Zum Inhalt springen
Inhalt

Studie zu Gewalt an Senioren: Misshandlungen von Betagten passieren meist zu Hause

Ein schockierender Fall aus dem Kanton Glarus rüttelt die Öffentlichkeit auf. Betagte in einem Pflegeheim seien gefesselt und vernachlässigt worden. Das ist kein Einzelfall. Eine neue Studie zeigt, dass die meisten Misshandlungen an alten Menschen nicht in Heimen, sondern zu Hause vorkommen.

Legende: Video Gewalt gegen Senioren abspielen. Laufzeit 03:48 Minuten.
Aus 10vor10 vom 06.03.2017.

Es hört sich nach einem Albtraum für Senioren an: Stundenlang an einen Stuhl gefesselt sein. Angebunden auf der Toilette das Frühstück einnehmen müssen.
Diese Vorwürfe in der Kleinwohngruppe Oberurnen im Kanton Glarus haben Mitarbeitende in der Zeitung «Südostschweiz» publik gemacht. Sie klagten über unzumutbare Zustände im Wohnheim und über leidende Senioren. Eine Untersuchung des Kantons Glarus bestätigt nun Missstände im Heim.

Am Stuhl angebunden

Die zuständige Regierungsrätin Marianne Lienhard sagt in der Sendung «10vor10», man habe aufgrund der Beschwerde eine Untersuchung gestartet und nun Massnahmen beschlossen. Als besonders gravierend beurteilte die Glarner Regierung das unzulässig lange Festbinden der Betagten an Stühlen und in der Toilette. Auch hätten die Betagten das Frühstück auf der Toilette angebunden essen müssen.

Der Trägerverein der Wohngruppe betont gegenüber «10vor10», die Betagten seien weder gefesselt noch gequält worden. Das Anbinden sei zum Schutz der Betagten geschehen. Man habe bereits Korrekturen vorgenommen.

Gewalt zu Hause ist viel häufiger

Immer wieder sorgen Misshandlungen in Heimen für Schlagzeilen. Doch an die Öffentlichkeit dringen nur wenige Fälle. Seit Jahren kümmert sich die Unabhängige Beratungsstelle fürs Alter um die Sorgen der Betagten. Immer mehr Menschen wenden sich an die Beratungsstelle, die in der ganzen Schweiz tätig ist. Ihre Statistiken zeigen: Die meisten Vorfälle finden nicht in Heimen, sondern zu Hause statt.

«In den Heimen ist immer noch jemand da, der etwas sieht. Aber zu Hause geschehen viele Misshandlungen unbemerkt», sagt Albert Wettstein. Der ehemalige Stadtarzt von Zürich ist seit mehreren Jahren für die UBA unterwegs. Gewalt an Betagten nehme viele Formen an, weiss der Experte:

  • Psychische Gewalt: Beschimpfungen, Drohungen
  • Physische Gewalt: Rütteln, Schlagen, Anbinden.
  • Finanzielle Gewalt: Geld unterschlagen, einen Vertrag zum Nachteil des Betagten unterschreiben lassen.
  • Vernachlässigung: Medizinische Hilfe untersagen, nicht beim Duschen helfen, Kleider oder Einlagen nicht wechseln.

Angehörige sind oft überfordert

Viele dieser Handlungen passieren nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Überforderung. Das hat Barbara Baumeister in einer Untersuchung festgestellt. Die Dozentin an der Zürcher Hochschule ZHAW hat mit ihrem Team eine der wenigen Studien zum Thema häusliche Gewalt an Betagten verfasst.

«Vieles spielt sich im Dunkeln, Verborgenen ab», sagt Baumeister. Sie hat Hunderte von Einzelfällen untersucht und mit vielen Fachstellen und Pflegepersonal Interviews geführt. Alle seien mit dem Problem konfrontiert. Was sie erstaunt hat: «Das grösste Problem ist, dass viele gar keine Hilfe annehmen», sagt die Expertin.

Häufig ist es der Ehemann, der mit der dementen Ehefrau nicht mehr weiter weiss. Oder es ist die Tochter, die den Vater ans Bett bindet, während sie zur Arbeit muss.

Viele holen zu spät Hilfe

«Viele Betreuungspersonen schlittern in eine Situation hinein. Sie sind sich gar nicht bewusst, was das an Zeit und Kraft kostet. Und dass es immer schlimmer wird», erklärt Barbara Baumeister.

Angehörige müssten früh genug über die Probleme reden und sich unbedingt Hilfe holen. Ihre Untersuchung hat eindrücklich gezeigt: Es bringt oft nichts, von Tätern und Opfer zu reden: «Sowohl die Betagten als auch ihre Betreuungspersonen leiden unter der Situation.»

Hier finden Betroffene Hilfe

Die Unabhängige Beratungstelle fürs Alter (UBA) berät Betagte und Angehörige bei Beschwerden oder Problemen hinsichtlich des Wohnens, der Finanzen, der Krankenkasse, der Betreuung und Pflege in der Familie oder in Alters- und Pflegeheimen, Spitex.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Die Problemsituationen und Misshandlungen von Betagten zu Hause und Heimen sind immer noch mit einem Tabu belegt. Betagte, die Gewalt in den eigenen vier Wänden erdulden, vertrauen sich hingegen nur selten Dritten an. Die Opfer befürchten, von den Angehörigen zu Hause noch mehr gepeinigt zu werden, und lassen die entwürdigenden Behandlungen schweigend über sich ergehen. Alle haben eine soziale Verpflichtung, ihr Umfeld aufmerksam zu beobachten und Auffälligkeiten nötigenfalls zu melden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Wir können so etwas wie eine "Bürgerwehr" gegen Misshandlungen von alten Menschen machen. Früher gab es diese, da die Menschen noch mehr aufeinander geschaut haben. Die Familie und jeder Nachbar sorgte im Notfall für Unterstützung. Wenn jeder gesunde Mensch unter 70 Jahren sich ein oder zwei ältere Menschen zum "Freund" oder "Kolleg" macht und dort etwas vermehrt hinschaut (1xproWoche. zusammen einkaufen) könnte man verhindern, dass alte Menschen missbraucht werden.Man muss aber 100% loyal sein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Fürer (Hans F.)
    Jedenfalls sollte man immer erst beide Seiten anhören, bevor man urteilt. Dass man jemanden zwingt, angebunden auf der Toilette zu frühstücken, kann ich mir kaum vorstellen, dass man jemanden sicherheitshalber während der Mahlzeit am Esstisch "festbindet", kann durchaus sinnvoll sein, denn schliesslich kann sich ja nicht jemand von der Pflege die ganze Zeit über am Tisch aufhalten und die betreute Person so im Auge behalten, dass es zu keinem Unfall kommt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen