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Neues Tarifsystem Spitäler gehen an die Grenze des Erlaubten

Legende: Audio Teure Fehlanreize im Gesundheitswesen abspielen. Laufzeit 9:07 Minuten.
9:07 min, aus Echo der Zeit vom 18.01.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit dem 1. Januar gelten für Spital-Patienten, die sich ambulant behandeln lassen, neue Tarife.
  • Die Ärzte können für einzelne Leistungen weniger abrechnen als früher – damit sollen die Gesundheitskosten sinken.
  • Doch die Spitäler geben Gegensteuer: Sie versuchen trotz tieferen Tarifen noch immer gleich viel zu verdienen.
  • Denn: Bereits jetzt schreiben viele im ambulanten Bereich rote Zahlen.

Ein grosses Universitätsspital informierte seine Ärzteschaft in einem internen Schreiben, dass man «das Optimale» aus den neuen Tarifen herausholen wolle. Das ist kein Einzelfall. Viele Kliniken wollen jetzt – da es für die einzelnen Leistungen weniger Geld gibt, – einfach mehr Leistungen abrechnen. Das widerspricht dem Ziel des Tarifeingriffs diametral: Kosten einzusparen. Doch für manches Spital geht es um die Existenz.

Schon vor den neuen Tarifen war der ökonomische Druck gross. Chefärzte müssen nicht nur medizinische Behandlungen durchführen – sie sind auch dafür verantwortlich, dass die Einnahmen ihrer Abteilung stimmen. Dass die Spitalleitung klare Vorgaben macht, ist gang und gäbe. Ein Beispiel aus einem Nordwestschweizer Kantonsspital: «Die Ziele sehen wie folgt aus: Orthopädie Ist: 2389 Fälle. Soll: 2520 Fälle, plus 5,5 Prozent.»

Erreicht ein Arzt die Ziele nicht, hat dies Konsequenzen. Es sei schon oft vorgekommen, dass Ärzte entlassen wurden, weil sie sich zu wenig nach wirtschaftlichen Zielen ausgerichtet hätten, berichten mehrere Chefärzte gegenüber SRF. Seit dem jüngsten Tarmed-Eingriff sei der Druck auf die Ärzte nun noch grösser geworden.

Abrechnen, was abgerechnet werden kann

Man sei gezwungen, die Leistungserfassung anzupassen. «Man muss die Abrechnung optimieren. Das heisst: Man muss jetzt bis an die Grenze des überhaupt Möglichen gehen», sagt Michael Thiel, Chefarzt an einem Kantonsspital.

Wenn Patienten nicht im Spital übernachten, sondern gleichentags wieder nach Hause gehen, dann wird nicht mit Fallpauschalen abgerechnet, sondern jeder einzelne Behandlungsschritt wird separat aufgeschrieben. Das lasse viel Spielraum, sagt Tarzis Jung, Chefarzt für Radiologie und im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie. «Je nachdem, wie man untersucht und abrechnet, generiert man mehr oder weniger Ertrag.»

Die neuen Tarife führen in den Spitälern zu Fehlanreizen. Es geht nicht soweit, dass die Patienten zu Schaden kommen. Es kann zum Beispiel durchaus sinnvoll sein, eine Vorabklärung vor dem Spitalaufenthalt durchzuführen. Aber es geht soweit, dass die Ärzte bis an die Grenze des Erlaubten gehen müssen. Im Extremfall hängt ihr Job davon ab – im weniger extremen Fall ihr Lohn.

Spitäler kämpfen ums Überleben

Dass die Spitäler die Ärzte unter Druck setzen, liegt daran, dass auch sie selbst unter Druck stehen. Sie haben zum einen oft Leistungsaufträge, können unrentable Untersuchungen also oft nicht einfach abgeben. Zum anderen haben sie Vorgaben von den Eignern oder dem Verwaltungsrat. Schliesslich müssen sich die Spitäler im freien Markt behaupten und wollen deshalb Gewinne erzielen, um wieder in die Infrastruktur investieren zu können.

Hohe Fallzahlen sind für die Spitäler zudem wichtig, weil sie die Erlaubnis, eine Behandlung durchzuführen, verlieren, wenn sie diese nur selten machen.
Können interessante Behandlungen nicht mehr angeboten werden, wird es schwieriger, noch gute Ärzte zu finden – eine Abwärtsspirale.

Muss ein Spital dann schliessen, wäre dies zwar begrüssenswert hinsichtlich der Gesundheitskosten. Es birgt jedoch sozialpolitischen Sprengstoff. Spitäler sind in vielen Regionen grosse und wichtige Arbeitgeber.

Politische Debatte stockt

Wie weiter also? Für welche Behandlung wie viel abgerechnet werden darf, ist momentan Gegenstand intensiver politischer Debatten. Die verschiedenen Akteure – Krankenkassen, Spitäler, Ärzte, Politik, Kantone – versuchen seit langem, ein neues Tarifsystem zu entwickeln.

Zur Diskussion steht etwa, ob es nur noch Pauschalen geben soll, damit beim Abrechnen weniger Spielraum besteht. Dies fordern unter anderem die Krankenkassen. Doch die Verhandlungen laufen sehr harzig. Zu viele Akteure sind involviert, zu viele verdienen am Gesundheitssystem.

Keine Einigung bei Tarifpartnern

Tarmed dient der Abrechnung von ambulanten ärztlichen Leistungen in Arztpraxen und Spitälern mit einem Einzelleistungstarif. Er umfasst über 4000 Positionen. Tarmed ist seit 2004 in Kraft und es ist unbestritten, dass das Tarifsystem einer Revision unterzogen werden soll. Jedoch konnten sich die Tarifpartner bisher nicht auf einen gemeinsamen Vorschlag einigen, deshalb nutzte der Bundesrat seine subsidiäre Kompetenz und erliess Anpassungen, die seit dem 1. Januar 2018 in Kraft sind. Es handelt sich jedoch um eine Übergangslösung. Die Tarifpartner verhandeln weiterhin über eine Gesamtrevision.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von S. Zgraggen (NACHGEDACHT)
    Alle die hier auf die Spitäler und Ärzte schimpfen: Wir sind es selbst, die 24h Notfallaufnahmen, Einzelzimmer, Spezialisten, ***Essen und stets freie Op-Säle wünschen! Darüber hinaus die modernsten Medikamente und Therapien, MRI und 2.Gutachten. Badepools zum Gebären usw. Das wiederum bedeutet das ältere Spitäler in Neubauten investieren müssen. Na also was denn nun?
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  • Kommentar von Beat. Mosimann (AG)
    Seit 2004 haben Ärzte neue Abrechnungsform, der Patient kann das nicht durchschauen od. kontrollieren. Das Resultat sollte Millionen ersparen, nun ist das bewiesenermassen nicht passiert;) In dem Fall ist das eine Lachnummer? Lächerlich sind die ununterbrochenen Medikamenteneinnahme, Entzug;) würde wohl Einsparungen in Millionenhöhe bewirken, da sind die KK gefordert, mit den Ärzten zu verhandeln. Die nächste Generation, wird wohl keine Tabletten jahrelang einnehmen, dank den Beipackzettel.
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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Was wir nicht kennen sind die Minimal- und Maximalsaläre. Je nach dem kann man mit den Arzten Mitleid haben. Warum kommen so viele Deutsche zu uns?
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Die Zeit als viele Deutsche Aerzte gekommen sind ist längst vorbei. Kleine Spitäler sind inzwischen froh, wenn ihre Abteilungsärzte überhaupt noch Deutsch können. Rekrutiert wird aktuell in Russland, Rumänien, Tunesien, Aegypten, Polen, Slowakei. In Deutschland sind die Arbeitsbedingungen für Spitalärzte von den Arbeitszeiten bis zum Lohn weit besser als in der Schweiz.
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