Parkhäuser: Die ungeliebten Cashcows

Als Autofahrer ist man froh, kann man den Wagen irgendwo parkieren kann, ärgert sich allenfalls aber über die Parkgebühren. Obwohl Parkhäuser vielfach einen schönen Gewinn abwerfen, haben sie es schwer. Politisch sind sie vielerorts umstritten. In Thun zeigt sich das exemplarisch.

Die zwei markanten Wahrzeichen der Stadt Thun stehen friedlich auf einem Hügel: das Schloss mit seinen vier Türmen und die Stadtkirche. Im Hügel drin herrscht jedoch ohrenbetäubender Lärm. Eine 130-Tonnen Bergbaumaschine frisst sich seit einigen Wochen durch den Schlossberg. Bis 2018 entsteht hier ein unterirdisches Parkhaus für 300 Autos – für Schweizer Verhältnisse ein grosses Parkhaus.

Renditeobjekt «Parkhaus»?

4:29 min, aus Rendez-vous vom 13.05.2016

Andreas Maurer, ausgerüstet mit gelben Stiefeln und Helm, beobachtet das Ungetüm auf der Baustelle. Er ist Geschäftsführer der Parkhaus Thun AG, die im Auftrag der Stadt im Schlossberg baut. «Die Idee ist ganz klar, dass man den motorisierten Individualverkehr möglichst nah an die Stadt, aber nicht in die Stadt heranführen möchte», erklärt er. «Und das bedingt, dass man entsprechende Parkiermöglichkeiten schafft.»

Konkurrenz zu Einkaufszentren auf dem Land

Aus diesem Grund baut die Stadt Thun gleich zwei neue Parkhäuser. Sobald diese fertig sind, werden in der Innenstadt bestehende Parkplätze aufgehoben. So soll die Innenstadt attraktiver werden – auch gegenüber den grossen Einkaufszentren am Rand der Stadt: «Mit dem Bauen von Einkaufzentren auf der grünen Wiese, die zudem noch meist günstig, wenn nicht gar gratis Parkplätze anbieten, geraten die Innenstädte ins Hintertreffen», befürchtet Maurer. «Mit diesen Parkhäusern wollen wir Gegensteuer geben.» Deshalb wird jetzt der Berg ausgehöhlt.

«  In den letzten Jahren war die Bautätigkeit in den kleinen und mittleren Zentren etwas grösser. »

Alain Chaney
Geschäftsführer Wüest & Partner Bern

Weit weg von Lärm, Staub und Schlamm sitzt Alain Chaney in seinem Büro. Er ist der Geschäftsführer von Wüest & Partner in Bern, einem Beratungsunternehmen für Immobilien und Raumentwicklung, und er hat die wenigen verfügbaren Daten über Parkhäuser ausgewertet. Thun ist kein Einzelfall, wie er weiss: «Regional sieht man, dass in den letzten Jahren vor allem in den kleinen und mittleren Zentren die Bautätigkeit etwas grösser war als in den Grosszentren.»

Vor allem weil es in kleineren Städten verhältnismässig einfacher ist als in Grossstädten, Platz für ein neues Parkhaus zu finden. Wüest & Partner schätzt, dass es heute in der Schweiz bis zu 1500 öffentlich zugängliche Parkhäuser gibt.

Blütezeit des Parkhausbaus vor 40-50 Jahren

Viele davon wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut. Das war die grosse Zeit der Parkhäuser: Innerhalb weniger Jahre hatte sich damals die Zahl der Autos verdoppelt und der Raum wurde knapp. So begann man in den Städten, die Fahrzeuge zu stapeln. Auch in Thun: Anfang der 1970er-Jahre wurde das erste Parkhaus in Betrieb genommen, später kam ein weiteres hinzu.

Beide Parkhäuser werfen seither Jahr für Jahr Gewinn ab. Und das gelte für viele bestehende Parkhäuser, sagt Chaney: «Sie haben einfach eine wertvollere Ressource. Wenn sie ein Parkhaus an einer zentralen Lage haben, ist das sehr schwer zu kopieren und dadurch auch eine Art lokale Monopolstellung, die es ermöglicht, anständige Erträge zu erzielen.»

«  Für die einen ist das Projekt ein Ding des Teufels, für die anderen ein Segen. »

Andreas Maurer
Geschäftsführer Parkhaus Thun AG

Anständige Erträge – das bedeutet eine jährliche Rendite von rund 4,5 Prozent. Diese ist vergleichbar mit vermieteten Büros, aber kleiner als bei Wohnungen. Auch in Thun haben die Autofahrer in all den Jahren Geld fürs Parkieren bezahlt – soviel, dass die Gewinne jetzt für zwei neue Parkhäuser reichen: 42 Millionen Franken kostet alleine das unterirdische Parkhaus im Schlossberg. Das ist viel Geld für 300 Parkplätze; auch im Vergleich zu anderen, neuen Parkhäusern in der Schweiz.

Schlossbergparking in Thun: Fluch oder Segen?

Teuer macht es vor allem Bergbauverfahren. Das Geld aus der eigenen Kasse hat es mitunter möglich gemacht, das politisch umstrittene Projekt zu realisieren. Bereits 1965 gab es die erste Idee für eine Autoeinstellhalle im Schlossberg – bis zum knappen Ja an der Urne hat es allerdings fast ein halbes Jahrhundert gedauert.

Maurer von der Parkhaus Thun AG hat in all den Jahren beobachtet: «Für die einen ist das Projekt ein Ding des Teufels, für die anderen ein Segen und eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine Stadt überhaupt florieren und überleben kann.»

Fakten zu Parkhäusern in der Schweiz

Die grosse Mehrheit der Parkhäuser in der Schweiz wurde in den 1960er- und 70er-Jahren gebaut. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich die Zahl der Personenwagen mehr als verdoppelt: von 509‘279 (1960) auf 1‘383‘204 Autos (1970). Nach dem Boom ist es in den vergangenen Jahrzehnten wegen des politischen Widerstandes gegen Parkhäuser und des knappen Bodens vor allem in den Grossstädten deutlich schwieriger geworden, neue Parkhäuser zu bauen.

Über die Anzahl der Parkhäuser in der Schweiz gibt es keine genauen Angaben. Beim Verein ParkingSwiss (rund 90 Mitglieder) sind viele der grossen Parkhausbetreiber zusammengeschlossen. ParkingSwiss schätzt die gesamte Zahl der Parkhäuser mit einer Barriere in der Schweiz auf rund 2000. Das Beratungsunternehmen Wüest & Partner von 1200 bis 1500 öffentlich zugänglichen Parkhäusern aus.

Die Betreiberstruktur erschwert eine genaue Übersicht: Parkhäuser werden direkt von der öffentlichen Hand oder einer Aktiengesellschaft im Auftrag einer Gemeinde betrieben. Die Parkhaus Thun AG ist so ein Beispiel. Darüber hinaus sind öffentlich zugängliche Parkhäuser auch in privater Hand, etwa in jener der AMAG Services AG.

Ebenso fehlen umfassende Angaben über die Rentabilität von Parkhäusern. Wüest & Partner geht davon aus, dass ein Parkhaus in der Schweiz im Durchschnitt rund vier Prozent Rendite abwirft. Allgemein gilt, dass Parkhäuser an zentral gelegenen Standorten mit einer rund-um-die-Uhr-Auslastung gewinnbringender sind als Parkhäuser in kleineren Ortschaften, wo die Fahrzeuge beispielsweise nur stundenweise abgestellt werden.