Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Schweiz Neues Post-Angebot findet kein Gehör

Wer schlecht hört, kann neuerdings Hörverstärker bei der Post beziehen. Allerdings ohne Beratung. Keine gute Idee, findet der Verband für Menschen mit Hörproblemen. Denn: Die Geräte eignen sich nicht für jedermann.

Die Post verdient mit Päckchen und Briefen nicht mehr genug Geld. Deshalb erweitert sie ihr Angebot am Schalter laufend. Neu kommen ab Mitte August Hörverstärker hinzu, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Online lassen sich die vier Modelle bereits bestellen. Der Preis liegt zwischen 350 und 700 Franken.

«Das Gehör ist sensibel»

Eine Beratung bietet die Post nach eigenen Angaben nicht an. Die Geräte seien selbsterklärend, standardisiert und benötigten kein Fachwissen, sagt Oliver Flüeler, Leiter der Post-Medienstelle im Radio SRF.

Gerade das stört Georg Simmen, den Präsidenten von Pro Audito Schweiz. Der Verband für Menschen mit Hörproblemen verurteilt dieses Angebot. «Das Gehör ist sensibel. Das ist ein Geschäftsfeld zu dem Beratungen dazugehören», sagt Simmen im Gespräch mit «SRF News Online». Dass ein Staatsbetrieb wie die Post in den Gesundheitsmarkt einsteigt, findet er bedenklich. Der Verband will deshalb offiziell Protest beim Bund einlegen.

Bevor man sich irgendetwas ins Ohr steckt, sollte man sich untersuchen lassen.
Autor: Rudolf ProbstKlinikdirektor am Unispital Zürich

Seit zwei Jahren dürfen auch Apotheken und Drogerien Hörgeräte anbieten. Pro Audito habe ebenfalls seine Bedenken geäussert. Aber im Vergleich zur Post könne man in der Apotheke wenigstens ein gewisses Mass an Beratung erwarten. Simmen warnt deshalb vor Gehörschäden, sollte das Gerät über längere Zeit zu laut eingestellt sein.

Professor Rudolf Probst vom Unispital Zürich relativiert. Der Direktor der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie erkennt bei den Hörverstärkern keine Gefahr. Allerdings: «Wenn es zu laut eingestellt ist, kann man sich das Ohr immer kaputt machen. Da verhält es sich ähnlich wie mit jedem anderen Lautsprecher, ob das nun ein Handy oder ein MP3-Player ist.» Ein Gehörschaden sei jedoch unwahrscheinlich. Denn: «Wenn es zu laut ist, hat man den Verstärker schnell wieder abgezogen.»

Beratung ist wichtig

Doch auch Probst hält eine medizinische Abklärung bei Hörproblemen für wichtig. «Bevor man sich irgendetwas ins Ohr steckt, sollte man sich untersuchen lassen.» Er rät zudem, die Geräte vorher zu testen. Grundsätzlich sollte man sich erkundigen, wo und wie man das Gerät einsetzt. Für Menschen mit einem geringen Hörverlust könne der Verstärker durchaus sinnvoll sein. Ob für den Kunden der Gewinn grösser ist, wenn er das Gerät bei der Post kaufe statt beim Akustiker, wage er jedoch zu bezweifeln.

Keine Beratung? Das lässt Christoph Umbricht, der Chef von Claratone, so nicht stehen. Die Firma beliefert die Post mit den Hörverstärkern. Umbricht verweist auf die Helpline von Claratone. Auch der Post-Medienverantwortliche Oliver Flüeler bestätigt: die Post-Angestellten wurden darauf hingewiesen, Kunden bei technischen Fragen an die Claratone-Helpline zu verweisen.

Die Geräte seien einfach, führt der Claratone-Chef in der Konsumenten-Sendung «Espresso» aus. Es handle sich nicht um medizinische Produkte, die zu Recht vom Akustiker angepasst werden müssten, sondern um Unterhaltungselektronik. Die Hörverstärker seien sinnvoll für Menschen ab 55 Jahren, die an einem altersbedingten Hörverlust leiden, also Töne im Hochfrequenzbereich nicht mehr wahrnehmen können. «Die Geräte verstärken die Sprache und filtern die Nebengeräusche heraus.»

Nur ein Luxusprodukt?

Die Verstärker sind allerdings nur für einen vorübergehenden Gebrauch gedacht, weil sich das Gehör laufend verändert. Mit ihren fixen Voreinstellungen können die Hörverstärker kein herkömmliches Hörgerät ersetzen. Pro-Audito-Präsident Simmen zweifelt deshalb daran, dass sich ein Kauf lohnt. «Soll man wirklich bis zu 700 Franken für etwas ausgeben, das man nur vorübergehend braucht?»

Muss sich die Post also reines Profitdenken vorwerfen lassen? Simmen glaubt nicht daran, dass die Hörverstärker zum Renner für die Post werden. Dennoch: «Das Angebot schafft die Nachfrage.» Bei den meisten Leuten sei die Hemmschwelle nicht der Gang zum Arzt. Das Gerät sei die Hemmschwelle, das man sichtbar am Ohr trage. Wenn man aber die neuen, kleineren Modelle am Schalter sehe, dann greife man vielleicht doch zu.

Was sagen Sie dazu?

Ihre Meinung interessiert uns: Was halten Sie vom neuen Angebot der Post? Nutzen Sie die Kommentarfunktion zu diesem Artikel. Die SRF-Sendung «Espresso» vom Mittwoch freut sich auf zahlreiche Beiträge.

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

25 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Kurt E. Müller , Zürich
    Mich nähme doch mal Wunder, wer eigentlich den ganzen überteuerten Ramsch am Postschalter kaufen soll. Wenn man sich wenigstens auf einige wenige nützliche Dinge des Alltags beschränken würde ...
  • Kommentar von Ueli Styger , Herisau
    Schuster bleib bei deinem Leisten. Seit die Post einem Kiosk gleich (ich habe nichts gegen Kioske, diese besuche ich öfters) alles verkauft und die Gänge verstellt, mache ich keinen Schritt mehr an einen Schaltern wenn ich nicht zwingend muss. Glücklicherweise können Marken auch online gekauft werden und gibt es für die Paketzustellung andere Kanäle. Jetzt auch noch Hörvestärker im Sortiment? Welcher Bäcker verkauft gleichzeitig auch noch Brillen?
  • Kommentar von Remigius Hunziker , Basel
    Die Post will zwar ihren Umsatz mit Waren die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören machen. Akzeptiert aber nur ihre Zahlungsmittel (Postcart, Bargeld) EC, etc. sind ausgeschlossen. Dies ist weder Kundenfreundlich und wäre auch mal zu untersuchen. mit den besten Grüssen