Mit Insekten gegen Armut: Walliser erhält Alternativen Nobelpreis

Seit Jahrzehnten kämpft er gegen die Hungersnot – mit Erfolg: Millionen Menschen in Afrika verdanken ihm ihr Leben. Nun hat der Insektenforscher Hans Rudolf Herren als erster Schweizer den Alternativen Nobelpreis erhalten. Er gilt als führender Experte in der biologischen Schädlingsbekämpfung.

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«10vor10»-Serie Visionäre: Der Insektenforscher

4:38 min, aus 10vor10 vom 15.7.2009

Hans Rudolf Herren ist Insektenforscher. Seine Feinde heissen Maniok- oder Mango-Schmierlaus oder auch Stängelbohrer – Insekten, die Bohnen oder Mais fressen und ganze Ernten dahinraffen können. Statt auf giftige Chemikalien setzt der Agronom seit Jahrzehnten erfolgreich auf die natürliche Schädlingsbekämpfung. Mit seinen Projekten hat der Schweizer Millionen Menschen in Afrika vor dem Hungertod bewahrt. Dafür hat Herren jetzt gemeinsam mit seiner Stiftung Biovision den Right Livelihood Award erhalten.

Herren wuchs als Sohn eines Landwirts im Unterwallis auf. Er lernte schon als Kind die negativen Auswirkungen von Pestiziden kennen und interessierte sich für natürliche Alternativen. Nach seiner Promotion an der ETH Zürich, forschte Herren an der Berkeley-Universität in Kalifornien.

Lösung lauert in Südamerika

In den 1970er-Jahren wurden Afrikas Maniok-Ernten durch die Schmierlaus, einem eingeschleppten Schädling, massiv bedroht. Giftige Chemikalien kamen zum Einsatz – mit wenig Erfolg. Es drohte eine grosse Umwelt- und Hungerkatastrophe. In der Folge wurde der damals 31-jährige Herren vom International Institute of Tropical Agriculture (ITA) in Nigeria angestellt, um einen alternativen Umgang mit dem Problem zu entwickeln.

In Paraguay wurde der Forscher fündig, wonach er suchte. Herren entdeckte eine Wespenart, die Schmierläuse befällt und tötet. Eine umfassende Freisetzungskampagne nahm ihren Lauf: In 24 Staaten des sogenannten Maniok-Gürtels Afrikas von Senegal bis nach Angola wurden seit 1982 bis ins Jahr 1993 1,6 Millionen Wespen freigelassen. Die Tiere wurden mitunter von Flugzeugen aus über den Feldern verbreitet.

Mensch und Natur verschont

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Weitere Ehrungen

Neben Herren erhalten Paul Walker aus den USA, der Palästinenser Radschi Surani sowie Denis Mukwege aus dem Kongo den Alternativen Nobelpreis. Walker setzt sich für die Vernichtung von chemischen Waffen ein. Surani ist Gründer des palästinensischen Zentrums für Menschenrechte. Und Mukwege engagiert sich in seiner Heimat für vergewaltigte Frauen.

Inzwischen hat sich ein biologisches Gleichgewicht zwischen den Schmierläusen und ihren natürlichen Feinden eingestellt. Der Maniok-Anbau ist damit nachhaltig ohne den Einsatz von Chemikalien geschützt.

Dieses Programm rettete vermutlich Millionen von Menschen das Leben, denn Maniok zählt zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln dieser Region. 1995 erhielt Herren dafür den Welternährungspreis.

«Hilfe zur Selbsthilfe»

Doch mit dem Kampf gegen die Schmierlaus ist es noch nicht getan. Herren verfolgt unermüdlich die Vision, durch seine Forschung das Leben der Menschen in Afrika zu verbessern: «Afrika braucht Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe», hält der bald 66-jährige Herren fest.

Im Zentrum der Projekte seiner Stiftung Biovision steht das Farmer Communication Programme, das wesentliches Wissen an bäuerliche Kleinbetriebe weiterleitet. Dabei bedient man sich verschiedener Kanäle wie etwa einer Zeitschrift, einer Radiosendung oder einer Internetplattform, um Bauern in ganz Ostafrika ökologische Methoden zu vermitteln.

Drei afrikanische Frauen bei der Honigproduktion Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Herrens Stiftung Biovision vermittelt Wissen: So verbessern beispielsweise Imkerkurse die Honigproduktion. biovision

Vision: Genügend Nahrung für alle

Der Alternative Nobelpreis ist mit 2 Millionen schwedischen Kronen (rund 284'000 Franken) dotiert. Herren teilt sich die Auszeichnung mit drei weiteren Visionären aus den USA, Palästina und der Republik Kongo.

Der Preis ist für Herren eine wichtige Bestätigung für seine Vision: Eine Welt auf der auch 2050, wenn 9 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, jeder mit genügend gesunder Nahrung versorgt werden kann.