Zum Inhalt springen
Inhalt

Schweiz Pestizid-Cocktail im Bach

Es ist ein regelrechter Pestizid-Cocktail: 21 Spritzmittel hat die «Rundschau» in einem Bach im Kanton Thurgau gemessen. Drei Giftstoffe liegen ein Mehrfaches über dem Grenzwert der Gewässerschutz-Verordnung. Für Menschen besteht keine direkte Gefahr.

Legende: Video Pestizid-Cocktail in Flüssen abspielen. Laufzeit 10:05 Minuten.
Aus Rundschau vom 14.10.2015.

«Das ist ein bemerkenswert hoher Wert», sagt Christian Stamm vom Wasserforschungsinstitut Eawag zu der Pestizid-Konzentration im Eschelisbach bei Güttingen (TG). Die «Rundschau» hat Ende Juli dort Stichproben genommen und diese von einem Vertrauenslabor in Deutschland untersuchen lassen.

Insgesamt lassen sich 21 Spritzmittel nachweisen. Gemäss Gewässerschutzverordnung gilt pro Giftstoff ein Grenzwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter. Drei Stoffe liegen deutlich darüber: Azoxystrobin mit 2,4 Mikrogramm und Azoxystrobinsäure mit 4.6 Mikrogramm. Mit 9.4 Mikrogramm überschreitet die gefundene Menge des Fungizids Fluopyram den Grenzwert um das mehr als 90fache.

Wir haben ein Problem in unseren Gewässern.
Autor: Christian StammWasserforschungsinstitut Eawag

«Die Stichprobe passt ins Bild, das wir mit unseren Studien breit abgestützt sehen», so Christian Stamm vom Wasserforschungsinstitut Eawag. In Bächen und Flüssen in intensiv landwirtschaftlich genutztem Gebiet würden zum Teil bis zu 50 Giftstoffe nachgewiesen. «Wir haben ein Problem in unseren Gewässern, und man müsste Massnahmen treffen, um solche Konzentrationen zu vermeiden.»

Bach
Legende: 21 Spritzmittel wurden im Eschelisbach gemessen. Immerhin: Direkt schädlich sind sie für den Menschen nicht. SRF

Bundesamt für Landwirtschaft sieht kein Problem

Was sagt das Bundesamt für Landwirtschaft zu den festgestellten Messwerten? Vizedirektorin Eva Reinhard beurteilt die Messungen anders als der Wasserforscher: «Von den gemessenen Konzentrationen geht sicher kein Risiko für Mensch und Umwelt aus.» Die Werte seien zwar über dem Grenzwert der Gewässerschutzverordnung. Doch sie würden keine Gefahr darstellen, betont die Vizedirektorin des Landwirtschaftsamtes.

Ringen um neue Grenzwerte

Der Bund ist zurzeit daran, die Gewässerschutzverordnung zu revidieren. Dabei werden auch neue Grenzwerte für Pestizide festgelegt. Der Bauernverband und die chemische Industrie erhoffen sich von der Revision deutlich grosszügigere Werte.

Die Bauern am Eschelisbach betonen, dass sie ohne Pflanzenschutzmittel nicht wirtschaftlich produzieren könnten: «Das Ganze gibt einem schon zu denken. Aber wir müssen kostendeckend und in Top-Qualität produzieren», sagt Roland Müller. Er betreibt nahe am Bach eine Apfelplantage und betont, beim Spritzen alle Vorschriften eingehalten zu haben.

Pflanzen und Tiere leiden unter Pestizid-Cocktail

Die Landwirte im Einzugsgebiet des Eschelisbach bauen intensiv Obst und Beeren an. Das hat Folgen für das kleine Gewässer.

Gemäss dem Umweltamt des Kantons Thurgau geht es dem Ökosystem nicht gut. So gibt es im Bach kaum mehr Kleinlebewesen.

Für den Menschen seien die im Eschelisbach gefunden Werte nicht gefährlich, betont auch der Wasserforscher Christian Stamm. Doch der Natur setzte der Pestizid-Cocktail zu: «Wasserlebewesen sind diesen hohen Konzentrationen und auch diesen Mischungen von verschiedenen Substanzen dauerhaft ausgesetzt. Da besteht natürlich dann ein Risiko.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Daniel Hartmann (Daniel Hartmann)
    Das häufigste Pestizid Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend, schweizweit beklagen die Winzer Missbildungen bei den Trauben durch Pestizide, Bayer will "freiwillig" Schadenersatz in Millionenhöhe leisten, die Zulassungprüfung für Pestizide erweist sich als ungenügend. Trotzdem tolerieren die Bundesämter für Landwirtschaft BLW, für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV und das Bundesamt für Umwelt BAFU den Einsatz der meisten Pestizide auch unmittelbar neben Trinkwasserfassungen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christoph Maurer (christoph_maurer@bluewin.ch)
      Bei dem Bayer Produkt handelt es sich um ein Fungizid, das den Wirkstoff "Fluopyram" enthält. Gerade dieser Stoff hat den erlaubten Grenzwert um das 94-fache überschritten!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christoph Maurer (christoph_maurer@bluewin.ch)
    Leider ist der Eschelisbach keine Ausnahme im Kanton Thurgau. Ähnliche Analyseergebnisse liegen auch aus Bächen im Oberthurgau vor. Der Kommentar aus Bern ist der absolute Hammer! Alles kein Problem, die gemessene Konzentration ist nicht toxisch. Dabei ist mindestens das Azoxystrobin sehr wohl giftig, aber halt nur für Wasserbewohner. Vogel Strauss lässt grüssen, oder war es das Sandmännchen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Reto Tanner (Snailda)
    Erstaunlich, wie das BLW noch immer vom "end of pipe" spricht und nicht von "beginning of pipe". Anstatt darüber zu debattieren, wie viel von welchem Stoff überhaupt noch in die Gewässer eingeleitet werden darf, sollte mit allen Mitteln verhindert werden, dass Fremdstoffe überhaupt in unsere Gewässer gelangen können. Nur all zu gerne hätte ich Frau Reinhard vom BLW gefragt, was ihr Wissensstand über Embriotoxizität ist. Eine solche Aussage wie sie sie gemacht hat, ist schlicht unverantwortlich!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen