Kein Koran mehr für alle Oberster Polizeidirektor fordert «Lies»-Verbot

In der «Rundschau» bezeichnet KKJPD-Präsident Käser die Koranverteilungsaktion als Speerspitze des IS.

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Kommt ein Verteilverbot für den Koran?

19 min, aus Rundschau vom 21.12.2016
  • «Lies» ist gegen die geltenden Gesetze und will die Scharia einführen.
  • Deutschland hat «Lies» im November verboten. In der Schweiz sind die «Lies»-Aktivisten weiterhin aktiv. Sie folgen den Anweisungen des deutschen Hasspredigers Ibrahim Abu Nagie.
  • In der Schweiz ist ein «Lies»-Verbot umstritten, nun fordert der Berner Regierungsrat und KKJPD-Präsident ein Verbot.
  • Gegner eines Verbotes befürchten eine Abwanderung der Aktivisten in den Untergrund.

Deutschland habe gute Gründe, «Lies» zu verbieten, begründet der Berner Regierungsrat Käser (FDP) seine Forderung im «Rundschau»-Interview: «Die Bewegung ist sehr gefährlich und unter anderem dafür verantwortlich, dass junge Menschen in den Dschihad ziehen.»

Kostenloser Koran für alle

«Lies» rufe ausserdem dazu auf, nicht alle geltenden Gesetze zu befolgen: «Damit wir wirklich eingreifen und auch durchgreifen können, braucht es ein Verbot.» Käsers Wort hat Gewicht: Er ist Präsident der Kantonalen Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren ( KKJPD).

Die Verbotsforderung ist in der Schweiz umstritten. Bundesanwalt Michael Lauber befürchtet, dass die Aktivisten in den Untergrund abwandern könnten.

Die 2011 unter dem Namen «Lies» in Deutschland gestartete Koranverteilkampagne hat eine möglichst grosse Verbreitung des Islams zum Ziel. Jedem Haushalt soll kostenfrei ein Exemplar des Korans zur Verfügung gestellt werden.

Schweizer Statthalter von deutschem Hassprediger

Die Koranverteilungsaktion «Lies» gefährde die verfassungsmässige Ordnung. Deshalb hat Deutschland den Verein des Hasspredigers Ibrahim Abu Nagie verboten – im Gegensatz zur Schweiz. «Rundschau»-Recherchen zeigen: Die Schweizer «Lies»-Aktivitäten werden über Abu Nagies Statthalter weitergeführt.

Sie wollen auch in der Schweiz die Scharia, das islamische Recht, einführen: «Weil sie von Gott kommt. Weil das Gesetz hier nicht von Gott kommt. Gott sagt, was für uns Menschen gut ist.» Die Aktivisten folgen den Anweisungen der Schweizer Statthalter von «Lies»-Gründer Ibrahim Abu Nagie. Seine Botschaft ist klar: Wer seinen Islam nicht annehme, komme in die Hölle, verkündete er mehrfach in Videos seiner Strassenmission. Seit 2013 reisten mehrere Aktivisten aus dem Schweizer «Lies»-Umfeld in den Dschihad nach Syrien.

Missionieren für den Dschihad

Die «Rundschau» hat das Abu Nagies Netzwerk in der Schweiz über Jahre recherchiert. «Lies»-Statthalter in der Ostschweiz war Alperen A. Videos zeigen den späteren Dschihad-Reisenden aus Arbon zusammen mit Abu Nagie am Bodensee oder an einem «Lies»-Stand in Zürich-Oerlikon.

2014 reiste Alperen A. zu einer Terror-Gruppe im Nordwesten Syriens. Über Whatsapp sendete er Audiobotschaften voller Hass gegen die Ungläubigen nach Hause: «Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kuffar abzuschlagen. Unter uns sind Männer wie Osama Bin Laden, unter uns sind Männer wie Abu Bakr Al Baghdadi.» Alperen A. soll sich heute in der Türkei aufhalten.

«  Irgendwann wird der IS auch an der Schweiz anklopfen. »

Valdet Gashi
Gefallener Dschihad-Reisender

Über den gefallenen Dschihad-Reisenden Valdet Gashi führt Abu Nagies Spur nach Winterthur. Der «Lies»-Gründer benutzte den Kickboxweltmeister als Zugpferd für seine salafistische Strassenmission. Gashi betrieb in Winterthur ein islamisches Trainingscenter und verkehrte in der radikalen An-Nur-Moschee.

Im Juni 2015 hat die «Rundschau» mit Valdet Gashi in Syrien telefoniert: Er sei zum Helfen hier, aber der Vormarsch des Islamischen Staates sei nicht aufzuhalten. Missionieren im Stile Abu Nagies: «Irgendwann wird der IS auch an der Schweiz anklopfen. Wenn die Schweizer den Islam nicht annehmen, dann wird ein Kampf irgendwann unausweichlich.»

«'Lies' ist keine harmlose Vereinigung»

Ausser Gashi zogen mindestens fünf weitere Jugendliche aus Winterthur in den Dschihad. Sie waren alle für Lies auf der Strasse. Abu Nagies Mann im Hintergrund sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft: Konvertit S. V. gilt als Leitwolf der Winterthurer Szene. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, gegen das Bundesgesetz über das Verbot von IS und Al-Kaida verstosen zu haben. S. V. soll selbst in Syrien gekämpft haben.

Ibrahim Abu Nagie lässt über Facebook ausrichten, es gäbe keinen einzigen Beweis dafür, dass er und sein Verein dschihadistische Aktivitäten unterstützten. Deutschland habe ihn vorverurteilt. Pionierarbeit gegen das deutsche «Lies»-Verbot leistete der Verfassungsschutz der Hansestadt Hamburg: «'Lies' ist keine harmlose Vereinigung, sondern propagiert den militanten Dschihad und strebt eine Gesellschaftsordnung auf der Basis der Scharia an, die mit unserer Demokratie, unserem Grundgesetz nicht vereinbar ist.»