Zahl der Erhängten wie auch der Erhängungsversuche.

«  Die Zahl der Personen, die sich erhängt haben oder Erhängungsversuche gemacht haben, hat sich verzehnfacht. »

Hans Wolff
Leitender Arzt, Gefängnis Champ-Dollon

Das ist eine extrem heikle Aussage: Denn Selbstmorde im Gefängnis sind keine Privatsache. Der Staat ist verantwortlich für seine Häftlinge.

Wolff stellt dazu fest: «Wir haben die anderen möglichen Faktoren geprüft: Die Zusammensetzung der Häftlinge, die Nationalitäten, das Altersprofil, die psychiatrischen Krankheiten. Aber wir haben bei keinem dieser Faktoren Veränderungen gefunden. Somit können wir doch sagen, dass der Hauptfaktor der gestiegenen Suizidversuche wahrscheinlich die Überbelegung ist.»

Generaldirektor: Vertiefte Untersuchung nötig

Und was sagen die Verantwortlichen dazu? Der Generaldirektor der Genfer Gefängnisse, Philippe Bertschy, räumt nach der Lektüre der Studie besorgt ein: «Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen Suiziden, Suizidversuchen, Autoaggression und Überbelegung.» Das nehme der Staat natürlich sehr ernst. Allerdings müsse das noch vertieft untersucht werden.

«  Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen Suiziden, Suizidversuchen, Autoaggression und Überbelegung. »

Philippe Bertschy
Generaldirektor der Genfer Gefängnisse

Genügend Plätze erst ab 2020

Vor allem aber unterstreicht Bertschy, dass die Lage inzwischen ganz anders sei. So seien heute nicht mehr 900, sondern nur noch 670 Häftlinge in Champ-Dollon eingesperrt. Ausserdem werde die Zahl der regulären Betten von 380 auf 400 erhöht. Auch könnten demnächst weitere Häftlinge in andere Gefängnisse verlegt werden. Damit sei der Stress deutlich gesunken.

Und mit den Neubauten von insgesamt drei Anstalten sollten laut Betschy bis 2020 genügend Plätze vorhanden sein, damit die Genfer Gefängnisse nicht mehr regelmässig überbelegt sind.

Belegung immer noch 170 Prozent

Eine Verbesserung beobachtet auch Gefängnisarzt Wolff: Die Zahl der Selbstmordversuche sank letztes Jahr von 89 auf 34 Fälle. Weniger Selbstmordversuche dank weniger Überbelegung – die jüngsten Zahlen bestätigen seine These.

Doch Wolff betont: «Das Problem ist noch lange nicht gelöst. Wir haben immer noch bei 170 Prozent Überbelegung in Champ-Dollon.»

Mit der Überbelegung trägt Genf weiterhin die Verantwortung für eine zu hohe Zahl an Selbstmordversuchen, wobei jedes Mal die Gefahr besteht, dass ein Versuch nicht mehr rechtzeitig entdeckt wird.