Notfallpläne für Ansturm der Flüchtlinge bleiben in der Schublade

Angenommen, die Fluchtroute der Flüchtlinge Richtung Europa würde direkt durch die Schweiz führen und tausende Menschen würden hier innert kürzester Zeit ein Asylgesuch stellen. Seit Monaten bereiten sich die Behörden auf solche Krisenszenarien vor, obwohl in der Realität die Asylzahlen sinken.

Zwei Grenzwächter von hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zurzeit halten Grenzwächter zwischen 50 bis 80 Personen täglich an - deutlich weniger als letztes Jahr. Keystone

Grenzwächter merken zuerst, wenn auf einmal deutlich mehr Menschen in die Schweiz kommen – so wie letztes Jahr, als die Zahlen hochgeschnellt sind. Zurzeit aber wirkt Patrick Benz vom Grenzwachtkorps ziemlich entspannt. «Es handelt sich aktuell nicht um eine Krisenlage. Wir halten zwischen 50 bis 80 Personen täglich an. Letztes Jahr gab es Tage, da lag die Zahl deutlich über 100», sagt er.

Weniger Asylanträge seit Balkanroute zu ist

Dieses Jahr sind die Asylzahlen Monat für Monat zurückgegangen. Das hat direkt mit der Balkanroute zu tun: Seit diese blockiert ist, gelangen kaum mehr Asylsuchende via Österreich oder Deutschland in die Schweiz. Davor waren vor allem Afghanen und Syrer auf diesem Weg eingereist.

Bislang haben sich keine fixen Alternativen zur Balkanroute etabliert – etwa von Griechenland direkt nach Italien oder via Albanien. Jürg Martin Gabriel dokumentiert auf seiner Website «Blue Borders» seit Jahren Zahlen und Fakten zur Migration nach Europa. Der emeritierte ETH-Professor für internationale Politik sagt: «Die alte Route über Libyen, die jeden Sommer benutzt wird, ist die einzige Route, die ernsthaft anzuschauen ist.»

Gleich viele Menschen unterwegs, mehr Tote

Von Libyen übers Mittelmeer nach Italien ist wieder zur Hauptroute für Menschen geworden, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen. Beat Schuler leitet das Büro des UNO-Flüchtlings-Hilfswerks UNHCR in Malta. Er sagt, dieses Jahr hätten bislang etwa gleich viele Menschen diese Route genommen. Die Fahrt aber sei noch gefährlicher geworden. «Wir verzeichnen mehr Ertrunkene und Vermisste. Das heisst, dass in Libyen kaum noch seetaugliche Boote vorhanden sind», sagt Schuler.

Das UNHCR wisse von mindestens hunderttausend registrierten Migranten, die in Libyen auf eine Überfahrt warteten. «Zurzeit kommen sie hauptsächlich aus Nigeria, Gambia, Somalia und Eritrea.»

Weniger Syrer und Afghanen

Der Weg über Libyen ist bislang also nicht zum Ersatz für die Balkanroute geworden – kein Ersatzweg für Afghanen oder Syrer also. Für Syrer etwa gebe es zurzeit kaum Reisewege nach Libyen, sagt Beobachter Jürg Martin Gabriel, denn «die Flugrouten sind heute anders als früher. Man kann nicht mehr mit einem Flugzeug aus einem syrischen Flüchtlingslager via Ägypten nach Libyen fliegen.»

Das schlägt sich direkt in den Schweizer Asylstatistiken nieder: In den letzten Monaten reisten weniger syrische und afghanische Asylsuchende ein. Die Spitzengruppe bilden zurzeit – wie fast immer in den letzten Jahren – die Eritreer. Sie gelangen über Libyen nach Italien und weiter in die Schweiz.

Asylzahlen: Szenarien und Realität

4:17 min, aus Echo der Zeit vom 31.05.2016

Empfangszentren schnell überlastet

Italien sollte sie sowie alle übrigen Flüchtlinge dank der neuen Empfangszentren, den so genannten Hotspots, seit diesem Jahr eigentlich konsequenter registrieren. Diese Hotspots seien aber rasch überlastet, sagt Beat Schuler vom UNHCR. «Die Leute gehen dann nicht durch die Hotspots, sondern werden woanders in Italien ankommen. Dort ist die erkennungsdienstliche Behandlung der Asylsuchenden noch nicht so gut wie an den Hotspots.» Das ist ein Problem für die Schweiz. Unregistrierte Asylsuchende können die Behörden nicht an Italien zurückstellen.

Von Krisenszenarien ist Schweiz weit entfernt

In diesen Wochen hat die Hauptsaison für Überfahrten von Libyen nach Italien begonnen. Wie jedes Jahr hat das direkte Folgen für die Schweiz. «Kommen mehr Menschen in Italien an, kommen sie ein paar Wochen später an unserer Südgrenze an», sagt Patrick Benz vom Grenzwachtkorps. Von Krisenszenarien aber sei die Schweiz weit entfernt. Die Notfallpläne bleiben in der Schublade – für den Moment.